Krimiautor mit Höhenangst

Krimiautor mit Höhenangst

Zwei Damen und zwei Herren sitzen am frühen Dienstagabend in einem Schaufenster, vier Mikrofone vor sich, ein kleines Aufnahmegerät – und Lessing wuselt zwischen den Beinen durch und holt sich seine Streicheleinheiten ab: Steffi Knebel und Matz Kastning zeichnen ein Gespräch mit dem Rottweiler Krimiautor Thilo Scheurer und Buchlesechefin Britta Blaurock auf. Das Ganze für den Schramberger Buchpodcast „Schuss vorm Buch“, den Knebel und Kastning schon seit einiger Zeit gestalten (https://schussvormbuch.podigee.io)

Wer mithören möchte – vor dem Schaufenster ist ein kleiner drahtloser Lautsprecher, der das Gespräch auf die Hauptstraße überträgt.  Der ein oder andere Passant schaut etwas verwundert, guckt kurz rein, geht dann aber doch weiter, denn es ist recht ungemütlich draußen. Eigentlich schade, denn drinnen entwickelt sich ein munteres Gespräch über Lokalkrimis.

Thilo Scheurer im Gespräch mit Matz Kastning und Steffi Knebel (von links)

Thilo Scheurer, der früher in der IT-Branche unterwegs war, hat sich ganz aufs Schreiben von Kriminalromanen verlegt.  Sie spielen entweder in Rottweil oder Stuttgart. Dabei seien auch immer wieder „Cold-Case-Geschichten“, also Fälle die auch nach zehn Jahren noch nicht aufgeklärt werden konnten. Sein Krimi „Neckarsturm“, der am Rottweiler Testturm spielt, verbindet seine beiden Ermittlerteams: Bei der Leiche, gefunden  beim Rottweiler Testturm, entdecken die Ermittler nämlich eine Zahnprothese, die aus einem alten Fall in Stuttgart stammt…..

Wie er sich denn auf einen solchen Roman vorbereite, wollen die Podcast-Gastgeber wissen. Den Bau des Testturms habe er direkt vor der Nase mit verfolgt, erzählt Scheurer. Beeindruckende drei Meter am Tag sei der gewachsen: „Die waren schneller fertig als mein Roman.“ Er habe die Baustelle besichtigt, und die Pläne genau für seinen Roman studiert, erzählt Scheurer. Ob er denn schon oben gewesen sei inzwischen: „Nein, ich hab etwas Höhenangst.“

Thilo Kastning

Scheurer berichtet, dass solche Romane  nicht erst beim Schreiben entstünden. Die Verlage wollten vorab ein Exposé. Auf vier, fünf Seiten schreibe man die Geschichte auf, einschließlich des Schlusses. Darüber diskutiere er dann mit den Verlagsleuten, ändere dies und das und lege dann los. Beim Schreiben kämen dann natürlich noch Nebengeschichten dazu, weitere Verdächtige oder Zeugen, das akzeptierten die Verlagsmenschen.

Wie das mit Klischees in Krimis sei, will Kastning wissen. Da spiele er gerne mit – um sie schließlich ad absurdum zu führen. Blaurock nervt die Detailverliebtheit mancher Lokalkrimiautoren: „Da wird oft der letzte Pflasterstein beschrieben…“ Sie findet, man müsse sich nicht unbedingt vor Ort auskennen, um Spaß an einem Krimi zu haben. Blaurock hat aber auch beobachtet, dass immer wieder Touristen in die Buchlese kämen und direkt nach den Lokalkrimis fragten. „Die wollen wissen, wo sie sind.“ Sagt’s und krault „Ladenhüter“ Lessing am Ohr.

…und was ist mit mir? Lessing wartet auf Britta Blaurocks Streicheleinheit.

Dass diese Krimis natürlich nicht die reale Welt darstellen, wissen auch die Leser. Scheurer: „In meinen Krimis tauchen wohl mehr Leichen auf, als in den letzten 100 Jahren in Rottweil  Menschen umgebracht wurden.“

Im neuen Podcast, der ab nächsten Mittwoch zu hören sein wird, haben Knebel, Blaurock und Kastning eine Reihe weiterer Lokalkrimis besprochen. Für all diejenigen, die am Buchlese-Schaufenster frierend vorbeigeeilt sind, und natürlich alle anderen Krimifans, unsre Empfehlung: rein hören.

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 21. Oktober 2020 von Martin Himmelheber (him). Erschienen unter https://www.nrwz.de/schramberg/krimiautor-mit-hoehenangst/287396