Kranzniederlegung am „Mahnmal für die Opfer des Faschismus“ am Mühlengraben. Fotos: him

SCHRAMBERG  (him)  –  Bereits zum 20. Mal fand am  27. Janu­ar eine Gedenk­ver­an­stal­tung  am „Mahn­mal für die Opfer des Faschis­mus“ bei der Real­schu­le statt. Schram­bergs Ober­bür­ger­meis­ter hielt die Gedenk­re­de. Anschlie­ßend leg­te er gemein­sam mit Stadt­rat Mir­ko Wit­kow­ski einen Kranz  nie­der. Wir doku­men­tie­ren die Rede Her­zogs  im Wort­laut:

Lie­be Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger,

sehr geehr­te Mit­glie­der unse­res Gemein­de­ra­tes,

mei­ne sehr ver­ehr­ten Damen und Her­ren,

Nie wer­de ich die­se Nacht ver­ges­sen, die ers­te Nacht im Lager, die aus mei­nem Leben eine sie­ben­mal ver­rie­gel­te lan­ge Nacht gemacht hat. […] Nie wer­de ich die klei­nen Gesich­ter der Kin­der ver­ges­sen, deren Kör­per vor mei­nen Augen als Spi­ra­len zum blau­en Him­mel auf­stie­gen.“ Die­se Beschwö­rung der Schre­cken des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz stammt von Elie Wie­sel, dem Schrift­stel­ler und Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger, der vor einem hal­ben Jahr, am 2. Juli 2016, gestor­ben ist.

Elie Wie­sel war knapp 15 Jah­re alt, als er 1944 zusam­men mit sei­ner Fami­lie aus Sighet in Sie­ben­bür­gen nach Ausch­witz ver­schleppt wur­de. Sei­ne Mut­ter und sei­ne Schwes­ter wur­den sogleich in den Gas­kam­mern ermor­det, sein Vater kam Mona­te spä­ter durch die Stra­pa­zen der Haft und des Trans­ports nach Buchen­wald um.

Elie Wie­sel selbst über­leb­te Ausch­witz und Buchen­wald, aber das Grau­en, dem er in den Lagern der Natio­nal­so­zia­lis­ten aus­ge­setzt war, hat­te ihn für sein gan­zes wei­te­res Leben gezeich­net. Zeug­nis abzu­le­gen und die Erin­ne­rung an den Völ­ker­mord an den Juden wach­zu­hal­ten, das wur­de sei­ne Lebens­auf­ga­be. Und auf ihn geht es auch zurück, dass wir für die­ses mons­trö­se Ver­bre­chen den Begriff Holo­caust ver­wen­den.

Inbe­griff für den Holo­caust wur­de das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz, ein Arbeits- und Ver­nich­tungs­la­ger, in dem mehr als ei-ne Mil­li­on Men­schen sys­te­ma­tisch und oft äußerst bru­tal ermor­det wur­den, durch Gas, durch Fol­ter, durch Arbeit, durch medi­zi­ni­sche Expe­ri­men­te.

Der Name die­ses Ortes sag­te Elie Wie­sel und sei­ner Fami­lie damals, 1944, nichts, als sie nach Ausch­witz depor­tiert wur­den. Aber seit das Todes­la­ger am 27. Janu­ar 1945 von Sol­da­ten der Roten Armee befreit wur­de, wis­sen wir, was dort geschah: ein mil­lio­nen­fa­cher Mord, ein Aus­maß an Unmensch­lich­keit, das jedes Begrei­fen über­steigt. Und für das Leid, das den Men­schen von dem natio­nal-sozia­lis­ti­schen Gewalt­re­gime und sei­nen Scher­gen zuge­fügt wur­de, gibt es eigent­lich kei­ne Wor­te.

Mei­ne sehr ver­ehr­ten Damen und Her­ren, ich dan­ke Ihnen, dass Sie zu unse­rer Gedenk­stun­de, zu der kur­zen Zeit des Inne­hal­tens an-läss­lich des inter­na­tio­na­len Gedenk­ta­ges an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus gekom­men sind. Auch wenn es nur ein kur­zer Augen­blick ist, so hal­te ich es gera­de in unse­rer Zeit für beson­ders wich­tig, der unzäh­li­gen Män­ner, Frau­en und Kin­der aus Deutsch­land und Euro­pa zu geden­ken, die dem Ver­fol­gungs- und Ver­nich­tungs­wahn der Natio­nal­so­zia­lis­ten zum Opfer fie­len.

