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Dienstag, 10. Dezember 2019
Start Schram­berg „Ein moder­nes Kino, dort kann man Fil­me anschau­en“

„Ein modernes Kino, dort kann man Filme anschauen“

Erin­ne­run­gen von Mar­got Facon-Lickl aus Zürich an das Licht­spiel­haus in Schram­berg

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SCHRAMBERG (ck) – Die Dis­kus­si­on über die Zukunft des ehe­ma­li­gen Licht­spiel­hau­ses ruft bei vie­len Zeit­zeu­gen ganz per­sön­li­che Erin­ne­run­gen wach. Zu ihnen gehört auch Mar­got Facon-Lickl, die heu­te in Zürich lebt, sich aber mit ihrer alten Hei­mat­stadt nach wie vor eng ver­bun­den fühlt. Cars­ten Kohl­mann hat mit ihr über das Kino aus den 20er Jah­ren gespro­chen. Mar­got Facon-Lickl hat ihre Erin­ne­run­gen auf­ge­schrie­ben und dem Stadt­ar­chiv zur Ver­fü­gung gestellt.

Mar­got Facon-Lickl wur­de am 6. Sep­tem­ber 1933 als Toch­ter von Her­mann Lickl (1906–1976) und sei­ner Ehe­frau Hil­de­gard Lickl (1909–1987) in Schram­berg gebo­ren und ist in der Zep­pe­lin­stra­ße 12 auf­ge­wach­sen. Sie war eine der ers­ten Frau­en, die in den Uhren­fa­bri­ken Gebrü­der Jung­hans eine Berufs­aus­bil­dung als Uhr­ma­che­rin machen konn­te. 1955 wan­der­te sie mit ihrem Mann René Facon (1931–1994), einem fran­zö­si­schen Besat­zungs­sol­da­ten, in die USA aus, wo sie in ihrem Beruf arbei­te­te. 1963 kehr­te sie mit ihrem Mann nach Euro­pa zurück und lebt seit­dem in der Schweiz. Über ihre Erin­ne­run­gen an das Licht­spiel­haus schreibt sie:

„Als 1939 der Zwei­te Welt­krieg begann, war ich gera­de sechs Jah­re alt gewor­den. Von der Zeit an schick­te mich mei­ne Mut­ter immer wie­der mit Abschnit­ten von Lebens­mit­tel­kar­ten zum Küfer-Leu­t­­ner am Para­dies­platz zum Ein­kau­fen. Auf der ande­ren Sei­te des Plat­zes stand ein gro­ßes vier­ecki­ges Gebäu­de, das so gar nicht zu den Häu­sern rund­um pass­te. ‚Das ist ein moder­nes Kino, dort kann man Fil­me anschau­en’, erklär­te Mut­ter.

Sie nahm mich an einem Sams­tag mit, um an der ‘Kino­kas­se’ eine Ein­tritts­kar­te für die abend­li­che Film­vor­füh­rung zu kau­fen. Mut­ter frag­te die Frau, die in einem Kabäu­schen an der Kas­se saß, ob sie sams­tags einen Logen- oder Sperr­sitz­platz in der hin­ters­ten Rei­he für sie reser­vie­ren kön­ne und für den ich dann die Kar­te abho­len wür­de. Die Frau war gern dazu bereit.

Groß­mutter freu­te sich, dass Mut­ter wenigs­tens die­se ein­zi­ge Abwechs­lung in der Woche hat­te. Vater war von 1938 bis Kriegs­en­de für Jung­hans zur Zün­der­her­stel­lung tätig in einem Werk in Vene­dig, dann in der Schweiz und zuletzt in Nord­böh­men. Mut­ter hat­te allein die Sor­gen für uns alle im Haus zu tra­gen. Auch des­halb stell­te ich mich gern jeden Sams­tag­nach­mit­tag vor der Kino­kas­se an, bekam die gewünsch­te Platz­kar­te, und am Sonn­tag erzähl­te Mut­ter uns von der Wochen­schau, über die sie sich wahn­sin­nig auf­re­gen konn­te. Am 18. Febru­ar 1943, bei einer Mas­sen­kund­ge­bung im Deut­schen Sport­pa­last, rief Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Joseph Goeb­bels den Tau­sen­den zu: ‘Wollt Ihr den tota­len Krieg?’ ‘Ja, Ja, Ja’, hät­te das Volk zurück­ge­brüllt. ‚Die Ber­li­ner hat­ten noch nicht kapiert, dass der Krieg längst ver­lo­ren war!’, sag­te Mut­ter ent­rüs­tet, als sie heim­kam.

