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Mittwoch, 23. September 2020

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Rüdiger Görner: Die Zukunft der Erinnerung

Schramberger Rede zum Gedenken für die Opfer des Faschismus

Aus Anlass des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus bat die Stadt Schramberg Professor Rüdiger Görner in seiner Heimatstadt zu sprechen. Görner ist in Sulgen aufgewachsen und in Schramberg zur Schule gegangen. Er lebt seit den 80er Jahren in Großbritannien und lehrt Germanistik an der Queen Mary Universität in London. Görner beschäftigt sich auch mit Philosophie, Musik, Literaturwissenschaften und Politik.

Schrambergs Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr hieß Görner im Schloss willkommen. Neben Landrat Wolf-Rüdiger Michel begrüßte sie auch OB a.D. Herbert O. Zinell sowie Schülerinnen und Schüler vom Leistungskurs Geschichte am Schramberger Gymnasium.

Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr.

Sie habe das Privileg bei Altersjubilaren Besuche zu machen. Bei deren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg erfasse sie häufig ein Schaudern. „Ich hoffe, dass wir so etwas in unserem Land nie wieder erleben müssen.“ Sie erwähnte eine jüngst erschienene Chronik der Arbeitsgruppe Heimathaus Tennenbronn über die Zeit der NS-Diktatur im Dorf, bevor Professor Görner seinen Vortrag hielt. Es schloss sich eine kurze Diskussion unter anderem über den Brexit an.

Seine Rede fand bei den etwa 60 Zuhörerinnen und Zuhörern großen Anklang. Wir veröffentlichen den Manuskript-Text in voller Länge zum Nachlesen und Nach-Denken:

Vortrag neben Krippe.

Die Zukunft der Erinnerung

I

An unserem Erinnern soll (und kann) man uns erkennen. Zu Vieles um uns stumpft ab, umso mehr muss sich die Erinnerung schärfen. Was aber erinnern, was vergessen wir – und mit welchen Folgen? Erinnerungen rufen wir wach, können uns aber auch in sie versenken, bis wir in ihnen versunken sind. In Erinnerungen werden Szenen lebendig, aber was wir erinnern, gewinnt unweigerlich eine jeweils andere Gestalt. Ein authentisches Hervorrufen vergangener Zeiten, Freuden und Leiden gibt es nicht. Was wir in Erinnerung rufen, hallt – je nach unseren Lebensabschnitten – in verschiedener Form zurück.

Dagegen können wir nichts in die Vergessenheit rufen; wir oder ein Etwas geraten in sie. Vieles wollen wir vergessen, versuchen es zumindest, wobei wir verdrängen. Was wir von uns wegschieben, im mythischen Fluss des Vergessen, der Lethe, am liebsten ertränken wollen, es schiebt sich in Wirklichkeit in die dunkeln Regionen unsers Selbst, das Unterbewusste, wo es uns auflauert, und meist dann durchbricht, wenn es uns stört.

Und das Erinnern? Wie gehen wir um mit den tempi passati, dem temps perdu, lost time, der vergehenden oder verlorenen Zeit?  In seinem legendären Romanzyklus A la recherche du temps perdu – er gilt der Frage, ob es ein authentisches Erinnern gibt – unterscheidet Marcel Proust zwischen einem willentlichen und unwillkürlichen Erinnern, bemüht das eine, unvorhergesehen, überraschend, einen überfallend das andere.

Wir sprechen von Erinnerungstechniken, digitalen Speichern mit entsprechenden Kapazitäten, die in Bytes messbar sind. Doch was sind alle diese Megabytes gegen den einen Moment, in dem eine lange nicht mehr gehörte Melodie ein Bild, eine Szene in uns aufsteigen lässt und uns vor Augen führt, was und wie es damals war, als wir diese Klangfolge zum ersten Mal gehört hatten. So geht es mir ein jedes Mal, wenn ich die Hebriden-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy höre, die mich auf verschlungenen Wegen und damals scheinbar geradezu widersinnig vom Neckar bei Tübingen nach Britannien gelockt hatte, nicht ahnend, dass ich in einem Haus im Norden Londons kaum zwei Jahre nach meiner dortigen Ankunft, die ich immer für vorübergehend gehalten hatte, vor einem gedrechselten Notenpult stehen würde, das einer weitläufig mit der Mendelssohn-Familie verwandten Literaturwissenschaftlerin namens Ilse Graham-Appelbaum gehörte. Im Jahr 1935 war ihr als Kind mit Teilen ihrer Familie die Flucht aus Berlin gelungen, und zu ihrem Fluchtgepäck hatte dieses Notenpult gehört, das die Gestapo-Schergen zu zertrümmern vergaßen. Ihr Bruder sollte es bis nach Kalifornien bringen, wo er als „der Pianist Appelbaum“ in Thomas Manns Exiltagebüchern figurieren wird.

