Eine Persönlichkeit der deutschen Uhrenindustrie

Erinnerung an den 125. Geburtstag von Victor Luschka (1895 - 1975) in Schramberg

Schramberg. Die Uhrenindustrie hat in Schramberg zahlreiche Lebenswege geprägt und bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht. Zu diesen Bürgern gehörte auch Victor Luschka, der am 10. April vor 125 Jahren in Schramberg geboren wurde.

Victor Luschka war vor allem durch seine überörtlichen Ämter in Organisationen der Wirtschaft einer der bis heute profiliertesten Repräsentanten der Industriestadt Schramberg. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens und Wirkens als Direktor der Uhrenfabriken Gebrüder Junghans A.-G. war er Vorsitzender des Verbandes der deutschen Uhrenindustrie, Präsident der Industrie- und Handelskammer Rottweil sowie Mitglied im Hauptausschuss des Deutschen Industrie- und Handelstages.

Der Berufsweg in der Uhrenindustrie seiner Heimatstadt ergab sich aus der Familientradition, der bereits drei Generationen nachgingen: Sein Ur-Großvater Erhard Junghans (1823 – 1870) hatte die Uhrenfabrik Gebrüder Junghans gegründet und sein Großvater Paul Landenberger (1848 – 1939) die Hamburg-Amerikanische Uhrenfabrik (H.A.U.). Sein Vater Victor Luschka (1850 – 1914), verheiratet mit Frida Landenberger (1873 – 1942), war in dem Familienbetrieb als Kaufmann beschäftigt und hatte mit großem Erfolg das Auslandsgeschäft mit aufgebaut.

Victor Luschka besuchte von 1908 bis 1913 das Königliche Realgymnasium in Stuttgart – eine der besten Schulen des Königreichs Württemberg. Nach dem Abitur begann er am 1. Oktober 1913 mit einer kaufmännischen Ausbildung in der Hamburg-Amerikanischen Uhrenfabrik. Im Sommer 1914 wollte er sich wie viele aus seiner Generation beim Beginn des Ersten Weltkrieges gleich freiwillig melden, blieb aber auf Wunsch seines Großvaters noch im Unternehmen. Nach der Musterung im Frühjahr 1915 rückte er als Kriegsfreiwilliger zum Infanterie-Regiment Alt-Württemberg Nr. 121 in Ludwigsburg ein und kämpfte als Leutnant an der Ost- und an der Westfront. Am 2. Juni 1916 wurde er vor Yypern schwer verwundet. Seine Erlebnisse hielt er in einem umfangreichen Buch mit dem Titel „Kriegsfahrten 1914-1918“ fest, das er zu Weihnachten 1918 seiner Mutter widmete und von seiner Tochter Susanne Luschka zusammen mit einem ergänzenden Fotoalbum dem Stadtarchiv Schramberg geschenkt wurde.

1918/19 studierte Victor Luschka – vom Kriegsdienst beurlaubt – an der Handelshochschule in München und erwarb den Abschluss eines Diplom-Kaufmanns. Von 1919 bis 1922 arbeitete er wieder in der Hamburg-Amerikanischen Uhrenfabrik. Als Mitarbeiter eines Grammophon- und Uhrengeschäftes in Argentinien lernte er von 1922 bis 1925 Süd- und Nordamerika kennen und erwarb 1927 bei einer großen Vertreterfirma in New York nochmals Auslandserfahrung in den USA.

Nach seiner Rückkehr erlebte Victor Luschka von 1927 bis 1930 den Zusammenschluss der Uhrenfabriken Gebrüder Junghans, der Hamburg-Amerikanischen Uhrenfabrik und der Vereinigten Freiburger Uhrenfabriken mit und stieg im Lauf der Zeit in die Führungsetage des „Uhrentrusts“ nach US-Vorbild auf. Am 22. Oktober 1929 verheiratete er sich mit Hildegard Leuze (1902 – 1992) aus Stuttgart und gründete mit ihr eine Familie, der die drei Töchter Susanne Luschka (*1930), Frida Luschka (1931 – 1967) und Dorothea Luschka (1938 – 1961) geschenkt wurden. Im Jahr der Heirat baute sich die Familie im Hagenwinkel auch ein Haus – das „Haldenhaus“.

1934 wurde Victor Luschka stellvertretendes und 1942 ordentliches Vorstandsmitglied mit dem Ressort Finanz- und Rechnungswesen, Personal und Verwaltung. Insgesamt wurde die Bedeutung der Mitglieder der Familie Landenberger im Junghans-Imperium jedoch immer schwächer – und durchaus bewusst zurückgedrängt. In der NS-Zeit trat Victor Luschka wie alle anderen Vorstandsmitglieder des Unternehmens der NSDAP bei und war in die Rüstungsproduktion (Zünder) eingebunden. In einem Lebenslauf aus dem Jahr 1963 schrieb er darüber: „Dem ‚Dritten Reich’ gegenüber hegte er zwiespältige Empfindungen.“ Bei der „Entnazifizierung“ wurde er am 10. März 1950 als „Mitläufer“ eingestuft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte er mit großem Engagement am wirtschaftlichen Wiederaufbau und demokratischen Neubeginn mit. Bei der Einweihung des in seiner Amtszeit errichteten IHK-Gebäudes in Rottweil wurde ihm von Wirtschaftsminister Hermann Veit (1897 – 1973) das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. In der demokratischen Familientradition schloss er sich der am 6. Januar 1946 von Theodor Heuss (1884 – 1963), Reinhold Maier (1889 – 1971) und anderen Persönlichkeiten gegründeten Demokratischen Volkspartei an und wurde für sie am 14. November 1948 auch in den Gemeinderat seiner Heimatstadt gewählt, in dem er bis 1953 mitwirkte. Eng verbunden war er mit seiner Familie auch der Evangelischen Kirchengemeinde in seiner Heimatstadt, auch als Kirchengemeinderat.

1961 – im Jahr des 100-jährigen Firmenjubiläums – beendete er im Alter von 66 Jahren seine Berufslaufbahn, die Im Ruhestand betreute er nach dem Tod des langjährigen Stadtarchivars Wilhelm Haas (1880 – 1956) von 1962 bis 1970 das Stadtarchiv auf dem Dachboden des Rathauses und begleitete das 100-jährige Stadtjubiläum im Jahr 1967 mit dem damals erschienenen Buch „Das ist Schramberg. Die Uhren- und Fünftälerstadt im Schwarzwald“. Seine letzten Lebensjahre waren von Krankheit überschattet. In seinem Lebenslauf bündelt sich seine Lebensschau in den Worten: „Nichts ist Verdienst – alles ist Gnade.“