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Dienstag, 18. Februar 2020

Moritz Meyer – Ein Leben zum Wohl der Stadt

Oberstudienrat a.D. Günter Buchholz erinnert an einen Schramberger Ehrenbürger

Schramberg (wit). Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus findet jedes Jahr am 27. Januar statt. Das Datum bezieht sich auf den Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau und der beiden anderen Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. Bundesweit werden die Fahnen an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast gesetzt.

Da der 27. Januar in diesem Jahr ein Sonntag war, wurde das öffentliche Gedenken in Schramberg am Montag, 28. Januar, nachgeholt. Die Gedenkfeier mit Kranzniederlegung und Rede von Oberbürgermeister Thomas Herzog fand auch diesmal beim Mahnmal „Des Bruders Tod“ am Mühlegraben statt (wir berichteten).

Dem schloss sich in der Mediathek ein Vortrag von Oberstudienrat a.D. Günter Buchholz über Moritz Meyer an. Dieser stand unter der Überschrift: „Moritz Meyer – Ein Leben zum Wohl der Stadt“. In seinen Vortrag stieg Buchholz mit einem Zeitungsartikel der „Offenach-Post“ aus dem Jahr 1964 ein. Hierin wurde berichtet, dass nun zwei Ehrenbürger aus der gleichen Familie kommen. Einer in Steinheim in Hessen, woher Moritz Meyer einst nach Schramberg kam. Zu seinem 75. Geburtstag wurde Moritz Meyer in Schramberg mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet. Bis zu dieser Würdigung seiner umfangreichen Verdienste war viel in seinem Leben passiert.

Günter Buchholz bei seinem Vortrag. Fotos: him

Um 1900 gab es im hessischen Steinheim rund 260 deutsche Juden. Louis Meyer-Gerngroß war es, der der Gemeinde im Jahr 1911 ein Friedensdenkmal errichten ließ. Aus seiner Sicht war Frieden die Grundlage für Wohlstand. 1940 wurde das Friedensdenkmal von den Nazis zerstört. Erst 1965 wurde es restauriert.

Louis und Moritz Meyer waren Bankkaufleute, die in Frankfurt und Mainz tätig waren. So gab es auch Kontakte zur Steingutfabrik in Schramberg, die Villeroy & Boch gehörten. Diese verkaufte im Jahr das Gelände und die Fabrik an die württembergischen Staatsbahnen. Im Jahr 1912 übernahmen dann Meyers und Johannes Bartel die Fabrik. Von Anfang an waren die Gebrüder Meyer auch in der Kunst engagiert. Eine wichtige Rolle spielte auch Eva Stricker, die später Zeisel hieß.

Doch mit der Machtübernahme durch die Nazis wurde es auch für die jüdische Familie Meyer zunehmen schwierig. Peter Meyer musste 1936 die Schule verlassen. Unter massivem Druck der Nazis musste die Firma an einen ihrer Funktionäre weit unter Wert verkauft werden. Die Familie von Moritz Meyer wurde ins Exil nach England gedrängt, nachdem er zunächst in einem Konzentrationslager in „Schutzhaft“ war.

Das Schramberger Stadtmuseum zeigt Urkunden über die „Arisierung“ der Majolika: rechts ein Brief des damaligen Bürgermeisters an die Firma  Gebrüder Meyer, links ein Handelsregistereintrag mit dem Vermerk, der alleinige Inhaber sei nun Alfons Zeller. Zeller war NSDAP-Gauamtsleiter. Fotos: him

In England schaffte es Peter Meyer, in die britische Armee aufgenommen zu werden. Damit er aber im Falle einer Gefangennahme durch die Deutschen nicht sofort umgebracht wird, brauchte er einen neuen Namen. Die Wahl fiel auf Harry-Peter Melvin.

Erst im Jahre 1948 war Moritz Meyer mit seinen Bemühungen erfolgreich, die Firma wieder in Familienhand zu übernehmen. Erste Kontakte zu Bürgermeister Beiter, den die Franzosen seinerzeit eingesetzt hatten, gab es 1946. Beiter hatte sich erfolgreich darum bemüht, dass die Firmen ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. So arbeitete Meyers Firma für die französische Besatzungsmacht.

Während Moritz Meyer sich in Schramberg darum bemühte, die Firma wieder in Gang zu bekommen, lebte sein Bruder Leopold in den USA. Er bekam jährliche Tantiemen. Da das Verhältnis zwischen den Brüdern Leopold und Moritz nicht ganz einfach war, versuchte Peter Meyer zu vermitteln. Als Leopold 1957 verstarb, stand es für die Zukunft der Firma Spitz auf Knopf. Es mussten erhebliche Summen an die Erben überwiesen werden. Moritz Meyer war damals kurz davor, seine Anteile zu verkaufen. In letzter Minute kam es doch noch zu einer Einigung mit den Erben, aber um den Preis eines erheblichen Aderlasses für die Schramberger Majolika. Zusätzliche Probleme machte, dass in Fernost die Produkte der Schramberger Majolika 1:1 kopiert wurden und in Fernost Löhne bezahlt wurden, mit denen ein Arbeiter in Schramberg nicht hätte leben können.

Die Schramberger wussten, was sie an Moritz Meyer hatten. Im Jahr 1964 wurde er mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt ausgezeichnet. Seine Dankesrede ist noch heute im Original erhalten. Darin formulierte er unter anderem: „Zwei Weltkriege haben die Kraft unseres Unternehmens nicht zu brechen vermocht.“ Im Jahr 1964 arbeiteten 380 Menschen bei der Majolika Schramberg. Moritz Meyer war nach den Worten von Günter Buchholz ein „humorvoller Realist“.

Buchholz erinnerte auch an den erheblichen Beitrag von Moritz und Peter Meyer zum damals neuen Krankenhaus. Die Plastik von damals steht heute am Eingang zum Gymnasium. Dabei erinnerte Buchholz auch an die Rolle von Michael Melvin beim Kampf um den Erhalt des Schramberger Krankenhauses, er stand seinerzeit an der Spitze von „Pro Region Schramberg“. Dies Gruppe hat laut Buchholz auch Vorschläge für eine behutsame Stadtentwicklung gemacht.

Moritz Meyer starb im Jahr 1970. Er und Peter Meyer verstanden es, die Firma „unterhaltsam zu präsentieren“, wie Günter Buchholz erinnerte.

Derzeit arbeitet Günter Buchholz an einem Buch über die Schramberger Majolika. Ebenso, wie Michael Melvin, freut sich auch OB Thomas Herzog auf das Buch. Für Herzog ein Stück Heimatgeschichte.

 

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