Von Anbeginn sah ich mich in London konfrontiert mit einer allzu deutschen Erbschaft: seelisch durch die Emigration verwundeten deutschsprachigen, aber Englisch meist mit starkem deutschem oder österreichischem Akzent sprechenden Zeitzeugen, mit Überlebenden, die an ihrem Überleben litten, weil große Teile ihrer Familien in den Vernichtungslagern ermordet wurden, Leidende auch an dieser ungeheuren Sprache, dem Deutschen, dessen reiche Tiefe Höchstes an Kulturgut hervorgebracht und Abgründe, Verunglimpfungen schmählichster, verbrecherischster Art auf dem Gewissen hat; denn es gibt nicht nur Sprachgefühl, sondern auch ein Sprachgewissen. Ich habe durch diese einstigen Emigranten, aber auch ihre Nachfolgegeneration meine eigene Sprache neu gelernt, was bedeutete, Worte abzuklopfen, zu hören, wenn eines hohl klingt oder trügerisch. Denn wir sind es der Sprache, ihren Opfern und uns selbst schuldig, Worte, auf die es ankommt, hellhörig zu sprechen. Und wenn eine neue, aber in Wirklichkeit alte politische Rechte in der Bundesrepublik Deutschland wie in zu vielen anderen Staaten die Sprache wiederum als Mittel der Verunglimpfung des Anderen einsetzt und Worte wie „patriotischen Sozialismus“ gebraucht und tatsächlich ‚Nationalsozialismus‘ meint, dann ist der geistige Not- oder Ausnahmezustand auszurufen. Denn dass Hassworte nur zu rasch umschlagen in Hasstaten, in verbrecherische Übergriffe auf Andersdenkende, ist Faktum jeglicher ideologischer Selbstverblendung oder scheinreligiös begründeten Fanatismus.

II

Erinnerungen sterben mit den Menschen. Auch deswegen ist das Gespräch zwischen den Generationen so entscheidend, das Weitergeben, aber auch kritische Befragen dessen, was und unter welchen Umständen es uns weitergegeben wird. Denn Erinnerungen können bekanntlich nur subjektiv sein. Was wir in uns archiviert haben, stimmt eher selten mit dem überein, wie es denn ‚wirklich‘ gewesen ist. Erinnerungen wollen überprüft sein, verglichen werden, gerade weil sie sich verändern im Laufe einer Lebenszeit, weil auf sie kein wirklicher Verlass ist, obgleich sie doch unser Denken und Handeln prägen und wir ohne sie nicht auskommen. Lang- und Kurzzeitgedächtnis spielen nur zu oft Katz und Maus mit einander und mit uns. Das Gedächtnis scheint unbestechlich und trügt doch beständig. Fiktion ist auch die Objektivität der Datenspeicher, da sie nicht nur von den Eigenschaften der Datenträger abhängt, sondern vom Manipuliert- oder Gelöscht-Werden, wobei auch das Löschen-Können von Daten mehr und mehr Fiktion geworden ist gilt doch für Daten inzwischen Analoges zu der Formel, die Friedrich Dürrenmatt in seinem Parabelstück Die Physiker aufgestellt hat: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Übertragen gesprochen: Was einmal im digitalen Netz ist, bleibt in ihm verfangen. Es handelt sich dabei um die informationstechnische Entsprechung zum Energieenthaltungssatz in Form von Datenaufbereitung. Was freilich der Datenspeicher nicht vermag, ist das Bereitstellen eines Erinnerns von kognitiv-emotionalen Zusammenhängen. Der digitale Speicher wertet nicht. In ihm ist das Wort ‚Endlösung‘ oder ‚Ausrotten‘ eines unter vielen Zeichen, codierbar, mühe- und gewissenlos in die Sprache der Programmierer übersetzbar.