Am 27. Janu­ar 1945 wur­de das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Aus­schwitz befreit. Aus­schwitz – das Syn­onym für den Holo­caust. Die­ser Tag der Befrei­ung wur­de vor 21 Jah­ren vom dama­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Roman Her­zog, wel­cher am 10. Janu­ar im Alter von 82 Jah­ren ver­starb und heu­te in Schön­tal im Hohen­lo­he­kreis bei­gesetzt wur­de, ein­ge­führt.

Hein­rich Bed­ford-Strohm, Rats­vor­sit­zen­der der Evan­ge­li­schen Kir­che, sag­te im Trau­er­got­tes­dienst im Ber­li­ner Dom am ver­gan­ge­nen Diens­tag: „Der von Her­zog 1996 ein­ge­führ­te Tag des Geden­kens an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus am 27. Janu­ar wer­de immer mit sei­nem Namen ver­bun­den blei­ben. Roman Her­zog hat damit eine Erin­ne­rungs­kul­tur unter­stri­chen und gestärkt, die Lie­be zum eige­nen Land nicht mit Selbst­recht­fer­ti­gung und Ver­drän­gen der eige­nen dunk­len Sei­ten ver­wech­selt, son­dern ech­te Stär­ke eines Lan­des genau dar­in sieht, dass es die dunk­len Sei­ten ehr­lich in den Blick nimmt und dar­aus für die Zukunft lernt”.

Unse­re Stadt, die Gro­ße Kreis­stadt Schram­berg, betei­lig­te sich seit 1997 als eine der ers­ten Kom­mu­nen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erst­mals an die­sem Gedenk­tag. Wir ver­sam­meln uns also heu­te hier zum 20. Mal.

In der Vor­be­rei­tung auf den heu­ti­gen Tag habe ich mir mei­ne Reden der letz­ten Jah­re anläss­lich die­ses Gedenk­ta­ges, des Volks­trau­er­tags sowie auch mei­ne Rede beim dies­jäh­ri­gen Neu­jahrs­emp­fang ange­se­hen.

In der Rück­schau wur­den bereits nahe­zu alle Aspek­te die­ses Gedenk­ta­ges beleuch­tet, eigent­lich wur­de bereits alles gesagt, vie­les ange­spro­chen. Was kann man noch Neu­es erzäh­len? Lang­weilt man die Zuhö­rer­schaft nicht?

Dann gin­gen mir die Wor­te von Alt-Bun­des­prä­si­dent Roman Her­zog anläss­lich der Pro­kla­ma­ti­on des Gedenk­ta­ges durch den Kopf:

Die Erin­ne­rung darf nicht enden; sie muss auch künf­ti­ge Genera­tio­nen zur Wach­sam­keit mah­nen. Es ist des­halb wich­tig, nun eine Form des Erin­nerns zu fin­den, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trau­er über Leid und Ver­lust aus­drü­cken, dem Geden­ken an die Opfer gewid­met sein und jeder Gefahr der Wie­der­ho­lung ent­ge­gen­wir­ken.“

Im letz­ten Jahr hat­ten wir uns im Anschluss an die Gedenk­re­de hier mit dem The­ma „Rolf Storz und das „Denk­mal für die ermor­de­ten Juden Euro­pas“ beschäf­tigt. Ein Denk­mal, ein Bekennt­nis, eine Erin­ne­rung unse­res wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­lands an das größ­te Ver­bre­chen sei­ner Geschich­te.

OB Her­zog bei sei­ner Rede.

Fer­ner führ­te ich aus, dass wir „durch die jahr­zehn­te­lan­ge immer wäh­ren­de Kon­fron­ta­ti­on mit den Ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit, sei es im Geschichts­un­ter­richt in den Schu­len, in der Öffent­lich­keit, durch die Gedenk­ta­ge, den Erhalt vie­ler Erin­ne­rungs­stät­ten und auch durch die­ses Denk­mal für die ermor­de­ten Juden Euro­pas in“ unse­rer Bun­des­haupt­stadt Ber­lin, „zu einem glaub­wür­di­gen Part­ner für ein fried­vol­les und gleich­be­rech­tig­tes Zusam­men­le­ben von Bür­gern und Natio­nen gewor­den sind.“

