Hilde Kimmich bei einem Vortrag über die Familie Reinhardt vor dem „Zigeunerhäusle“ in Waldmössingen im Sommer 2018. Foto: Carsten Kohlmann

Am Sams­tag, 27. April, wird in Wald­mös­sin­gen mit der Fami­lie auch ein gro­ßer Freun­des­kreis von Hil­de Kim­mich Abschied neh­men. Die Kura­to­rin des „Zigeu­ner­häus­les“ ist nach kur­zer, schwe­rer Krank­heit im Alter von 74 Jah­ren ver­stor­ben.

Wer Hil­de Kim­mich beim Dorf­fest „Wald­mös­sin­gen pul­siert“ noch vor einem hal­ben Jahr vol­ler Ener­gie in der Aus­stel­lung „Wald­mös­sin­ger Fami­li­en­ge­schich­ten“ erlebt hat, konn­te sich nicht vor­stel­len, dass sie bereits nur ein hal­bes Jahr spä­ter ster­ben wür­de. Als ehren­amt­li­che Mit­ar­bei­te­rin des Stadt­ar­chivs Schram­berg und Kura­to­rin des „Zigeu­ner­häus­les“ hat­te sie mit Unter­stüt­zung von Mar­tin King für das Dorf­fest eine Aus­stel­lung erar­bei­tet, in der eini­ge der ältes­ten bis­her bekannt gewor­de­nen Fami­li­en­bil­der zu sehen waren, ergänzt durch Stamm­bäu­me und Quel­len aus der reich­hal­ti­gen Über­lie­fe­rung des Orts­ar­chivs Wald­mös­sin­gen, das seit 2013 im Stadt­ar­chiv Schram­berg ver­wahrt wird.

Die „Wald­mös­sin­ger Fami­li­en­ge­schich­ten“ stie­ßen bei den Dorf­fest­be­su­chern auf reges Inter­es­se. Naemi Flaig, eine jun­ge Wald­mös­sin­ge­rin, die in der Aus­stel­lung das ers­te Mal das ältes­te Bild ihrer Fami­lie sehen konn­te, schrieb dazu: „Es war sehr inter­es­sant, vor allem, weil ich auch etwas über unse­re Vor­fah­ren erfah­ren konn­te, Din­ge, die ich wirk­lich nicht wuss­te.“ Sol­che Erfah­run­gen bestä­tig­ten Hil­de Kim­mich im Enga­ge­ment für ihren Hei­mat­ort. Über ihre Moti­va­ti­on sag­te sie: „Es fehlt das Bewusst­sein, dass man etwas zu pfle­gen hat. Mit Zukunfts­mu­sik allein ist es nicht getan. Man muss auch auf etwas auf­bau­en kön­nen.“ Wenig spä­ter stell­te sie die „Wald­mös­sin­ger Fami­li­en­ge­schich­ten“ auch beim ört­li­chen Senio­ren­nach­mit­tag vor und beein­druck­te ein­mal mehr mit ihrem gro­ßen Wis­sen und ihrer eben­so gro­ßen Fähig­keit, es unter­halt­sam und ver­ständ­lich ver­mit­teln zu kön­nen.

Hil­de Kim­mich war wie Maria Erath (1867–1942), die Mut­ter des Schrift­stel­lers Vin­zenz Erath (1906–1976) aus Wald­mös­sin­gen, eine „begna­de­te Erzäh­le­rin“. Sie lieb­te Geschichte(n) – und konn­te sie meis­ter­haft erzäh­len – selbst­ver­ständ­lich in ech­tem Wald­mös­sin­ge­risch. Auch sie hat­te, wie Vin­zenz Erath es im ers­ten Kapi­tels sei­nes Romans „Grö­ßer als des Men­schen Herz“ im Jahr 1951 schrieb, „etwas von jenem Honig gekos­tet, den die Göt­ter nur an Bevor­zug­te zu ver­tei­len pfle­gen, vom Honig des Künst­ler­tums.“
Hil­de (Eli­sa­beth) Kim­mich erblick­te als ers­te von drei Töch­tern des Land­wir­tes und Stra­ßen­war­tes Max Kim­mich (1912–1973) und sei­ner Ehe­frau Pau­li­ne Kim­mich (1920–2002)am 3. Novem­ber 1944 in Wald­mös­sin­gen das Licht (und Dun­kel) der Welt. Ihr Eltern­haus in der „Vor­stadt“ ist seit alters her unter dem Namen „s’Oafere“ bekannt. In ihrer Kind­heit in den 1940er- und 1950er-Jah­ren erleb­te sie noch das alte Dorf, wie es in den Roma­nen von Vin­zenz Erath so ein­drucks­voll beschrie­ben wird. Zusam­men mit ihren Schwes­tern war sie von Jugend an im Rad­fahr­ver­ein Wald­mös­sin­gen Wan­der­lust 1921 aktiv, spä­ter auch als lang­jäh­ri­ge Schrift­füh­re­rin und stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de.