Schon Leibniz schreibt in seiner Monadologie (1716): „Das Gedächtnis liefert den Seelen eine Art von Verkettung, welche die Vernunft nachahmt, aber von dieser unterschieden werden muß.“ Und weiter Leibniz: „Seele ist, was Gedächtnis hat“, womit er das beseelte Erinnern, nicht das Selig-in-Erinnerungen-Schwelgen meint. Wie wir aber unsere Erinnerungen als „Verkettungen“ im Gedächtnis werten, welches Gewicht und welche Logik wir ihnen beimessen, sagt Entscheidendes über uns aus. Dieses Werten ist Bestandteil und Wesensmerkmal unseres Lernens und davon, wie wir mit dem Gelernten umgehen. Lernen ist angewandtes Erinnern und damit ein lebenslanger Vorgang. Pädagogik macht nur dann Sinn, wenn sie auch zur Selbsterziehung anleitet, zum eigenverantwortlichen Umgang mit Erinnerung. Aber was es ist, das unsere Erinnerungen filtert, können wir selbst aus dem beharrlichsten Lernen nicht ableiten.

Wir stehen mit allem, was wir tun, in Traditionen, gehen mehr oder minder bewusst mit uns bedingenden anthropologischen Voraussetzungen um. Wenn es bei Peter Weiss heißt, dessen Stück Die Ermittlung (1965) über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse Pflichtlektüre sein müsste: „Wir können keine Form erfinden, die nicht in uns vorhanden ist“, dann trifft das auch für die Formen der Erinnerungen in uns zu. Wir erinnern alle individuell, das begründet die zuvor benannte Subjektivität des Erinnerns und die unterschiedliche Lernfähigkeit im Umgang mit Erinnerungen. Aber es scheint auch etwas zu geben, was wir mit Maurice Halbwachs das „kollektive Gedächtnis“ nennen, das wiederum das Bilden von Traditionen mit speist. Dazu gehört auch, dass wir uns an das Vergessen-Wollen erinnern, eine bedenkliche, wenn nicht beunruhigende bis verstörende Eigenschaft von uns Menschen.

Erinnern wir uns im Zusammenhang mit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen auch einer anderen Art der Erinnerungsarbeit, Edgar Hilsenraths Roman Nacht (1964), auf den Michael Köhlmeier neu aufmerksam gemacht hat. Bis heute hat dieser Roman etwas von einem Skandalon, erzählt er doch von den problematischen Eigenschaften der ums Überleben in den KZs leidenden Opfern, die keine Engel waren, keine Heroen des Widerstands, sondern von Todesangst gepeinigt, dem Nächsten gegenüber allzu menschlich moralisch versagten. Hilsenraths Roman stellte die schlichte Frage: Wie hätte jeder Einzelne von uns in einer solchen existentiellen Zwangslage reagiert? Keine Frage ist berechtigter, keine unbeantwortbarer.

Erinnerungen, unangenehme zumal, seien, wir hören und sagen es selbst oft genug, Ballast, den es abzuwerfen gelte, wie Sandsäcke im Korb eines Heißluftballons, auf dass wir befreiter abheben und schweben können – freilich in eine nur allzu ungewisse Zukunft.

Aus der Ernährungsphysiologie wissen wir aber auch, dass es ohne Ballast-Stoffe nicht geht. Wir verdauen ohne sie schlecht. Friedrich Nietzsche, der intensiver als Andere über den Zusammenhang von Stoffwechsel, Erinnerung und Vergessen nachgedacht hat, hielt viel vom Ermitteln eines der geistigen Verdauung förderlichen Verhältnisses von Erinnern und Vergessen; eine übermäßige Geschichtslastigkeit hindere uns am Leben; wie ein solches Verhältnis jedoch zu ermitteln sei, ließ er offen. Wir können uns diesen Luxus einer vermeintlich geistigen Hygiene nicht leisten; unsere Bewusstseinsverhältnisse haben sich radikal verändert, nicht zuletzt durch unser Wissen um Völkermord und die Shoa, Vernichtungskriege stattfindende und weiter in steigendem Maße wahrscheinliche ökologische Katastrophen und die weiterhin reale, aber weitgehend verdrängte Bedrohung durch den atomaren overkill. Erinnerung will in intensivere Wachsamkeit, kritisches Bewusstsein und Handlungsbereitschaft umgesetzt werden. Nur wenn diese Umsetzung nicht geschieht, erweist Erinnerung sich als sinnlos.