Déjà-Vu

Haben Sie nicht auch ein Déjà-Vu? Sind nicht aktu­ell gewähl­te Volks­ver­tre­ter in unse­rer Bun­des­re­pu­blik unter­wegs, die sich gegen das Mahn­mal in unse­rer Haupt­stadt wen­den? Die für einen Schluss­strich unter die NS-Ver­gan­gen­heit plä­die­ren, wel­che die NS-Zeit abha­ken wol­len? Volks­ver­tre­ter, wel­che eine neue Gewich­tung unse­res Geschichts­be­wusst­seins for­dern. Die Rede ist von „däm­li­cher Bewäl­ti­gungs­po­li­tik“ und einer „erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Wen­de um 180 Grad“. Haben nicht gera­de Abge­ord­ne­te unse­res Land­ta­ges in Stutt­gart im Haus­halts­aus­schuss den Antrag gestellt, die För­der­gel­der des Lan­des für die Gedenk­stät­te Gurs in den Pyre­nä­en zu strei­chen? In das 1939 ein­ge­rich­te­te Lager Gurs wur­den vie­le Juden aus unse­rem badi­schen Lan­des­teil depor­tiert.

Gera­de auf Grund die­ser aktu­el­len Ereig­nis­se ist es wich­tig, aus mei­ner Sicht sogar wich­ti­ger denn je, dass wir als Stadt, dass wir als Bür­ger­schaft ein deut­li­ches Signal set­zen, dass „es wich­tig und rich­tig“ ist, „dass wir uns hier bei die­sen bei­den Gedenk- und Mahn­ma­len ver­sam­meln, um der Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu geden­ken“.

Und es ist umso wich­ti­ger, dass wir anläss­lich die­ser Gedenk­fei­er, auch in Koope­ra­ti­on mit unse­ren Schu­len, die NS-Zeit in unse­rer Stadt erfor­schen und the­ma­ti­sie­ren.

Keinen Schlussstrich

Es kann kei­nen Schluss­strich geben! Wir tra­gen die his­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung, dass sol­che unvor­stell­ba­ren Gräu­el­ta­ten wie in der NS-Zeit nicht wie­der pas­sie­ren. „Wir, die heu­te leben­den Deut­schen, wir ste­hen in der Ver­ant­wor­tung, uns unse­rer Geschich­te zu stel­len und die Opfer nicht zu ver­ges­sen.“

Mei­ne sehr ver­ehr­ten Damen und Her­ren, im Anschluss an die­se Gedenk­fei­er lade ich Sie herz­lich in die Media­thek ein. Sarah Glo­cker, Schü­le­rin an unse­rem Gym­na­si­um, wird einen Vor­trag hal­ten zum The­ma „Flucht­hil­fe der Fami­lie Acker­mann für die Jüdin Char­lot­te Drey­fuss in Schram­berg“. Ende 1944 wur­de von der Fami­lie des Redak­teurs August Lud­wig Acker­mann (1896–1981) die unter­ge­tauch­te Jüdin Char­lot­te Drey­fuss (1900–1980) aus Ber­lin in der Ber­neck­stra­ße 20 in Schram­berg ver­steckt. Sarah Glo­cker hat die Geschich­te die­ser Men­schen im Rah­men der Bil­dungs­part­ner­schaft des Gym­na­si­ums mit dem Stadt­ar­chiv Schram­berg erforscht.

Ihr und unse­rem Stadt­ar­chi­var Cars­ten Kohl­mann dan­ke ich herz­lich für die­sen inter­es­san­ten Bei­trag zum heu­ti­gen Gedenk­tag.

Am mor­gi­gen Sams­tag, 28. Janu­ar 2017, lädt die Stadt Schram­berg zu einem ergän­zen­den Stadt­rund­gang zum The­ma „Erin­ne­rung braucht (W)orte“ mit Herrn Ober­stu­di­en­rat a.D. Gün­ter Buch­holz ein. Dabei führt er zu den Schau­plät­zen und den Spu­ren der NS-Zeit in unse­rer Stadt. Auch ihm gilt mein Dank hier­für.

Ich dan­ke beson­ders auch der Blä­sera­b­ord­nung der Stadt­mu­sik, die uns all­jähr­lich, treu und selbst­ver­ständ­lich musi­ka­lisch unter­stützt und damit der Ver­an­stal­tung einen fei­er­li­chen Rah­men gibt.

Ver­ehr­te Gäs­te, ich dan­ke Ihnen für Ihre Auf­merk­sam­keit und Ihre Anwe­sen­heit trotz fros­ti­ger Tem­pe­ra­tu­ren.

Kranz­nie­der­le­gung.