Der Besuch einer pri­va­ten Han­dels­schu­le und eine kauf­män­ni­sche Berufs­aus­bil­dung beim „Schwarz­wäl­der Boten“ in Obern­dorf am Neckar öff­ne­ten der jun­gen Frau vom Land das Fens­ter zur Welt. Die inter­es­san­tes­te Pha­se ihres viel­fäl­ti­gen Berufs­le­bens hat­te sie bei der inter­na­tio­na­len Holz­ver­ar­bei­tungs­fir­ma Dan­zer in Reut­lin­gen, für die sie nach Frank­reich zog (Straß­burg) und nach Afri­ka (Zai­re) geschickt wur­de. In ihren letz­ten Berufs­jah­ren war sie für ver­schie­de­ne Fir­men im Land­kreis Rott­weil tätig und konn­te 2009 zum 65. Lebens­jahr in den Ruhe­stand gehen. Nach dem Tod ihrer Mut­ter über­nahm sie das Eltern­haus in der „Vor­stadt“ und sanier­te es vor­bild­lich. Hil­de Kim­mich blieb zeit­le­bens – obwohl mit­un­ter durch­aus „liiert“ – unver­hei­ra­tet. Sie leb­te und schätz­te als unab­hän­gi­ge Per­sön­lich­keit ihre Frei­heit und ging ihren eige­nen Weg. Dabei war sie in ihrem gerad­li­ni­gen Eigen­sinn auch streit­bar, aber ins­ge­samt eine sym­pa­thi­sche Frau mit Herz und Ver­stand.

Ihrer Hei­mat blieb sie auch aus der Frem­de stets ver­bun­den. 1994 arbei­te­te sie am Hei­mat­buch zur 1000-Jahr-Fei­er mit. Ihr Bei­trag „Der Zigeu­ner Franz Rein­hardt“ ist ein erzäh­le­ri­sches Meis­ter­werk. In der benach­bar­ten Sin­ti­fa­mi­lie – deren (ange­nom­me­ne) Toch­ter Bri­git­te Rein­hardt (1945–1986) war nur ein Jahr jün­ger als sie – lern­te sie von Kin­des­bei­nen an „Frem­de“ mit einer ande­ren Kul­tur und Lebens­wei­se ken­nen. Für die Bele­bung des lan­ge umstrit­te­nen „Zigeu­ner­häus­les“ als „Gedenk­stät­te – Hei­mat­mu­se­um – Treff­punkt“ hat sie als ehren­amt­li­che Mit­ar­bei­ter des Stadt­ar­chivs Schram­berg und kri­ti­sche Sym­pa­thi­san­tin des För­der­ver­eins zur Hei­mat­pfle­ge Wald­mös­sin­gen viel geleis­tet. Die Aus­stel­lun­gen „Der Lie­der­kranz in Wald­mös­sin­gen – Nach­ruf auf einen Män­ner­ge­sang­ver­ein“ (2013), „Wald­mös­sin­gen im Ers­ten Welt­krieg“ (2014) und zuletzt „Wald­mös­sin­ger Fami­li­en­ge­schich­ten“ (2018) waren Beson­der­hei­ten im Kul­tur­le­ben des Stadt­teils. Lie­be­voll sorg­te sie zudem dafür, dass die an das Schick­sal der Nach­bar­fa­mi­lie in der NS-Zeit erin­nern­de Gedenk­ta­fel oft einen wür­di­gen Blu­men­schmuck hat­te.

Mit Leib und See­le war Hil­de Kim­mich natür­lich auch in der alten Fas­nets­tra­di­ti­on ihres Hei­mat­or­tes zu Hau­se. Seit 1978 hat­te sie ein eige­nes Han­sel­kleid und wur­de kurz vor ihrem Tod zur 40-jäh­ri­gen Mit­glied­schaft noch zum Ehren­mit­glied der Nar­ren­zunft Wald­mös­sin­gen ernannt. Zur „Haus­fas­net“ – eine Spe­zia­li­tät der ört­li­chen Fas­net – waren die Nar­ren immer gern bei ihr zu Gast. An der dies­jäh­ri­gen Fas­net war sie bereits in der Medi­zi­ni­schen Kli­nik in Tübin­gen. Über eine Bre­zel und eini­ge Bon­bons an der Haus­tür konn­te sie sich selbst nicht mehr freu­en. Ihr Tod hin­ter­lässt im Stadt­teil Wald­mös­sin­gen – aber auch in der Gesamt­stadt – eine schmerz­li­che Lücke. Über vie­le Jah­re war sie eine Bot­schaf­te­rin ihres Hei­mat­or­tes und eine Hei­mat­pfle­ge­rin bes­ter Art, um die alle trau­ern, die sie kann­ten und schätz­ten.