Erinnerungen überlagern sich; ihre Schichten gleichen einem Palimpsest. Überschreibungen scheinen jederzeit möglich; das Freilegen der eigentlichen Erinnerungssubstanz ist meist mühsam und hat mit dem zu tun, was wir ‚Erinnerungsarbeit‘ zu nennen gewohnt sind. Anlässe dafür gibt es, soll es auch geben; denn im Getriebe des Alltäglichen ist solche Arbeit selten möglich. Volkstrauertag, der in deutschen Landen einmal Heldengedenktag hieß, der deutscheste Tag im Kalender, der 9. November, der den Fall der Mauer erinnert, die Reichpogromnacht des Jahres 1938, Hitlers Putschversuch von 1923 sowie die Ausrufung der Ersten deutschen Republik 1918, sie fordern geradezu von Staatswegen auf, Erinnerungsarbeit persönlicher und kollektiver Art zu leisten; nicht minder der 27. Januar oder Jänner, an dem wir der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gedenken, aber auch der Geburt Wolfgang Amadeus Mozarts. Angst und Bange kann einem werden, wenn man die Implikationen manchen Gedenkens bedenkt. Und dann gibt es Gedenktage, die man der Vergessenheit überantwortet. Das Zweite deutsche Kaiserreich beging den Sedanstag jeden 2. September, um den sogenannten Sieg über die Armeen Napoleons III im Jahre 1870 zu begehen, bis er dann vom 1. September 1939 verdrängt, tragisch überboten wurde, dem Tag des Überfalls der Wehrmacht auf Polen und damit der Verursachung des Zweiten Weltkriegs. Dann kam der 8. Mai 1945, von dem man bis zur Rede Richard von Weizsäckers zu jenem Tag im Jahre 1985 vor dem Deutschen Bundestag nicht wusste, ob er als Tag der Niederlage oder der Befreiung zu gedenken sei.  Dann der 17. Juni, bis zum Fall der Mauer der höchste bunderepublikanische Gedenktag, den Aufstand in der Deutschen Demokratischen Republik 1953 erinnernd, bis Anfang der siebziger Jahre im Westen von Realitätsflüchtlingen meist geringschätzig nur „die Ostzone“ genannt. Der 13. August 1961, der Tag des Mauerbaus, blieb dagegen gedenktaglos.

Gedenken, staatlich verordnetes zumal, hat nicht selten etwas Verqueres, Gezwungenes. Es ist ein von Ritualen meist entkerntes, entwesentlichtes Erinnern, das kritische Aufarbeiten eher verhindert. Und doch bedarf es dieser Anlässe, um möglichst wissensbereichertes Bedenken und Besinnen einkehren zu lassen. Den Opfern des Faschismus zu gedenken, bleibt erste Bürgerpflicht und mit ihnen den Opfern aller ideologischen Gewaltsysteme, der Kriege – auch der jüngsten auf europäischem Boden, ich rede vom Balkan, Opfern des Kolonialismus in allen seinen perfiden Ausprägungen, des fundamentalistischen Terrors als eines Religionsfaschismus. Und kaum hat man diesen Satz ausgesprochen, meldet sich das schlechte Gewissen, weil hiermit Vergleiche impliziert sind, die für viele schlicht unstatthaft sind. Jahrelang tobte in den bundesdeutschen Medien – man erinnere sich –  die Auseinandersetzung, ob Vergleiche geschichtlich gewordener Untaten eine diese relativierende Wirkung hätten oder nicht. Als sogenannter „Historikerstreit“ hatte diese Kontroverse dann selbst Geschichte gemacht. Inzwischen zeichnet sich jedoch einmal mehr eine andere Art der Auseinandersetzung mit Geschichte ab, nämlich die ihrer ideologisch motivierten Beschönigung – und das trotz Augen öffnender Wehrmacht-Ausstellungen, Stasi-Museen, Kolonialdebatten und anderer aufklärerischer Zugänge zum erschreckend Gewesenen, das eines keineswegs ist: wirklich ‚vergangen‘. Es handelt sich dabei um revisionistische Geschichts- und damit Erinnerungsmanipulationen, zumeist nationalistisch motiviert, aber zunehmend durch die digitalen Medien exekutiert.

