Moritz Meyer – Ein Leben zum Wohl der Stadt

Oberstudienrat a.D. Günter Buchholz erinnert an einen Schramberger Ehrenbürger

Moritz Meyer

Schram­berg (wit). Das Geden­ken an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus fin­det jedes Jahr am 27. Janu­ar statt. Das Datum bezieht sich auf den Jah­res­tag der Befrei­ung des Ver­nich­tungs­la­gers Ausch­witz-Bir­ken­au und der bei­den ande­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz durch die Rote Armee am 27. Janu­ar 1945. Bun­des­weit wer­den die Fah­nen an öffent­li­chen Gebäu­den auf Halb­mast gesetzt.

Da der 27. Janu­ar in die­sem Jahr ein Sonn­tag war, wur­de das öffent­li­che Geden­ken in Schram­berg am Mon­tag, 28. Janu­ar, nach­ge­holt. Die Gedenk­fei­er mit Kranz­nie­der­le­gung und Rede von Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Her­zog fand auch dies­mal beim Mahn­mal „Des Bru­ders Tod“ am Müh­le­gra­ben statt (wir berich­te­ten).

Dem schloss sich in der Media­thek ein Vor­trag von Ober­stu­di­en­rat a.D. Gün­ter Buch­holz über Moritz Mey­er an. Die­ser stand unter der Über­schrift: „Moritz Mey­er – Ein Leben zum Wohl der Stadt“. In sei­nen Vor­trag stieg Buch­holz mit einem Zei­tungs­ar­ti­kel der „Offe­n­ach-Post“ aus dem Jahr 1964 ein. Hier­in wur­de berich­tet, dass nun zwei Ehren­bür­ger aus der glei­chen Fami­lie kom­men. Einer in Stein­heim in Hes­sen, woher Moritz Mey­er einst nach Schram­berg kam. Zu sei­nem 75. Geburts­tag wur­de Moritz Mey­er in Schram­berg mit der Ehren­bür­ger­wür­de aus­ge­zeich­net. Bis zu die­ser Wür­di­gung sei­ner umfang­rei­chen Ver­diens­te war viel in sei­nem Leben pas­siert.

Gün­ter Buch­holz bei sei­nem Vor­trag. Fotos: him

Um 1900 gab es im hes­si­schen Stein­heim rund 260 deut­sche Juden. Lou­is Mey­er-Gern­groß war es, der der Gemein­de im Jahr 1911 ein Frie­dens­denk­mal errich­ten ließ. Aus sei­ner Sicht war Frie­den die Grund­la­ge für Wohl­stand. 1940 wur­de das Frie­dens­denk­mal von den Nazis zer­stört. Erst 1965 wur­de es restau­riert.

Lou­is und Moritz Mey­er waren Bank­kauf­leu­te, die in Frank­furt und Mainz tätig waren. So gab es auch Kon­tak­te zur Stein­gut­fa­brik in Schram­berg, die Vil­leroy & Boch gehör­ten. Die­se ver­kauf­te im Jahr das Gelän­de und die Fabrik an die würt­tem­ber­gi­schen Staats­bah­nen. Im Jahr 1912 über­nah­men dann Mey­ers und Johan­nes Bar­tel die Fabrik. Von Anfang an waren die Gebrü­der Mey­er auch in der Kunst enga­giert. Eine wich­ti­ge Rol­le spiel­te auch Eva Stri­cker, die spä­ter Zei­sel hieß.

Doch mit der Macht­über­nah­me durch die Nazis wur­de es auch für die jüdi­sche Fami­lie Mey­er zuneh­men schwie­rig. Peter Mey­er muss­te 1936 die Schu­le ver­las­sen. Unter mas­si­vem Druck der Nazis muss­te die Fir­ma an einen ihrer Funk­tio­nä­re weit unter Wert ver­kauft wer­den. Die Fami­lie von Moritz Mey­er wur­de ins Exil nach Eng­land gedrängt, nach­dem er zunächst in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in „Schutz­haft“ war.