Nach der Wochen­schau, in der nur von sieg­rei­chen Kämp­fen und nie vom Ster­ben der deut­schen Sol­da­ten berich­tet wur­de, folg­te der Spiel­film, von dem Mut­ter nur erzähl­te, was für unse­re Ohren geeig­net war. Sie schwärm­te von ihren Lieb­lings­schau­spie­le­rin­nen, ganz beson­ders von der Wie­ne­rin Pau­la Wes­se­ly, der Schwe­din Gre­ta Gar­bo, der Ber­li­ne­rin Mar­le­ne Diet­rich. Ich erin­ne­re mich, dass ich ein­mal die Wochen­schau sehen durf­te, dann aber den gro­ßen Saal ver­las­sen muss­te.

Im Som­mer 1943 besuch­te uns mein Vet­ter Lud­wig Tie­fen­brun­ner. Er war Inten­dant des Front­thea­ters in Polen, und wäh­rend sei­nem Front­ur­laub kam er immer ein paar Tage nach Schram­berg. Mei­ne Schwes­ter Edith und ich hol­ten ihn am Bahn­hof ab und frag­ten ein­mal auf dem Nach­hau­se­weg, was Thea­ter­spie­len ist. Wir waren gera­de vor dem Kino ange­langt, als er plötz­lich sei­nen Kof­fer mit­ten auf den gro­ßen Para­dies­platz stell­te, und laut und immer lau­ter wer­dend, Schil­lers ‚Lied von der Glo­cke’ dekla­mier­te: ‚Fest­ge­mau­ert in der Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt, heu­te soll die Glo­cke wer­den’ – bis zur letz­ten Stro­phe, und dabei so schal­lend lach­te, dass Leu­te vor Stau­nen ste­hen blie­ben, Edith und ich aber am Liebs­ten im Erd­bo­den ver­sun­ken wären.

Nach dem Krieg und der Wäh­rungs­re­form  konn­ten wir Teen­ager end­lich auch ins Kino und die neu­en Hei­mat­fil­me anse­hen. Unser Eng­lisch­leh­rer in der Real­schu­le, Klaus Wol­ters, woll­te auch mal ins Kino und ein Klas­sen­ka­me­rad besorg­te ihm eine Ein­tritts­kar­te in der vor­ders­ten Rei­he. Klaus Wol­ters konn­te sich vor Freu­de kaum fas­sen: ‘Das ist ja wie im Thea­ter’. Er merk­te nicht, dass er ver­äp­pelt wur­de mit dem schlech­tes­ten Platz und alle lach­ten. Mir tat der Leh­rer leid, und ich frag­te den Mit­schü­ler, ob er sich nicht schä­me!“

Zur Dis­kus­si­on über den Umgang mit dem Kul­tur­denk­mal meint die ehe­ma­li­ge Schram­ber­ge­rin: „Was soll mit dem Kino Gebäu­de pas­sie­ren? Ich fän­de es sehr scha­de, wür­de es abge­ris­sen! Man könn­te (stän­de es in einer Groß­stadt) Mode­bou­ti­quen, ein Café mit Sitz­platz oder einen Zeit­­schrif­­ten-Bücher­la­­den ein­rich­ten, auf dem gro­ßen Flach­dach Platz für viel Ober­licht las­sen und an den Rän­dern Solar­plat­ten für Strom und Hei­zung ein­bau­en. Man kann träu­men …“

 

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