III

War hier bislang eher von konventionellen Spielarten des Erinnerungsproblems die Rede, so fragt sich inzwischen doch längst, wie es um die Zukunft der individuellen Erinnerung und der gemeinschaftlichen Erinnerungskultur bestellt ist. Handelt es sich doch um eine Zukunft, die von Twitter und You Tube beherrscht zu werden scheint, nebst privaten Nachrichtenkanälen mit intensiver öffentlicher Breitenwirkung. Die digitalen Medien sind zu Erinnerungsfiltern geworden. Erinnert wird, was wirkungsvoll aufbereitet oder skandalisierend kommentiert werden kann. Quellenkritische Sachkunde als Voraussetzung reflektierter Erinnerungsarbeit sieht sich mehr und mehr in Abseitsstellung.  Dabei gab es bislang keine Kulturform, in der jede nur denkbare Information solchermaßen abrufbar gewesen wäre wie die unsere im digitalen Zeitalter. Aus der mühsamen Recherche, dem Nachschlagen ist der Mausklick geworden, der leichte Druck mit dem Finger auf hochempfindliche Sensoren- und Impulssysteme, der aber nicht gleichzusetzen ist mit einem Fingerzeig auf eine Wissenskultur, die vom Verarbeiten der Informationen lebt. Digitale Prozessoren von nicht mehr zu beziffernden Informationen können weder werten noch den Prozess der Verinnerlichung, eine weitere Voraussetzung für künftige Erinnerungsleistungen, ersetzen.

Das Problem für die Zukunft eines menschenwürdigen Erinnerns beginnt an dem Punkt, wo Medienkanäle und digitale Kommunikationssysteme das vorprogrammieren, was und wie wir erinnern sollen. Die Propagandamaschinen der totalitären Systeme der Vergangenheit konnten von dem, was global inzwischen an medialer Informationsmanipulation möglich ist, nur träumen. Was nachweisbar als Lüge oder gezielte Fehlinformation sich entlarven lässt, wird mit einer entwaffnenden Unverfrorenheit zur Wahrheit erklärt. Die Grundschrift für diesen Zustand überhaupt und gleichzeitig eine Analyse der Voraussetzungen für künftiges Erinnern stammt vom jungen Nietzsche und heißt Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne (1873). Sie erschien ihm damals so explosiv, dass er sie zu Lebzeiten unveröffentlicht ließ, was bei diesem intellektuellen Provokateur einiges heißt. Nietzsches Befund könnte für unsere Verhältnisse, die zunehmend von ‚fake news‘ beherrscht werden, nicht treffender sein: Denn wenn Wahrheit nicht mehr als ein, wie Nietzsche meinte, „bewegliches Heer von Metaphern“ sein kann, besteht das einzig Verlässliche in der Instabilität einer Aussage. Mit der Gattung ‚Mensch’ ging er dabei harsch ins Gericht, wenn er befindet, im Menschen komme die „Verstellungskunst auf ihren Gipfel“, zu der er übrigens auch die diversen Arten des Erinnerns zählte. Diese intellektuelle Verstellungskunst, so Nietzsche weiter, bestehe aus „Täuschung, Schmeicheln, Lügen und Trügen, Hinter-dem-Rücken-Reden, Repräsentieren“, dazu „Maskiertsein, die verhüllende Convention, das Bühnenspiel vor Anderen und vor sich selbst“.