Das Schram­ber­ger Stadt­mu­se­um zeigt Urkun­den über die „Ari­sie­rung” der Majo­li­ka: rechts ein Brief des dama­li­gen Bür­ger­meis­ters an die Fir­ma  Gebrü­der Mey­er, links ein Han­dels­re­gis­ter­ein­trag mit dem Ver­merk, der allei­ni­ge Inha­ber sei nun Alfons Zel­ler. Zel­ler war NSDAP-Gau­amts­lei­ter. Fotos: him

In Eng­land schaff­te es Peter Mey­er, in die bri­ti­sche Armee auf­ge­nom­men zu wer­den. Damit er aber im Fal­le einer Gefan­gen­nah­me durch die Deut­schen nicht sofort umge­bracht wird, brauch­te er einen neu­en Namen. Die Wahl fiel auf Har­ry-Peter Mel­vin.

Erst im Jah­re 1948 war Moritz Mey­er mit sei­nen Bemü­hun­gen erfolg­reich, die Fir­ma wie­der in Fami­li­en­hand zu über­neh­men. Ers­te Kon­tak­te zu Bür­ger­meis­ter Bei­ter, den die Fran­zo­sen sei­ner­zeit ein­ge­setzt hat­ten, gab es 1946. Bei­ter hat­te sich erfolg­reich dar­um bemüht, dass die Fir­men ihre Arbeit wie­der auf­neh­men konn­ten. So arbei­te­te Mey­ers Fir­ma für die fran­zö­si­sche Besat­zungs­macht.

Wäh­rend Moritz Mey­er sich in Schram­berg dar­um bemüh­te, die Fir­ma wie­der in Gang zu bekom­men, leb­te sein Bru­der Leo­pold in den USA. Er bekam jähr­li­che Tan­tie­men. Da das Ver­hält­nis zwi­schen den Brü­dern Leo­pold und Moritz nicht ganz ein­fach war, ver­such­te Peter Mey­er zu ver­mit­teln. Als Leo­pold 1957 ver­starb, stand es für die Zukunft der Fir­ma Spitz auf Knopf. Es muss­ten erheb­li­che Sum­men an die Erben über­wie­sen wer­den. Moritz Mey­er war damals kurz davor, sei­ne Antei­le zu ver­kau­fen. In letz­ter Minu­te kam es doch noch zu einer Eini­gung mit den Erben, aber um den Preis eines erheb­li­chen Ader­las­ses für die Schram­ber­ger Majo­li­ka. Zusätz­li­che Pro­ble­me mach­te, dass in Fern­ost die Pro­duk­te der Schram­ber­ger Majo­li­ka 1:1 kopiert wur­den und in Fern­ost Löh­ne bezahlt wur­den, mit denen ein Arbei­ter in Schram­berg nicht hät­te leben kön­nen.

Die Schram­ber­ger wuss­ten, was sie an Moritz Mey­er hat­ten. Im Jahr 1964 wur­de er mit der Ehren­bür­ger­wür­de der Stadt aus­ge­zeich­net. Sei­ne Dan­kes­re­de ist noch heu­te im Ori­gi­nal erhal­ten. Dar­in for­mu­lier­te er unter ande­rem: „Zwei Welt­krie­ge haben die Kraft unse­res Unter­neh­mens nicht zu bre­chen ver­mocht.“ Im Jahr 1964 arbei­te­ten 380 Men­schen bei der Majo­li­ka Schram­berg. Moritz Mey­er war nach den Wor­ten von Gün­ter Buch­holz ein „humor­vol­ler Rea­list“.

Buch­holz erin­ner­te auch an den erheb­li­chen Bei­trag von Moritz und Peter Mey­er zum damals neu­en Kran­ken­haus. Die Plas­tik von damals steht heu­te am Ein­gang zum Gym­na­si­um. Dabei erin­ner­te Buch­holz auch an die Rol­le von Micha­el Mel­vin beim Kampf um den Erhalt des Schram­ber­ger Kran­ken­hau­ses, er stand sei­ner­zeit an der Spit­ze von „Pro Regi­on Schram­berg“. Dies Grup­pe hat laut Buch­holz auch Vor­schlä­ge für eine behut­sa­me Stadt­ent­wick­lung gemacht.

Moritz Mey­er starb im Jahr 1970. Er und Peter Mey­er ver­stan­den es, die Fir­ma „unter­halt­sam zu prä­sen­tie­ren“, wie Gün­ter Buch­holz erin­ner­te.

Der­zeit arbei­tet Gün­ter Buch­holz an einem Buch über die Schram­ber­ger Majo­li­ka. Eben­so, wie Micha­el Mel­vin, freut sich auch OB Tho­mas Her­zog auf das Buch. Für Her­zog ein Stück Hei­mat­ge­schich­te.