„Glück hatte ich nie. Vielleicht im Himmel einmal“

Lesung in der Buchlese am "Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen"

Schramberg (olo). Mit einer besonderen Beziehung zur Thematik des 25. Novembers eröffnete Lea Söhner ihre Lesung am Samstagnachmittag. Auf Einladung von Britta Blaurock (BuchLese) in Kooperation mit dem Frauenbeirat stellte die Autorin ihren Roman „Vielleicht im Himmel einmal“ vor. Über die Lesung berichtet Barbara Olowinsky vom Frauenbeirat:

Um Beschneidung von jungen Mädchen und Frauen gehe es bei der diesjährigen Aktion von Terre des  femmes, um das Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheit, gegen jegliche Art von Beschneidung. Von Beschneidung seelischer Art, im Lebensweg, von Beschneidung der eigenen Wahl in jeder Form handle ihr Roman, der ein Stück schwäbische Landesgeschichte  widerspiegle. Vor allem aber von der starken Prägung und Einengung handle , der Beschneidung und Selbstbeschneidung von Frauen durch den strengen schwäbischen Pietismus vom ausgehenden 19.Jahrhundert bis in die heutige Zeit.

Zunächst zeigte die Autorin das Bild „Der breite und der schmale Weg“ , ein Andachtsbild, das im württembergischen Pietismus weit verbreitet war, als Leitbild für christliches Leben und Handeln. Der breite, bequeme Weg führt schließlich in die Hölle, der schmale, steinige Weg dagegen in den Himmel. Viele Menschen habe es in ihrer Kindheit geprägt. Manchen habe es Angst gemacht. Manche erinnerten sich gern daran, weil man so viel darin entdecken konnte, was einige der rund 30 Zuhörerinnen bestätigen konnten.

„Felsklotz des Glaubens“ 

Somit war der Bogen gespannt vom Anliegen des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen zum Anliegen des Romans. Lea Söhner schildert über drei Generationen hinweg eine schwäbische Familiengeschichte, die vom mächtigen Ehemann, Vater und Großvater durch seinen strengen Pietismus zu tiefst geprägt und zugleich eingeengt ist. Zwölf Frauen und ein Mann, jedes Schicksal für sich ein Kampf um die „richtige Entscheidung“ im Leben und im Glauben, ein Kampf mit den Beziehungen zu anderen Familienmitgliedern sowie zu sich selbst.

Das Familienoberhaupt Heinrich, ein „Felsklotz des Glaubens“ zweifelt nach dem Tod seiner ersten Frau,  die er leidenschaftlich geliebt hatte, an der Rechtmäßigkeit seiner Ehe, an der gottgefälligen Rechtmäßigkeit seiner Entscheidung. Ein Prediger bestärkt ihn in diesem Zweifel mit der Erklärung, diese Frau habe ihn verführt, das liege in der Natur der Frau, man müsse ihr nicht einmal persönlich die Schuld geben, Gott habe das Weib nicht umsonst so eng mit dem Großen Verführer „zusammeng’schirren“ lassen.

Die Männer dagegen seien mit dem „Göttlichen“ verbunden. So zeichnet der Roman die verschiedenen Bilder der Frauen in Heinrichs Umgebung:  So zum Beispiel seine zweite Ehefrau Elfriede, die nach vier Kindern mit dem Gedanken an eine Abtreibung ringt, ihre Tochter Christel, die von der Mutter nie Liebe erfahren durfte und auch selbst keine Gefühle für ihre eigene Tochter aufbringen konnte, der Tochter Maren, magersüchtig und nahe am Selbstmord, die aber den Teufelskreis der nicht gewollten Schwangerschaft schließlich durchbricht mit Hilfe ihres Mannes. 

Suche nach den Wurzeln

In regem Gespräch am Ende der Lesung fragten die Zuhörerinnen nach dem wirklichen autobiografischen Anteil der Geschichte und wie weit dieses großväterliche Erbe die Autorin auch heute noch belaste. Lea Söhner betonte, dass durchaus authentische Teile den Roman bestimmten, dass aber doch vieles anders oder neu erzählt sei. „Die Geschichten sind wahr und erfunden. Die Figuren aber gehören mir, sie müssen sagen und machen, was ich will“.

Und doch gestand sie, dass sie heute sich zwar diesem starken Einfluss entzogen habe, aber doch nicht leugnen könne, auch heute noch davon geprägt zu sein. Man habe es eben „in den Zellen“. Bei der religiösen Suche nach den Wurzeln ihres Daseins und der Auseinandersetzung mit ihrer Familie konnte sie mit ihrer Tante (im Roman Rosa) ins Gespräch kommen über vergangene Zeiten. Und auf  die Frage, ob diese Tante in ihrem Leben auch mal Glück gehabt habe, antwortete diese: „Glück hatte ich nie. Vielleicht im Himmel einmal“ und schenkte somit Lea Söhner einen treffenden Titel für ein sehr ergreifendes Buch.        

 

 

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