Und wir? Was tun wir, wenn wir den „Opfern des Faschismus“ gedenken, der Auflösung des grauenvollsten Vernichtungslagers der Menschheitsgeschichte? Versuchen wir dadurch unser Gewissen zu erleichtern und dabei eine Sprache zu finden, um das Unsägliche mit Worten zumindest zu umreißen? Lokales Erinnern bedeutet, dass zumindest einige dieser Opfer in Gestalt ihrer Nachkommen noch vor Ort bekannt sind. Persönliche Bezüge sind möglich. Sie verschwinden dagegen in den Zahlen und Statistiken. Es gab Zeiten, viele von uns erinnern sie, da stritt man über die Zahl der Opfer der Shoa. Gab es je einen unwürdigeren Streit?

Wirkliche Literatur kennt dergleichen Verzahlungen nicht. In ihr geht es um den Einzelnen, etwa um das Schicksal des Intellektuellen namens Johannes in Ernst Wiecherts Prosastück aus dem Jahre 1939 Der Totenwald (1946 in Zürich erschienen), auch wenn er – im Konzentrationslager Buchenwald –  als Häftling mit der Nummer 7188 leidet, aber traumatisiert überlebt. Dem Lager mit seinem idyllischen Namen am Ettersberg, Goethes Lieblingsort oberhalb von Weimar, gehen Hausdurchsuchung, Schmähungen, Gestapo-Haft und Folter voraus. Ein Mensch soll zermürbt werden, übersteht aber die Pein durch die Kraft seiner Erinnerung, was bedeutet, er hat seinerseits Anspruch darauf, erinnert zu werden, auch wenn er eine fiktive Gestalt ist. Aber was meint schon ‚fiktiv’? Literarische Erfindungen sind meist der erlebten Wirklichkeit abgewonnen oder (Alp-)Träumen, die bekanntlich nicht minder ‚wirklich’ sein können.

Ist unser Erinnern ‚wirklich’?  Ist es der Empirie geschuldet oder einem Traditionalismus, der entsprechende Gedenkriten ausgebildet hat, damit aber das Nicht-Authentische im Erinnern fördert? Um noch einmal aus Nietzsches, wie er selbst nahe legte, gewagtester Schrift zu zitieren: „Ein Maler, dem die Hände fehlen und der durch Gesang das ihm vorschwebende Bild ausdrücken wollte, wird immer noch mehr bei dieser Vertauschung der Sphären verraten, als die empirische Welt vom Wesen der Dinge verrät.“ Heute nennen wir dergleichen einen ‚Medienwechsel’, aber Nietzsche spielt hier auch auf eine tragische Situation an, die in den Lagern oder Verhörzellen Alltag war – in und um Buchenwald übrigens auch nach 1945/49, als das Lager von den Sowjets und anschließend von den DDR-Behörden seiner alten Nutzung neu zugeführt wurde. Einen symbolischeren Ausdruck konnte die Kontinuität von Unrechtssystemen auf deutschem Boden kaum finden.

Im Totenwald lernt Johannes das Grauen sehen. Es ist ein Sehen, dessen Bilder sich in die Erinnerung brennen. Wer aufschreiben wollte, was geschah, dem wurden die Finger gebrochen. Wer noch den aufrechten Gang versuchte, dem wurde ein „kopfgroßer Stein mit voller Wucht in den Rücken geschleudert“.

Immer ist die Zukunft der Erinnerung in Gefahr, weil die Zeugen sterben. Johannes aber lebt im Totenwald weiter, fiktiv und daher wirklich. Jede Generation hat den Auftrag, ihre Erinnerungen weiterzugeben; denn es gibt sie, die „Angst vor dem Vergessen, vom Verlust der Orientierung“, wie Lukas Bärfuss in seiner Rede zum Büchnerpreis eingestand und den Merksatz in sie einflocht: „Wer den letzten Krieg vergisst, der bereitet schon den nächsten vor.“ Damit meinte er auch den jüngsten europäischen Krieg, jenen auf dem Balkan, dessen Wunden eher weiter schwären denn vernarben. Bärfuss, der Rebell aus dem verträumt-beschaulichen Schweizer Städtchen Thun, gab weiter zu Protokoll, dass er die Raffinesse seines Schreibens, jeden Wohlklang, jeden gewollten Misston darin „als eine Form der Memotechnik“ versteht, „als Methode, um sich lebendig zu erinnern, zu empfinden, daran, was Menschen einander antun können“, aber auch daran, dass nichts davon unabwendbar sei. Es liegt an uns, Konsequenzen aus unserem Erinnern zu ziehen, zu erinnern, dass wir vergessen haben und was das bedeutet.      

