Die Kuckucksuhr: Vom Kitsch- zum Kultobjekt

Auto- und Uhrenmuseum zeigt "Black Forest 4.0": die "verrücktesten" Kuckucksuhren

SCHRAMBERG (him) – Das Auto- und Uhrenmuseum widmet der Familie Haas aus Schonach eine große Sonderausstellung. „So eine verrückte Kuckucksuhren Ausstellung dürfte es wohl noch nie gegeben haben“, ist Ingolf Haas, einer der Macher, überzeugt. Die Besucher der Eröffnung wollten ihm nicht widersprechen.

Die Sonderschau mit dem Titel „Black Forest 4.0 – Familie Haas Revolutionäre des Schwarzwalds“ zeigt die ungewöhnlichen Kuckucks-Uhren von Conny und Ingolf Haas, aber auch Foto-Grafiken von Tochter Selina. Die Pianomusik des Jüngsten, Enya Haas, ist ebenfalls zu erleben.

Zur Eröffnung waren etwa 80 Besucher gekommen. Oberbürgermeister-Stellvertreter Jürgen Winter hieß die Gäste willkommen. Er setzte sich in seiner Einführung mit der Revolution, dem Heimatbegriff und der Zeit auseinander. Während in der Politik mit revolutionärem Handeln umstürzlerisches gemeint sei, sei es bei der Familie Haas auf künstlerisches Tun bezogen. „Künstlerisches Handeln ist Reflexion der Wirklichkeit“, so Winter. Bezogen auf die Kuckucksuhr fragte er: „Darf man die überhaupt verändern oder ist das ein blasphemischer Eingriff in unser gewohntes Bild?“

Unsere Zeit sei vom immer schnelleren Wandel bestimmt, so Winter. Es falle den Menschen immer schwerer, „sich zuhause zu fühlen. Winter zitierte den Philosophen Theodor Adorno: Die Menschen hätten eine „Sehnsucht nach dem verlorenen Urzustand“.

Dr. Jürgen Winter vor zwei höchst unterschiedlichen Kuckucksuhren.

Aber Winter fragte auch, ob es vernünftig sei, da zu verharren und die industrielle Revolution 4.0 in Bezug auf unseren Heimatbegriff zu ignorieren? Bezogen auf die Kuckucksuhr im modernen Gewand stellte Winter fest, auch so werde sie eine Uhr bleiben, „ihren Wesenskern behalten, aber der Moderne angepasst“. Auch in der Gesellschaft wandle sich das Heimatgefühl, wenn sich die Welt verändere. Das gelte auch für den Schwarzwald mit seiner Mischung aus Tradition und Moderne.

Die Familie Haas produziere seit 1895 Kuckucksuhren. Mit der Einführung moderner Designs habe sie ab 2005 Pionierarbeit geleistet, dabei aber auch „heftigen Gegenwind“ erfahren, wusste Winter. Die Stadt Schramberg sei froh über diese ungewöhnliche Sonderausstellung, die „hohen künstlerischen Anspruch und Heimatliebe aufs beste vereint“.

Nach einem weiteren Stück von Enya Haar auf dem zuvor mit Knetgummi manipulierten Flügen sprach sein Vater Ingolf Haas über die Entwicklung der Kuckucksuhr. Seine Frau Conny und er betätigten sich schon seit Jahrzehnten künstlerisch neben der Produktion von Kuckucksuhren. In vierter Generation stelle seine Familie Kuckucksuhren in Schonach her, seine Frau Conny sei Schildermalerin, er Uhrmacher.

Die Bedeutung der Kuckucksuhr als Symbol für den Schwarzwald, ja für Deutschland insgesamt in der Welt sei enorm. Ihren großen Reiz habe vor 300 Jahren ausgemacht, dass sich da etwas bewegte. Heute sei das nichts ungewöhnliches, aber für die damalige Zeit habe die Kuckucksuhr eine besondere „Faszination im Wohnzimmer“ bedeutet. „Etwas Ähnliches gab es damals noch nicht.“

Den Kuckucksuhrenherstellern ging es bis zu den Terroranschlägen vom 11. September in den USA gut. Doch danach gab es eine große Krise, die US-Amerikaner als beste Kunden blieben aus. Manche Hersteller mussten aufgeben, so Haas. In diesen schwachen Jahren seien sie auf die Idee mit den modernen Designs gekommen. „Die Menschen wollen eine Kuckucksuhr kaufen, die zu ihnen passt“ Und das sei eben nicht mehr immer „Eiche rustikal“.

Als sie ihre ersten modernen Kuckucksuhren auf Ausstellungen gezeigt haben, seien sie „gewaltig angegriffen“ worden. Haas erklärt sich das damit, dass die Kuckucksuhr sehr emotional aufgeladen und „mit einem Gefühl von Heimat verbunden“ werde. Dennoch sei es ein großer Erfolg geworden. An die 100 Fernsehsender seien bei ihnen in der Schwarzwalduhrenmanufaktur Rombach & Haas in Schonach gewesen, fast alle Magazine und Zeitungen hätten berichtet. Das habe der ganzen Branche gut getan. Der Kuckucksuhr gehe es „inzwischen wieder richtig gut: Vom Kitschsymbol zum Kultobjekt.“

Vor gut einem halben Jahr hätten die Museumsleute angesprochen und von ihnen als Revolutionären gesprochen. Da seien sie erstmals darauf hingewiesen worden, dass ihre Arbeit etwas Revolutionäres habe. Die Vorbereitung der Ausstellung habe etwa ein halbes Jahr gedauert, so Haas. Dabei habe das Museumsteam um Harald Burger sie „extrem gut unterstützt“.

Ingolf Haas mit einer seiner Kreationen

Die Schau zeige die Anfänge der Kuckucksuhr. Es folgten traditionelle Uhren mit klassischen Uhrwerken in modernem Design. Dann werde es ganz verrückt mit einer Abteilung „Total crazy cuckoo clocks“.

Ergänzt wird die Schau mit Foto-Grafiken, Bildern und Filmen, die Selina Haas entworfen hat. Ihre Bilder rücken den Schwarzwald in ein modernes Licht. Der jüngste Spross der Familie Enya hat eigene Stücke für Klavier komponiert und auf den mit Knetgummi präparierten Saiten des Flügels ungewöhnliche Klänge erzeugt. In der Ausstellung können die Besucher an einem zum MP3-Spieler umfunktionierten Klavier seine Stücke anhören. Auch das ein wenig umstürzlerisch. Aber wie sagte Haas Senior in Abwandlung von Thomas Morus: „Tradition heißt nicht die Asche zu bewahren, sondern das Feuer weiterzugeben.“

Info: Die Ausstellung ist täglich außer montags im Auto- und Uhrenmuseum in Schramberg im Gewerbepark H.A.U. von 10 bis 17 Uhr zu sehen

 

 

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