IV   

Erinnern und Vergessen haben ihre eigene Mythologie.  Mnemosyne, eine Titanin, war als Tochter von Uranus und Gaia ihrerseits die Mutter der neun Musen, zu denen auch Clio gehört, die Inspiratorin der Geschichtsschreibung. Um 1880 malte Dante Gabriel Rossettieine voluptöseMnemosyne-Figur, die er mit einer Lampe ausstattete, das Licht der Erinnerung tragend, voraus in die Zukunft leuchtend. Dass der Romantiker, Friedrich Schlegel, die Erinnerungsleistung des Geschichtsschreibers als rückwärts gewandte Prophetie bezeichnet hatte, fügt sich dabei buchstäblich ins Bild.

Auch unser eigenes Erinnern hat oft seine kleinen Mythologien oder zumindest Geschichten. In meinem Fall ist sie mit H.G. Adler verbunden, einem Überlebenden der Lager, zuletzt von Auschwitz, der bei dessen Öffnung durch die Sowjets sich bis in seine Geburtsstadt Prag durchschlug, wo dann die kommunistische Verfolgung der Juden, deutschsprachiger zumal, 1945/46 einsetzte und er sich nach London retten konnte. Ihm, dem eigentlichen Anlass für meinen Aufbruch an die Themse-Metropole anno 1981, galt denn auch im Oktober jenes Jahres mein erster Besuch. In ihm begegnete ich meinem eigentlichen Lehrer außerhalb universitärer Einrichtungen. Bis zu seinem Tod sieben Jahre später erwiesen sich die Stunden in seiner unvergesslichen, mit zumeist mit Erstausgaben deutschsprachiger Literatur und seinen Manuskripten bestückten Wohnung im Londoner Stadtteil Earl’s Court als Prägungen der seltensten Art. Seinen großen Studien zu Theresienstadt und zum Phänomen des im Totalitarismus zum „verwalteten Menschen“ gewordenen Individuum, dem völlige Selbstentfremdung vor seiner Vernichtung drohte, gewannen im persönlichen Gespräch bleibende Brisanz. Er sprach jenes silberhelle Prager Deutsch, das wie so viele regional gefärbten Intonationen des Deutschen der Vergessenheit anheimgefallen sind. Adlers Zeugenschaft machte mich selbst zu ihrem Zeugen, woraus ich wiederum, später als Lehrender, die Verpflichtung ableitete, dieses Bezeugte meinerseits zu tradieren.

Bei einem dieser Besuche schlug Adler vor – das Harfenquintett von E.T.A. Hoffmann, das er besonders schätzte wie sonst nur Musik von Arnold Schönberg, war soeben verklungen ­– gemeinsam Hölderlins Hymne „Mnemosyne“ zu lesen. Als nach London selbstversetzter, mit der Hölderlin-Philologie recht vertrauter Literaturstudent aus Tübingen glaubte ich, gerade diese Hymne an die Titanin der Erinnerung in- und auswendig zu kennen, aber als ich Adler sie leise Vers um Vers rezitieren hörte, vernahm ich eine ganz neue Dichtung, und ich hörte: „Und immer / Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. […] /Vorwärts aber und rückwärts wollen wir / Nicht sehn. Und wiegen lassen, wie / Auf schwankendem Kahne der See.“  Vorwärts aber und rückwärts wollen wir / Nicht sehn.Wollte Hölderlin uns sagen, das wir nur zu oft das Erinnern und die Konsequenzen daraus verweigern? Adler forderte mich auf, diese Verse auch halblaut zu lesen. Was ich – seltsam befangen – auch tat, wobei mir ein Verlesen unterlief. Statt „Vorwärts“ sagte ich „wortwärts“, was ihm ein verschmitztes Lächeln entlockte, und er meinte generös: Das gehe auch. „Wortwärts“ blieb fortan ein kleines Signalwort bei unseren Gesprächen.

Was Hölderlin seine Hymne noch sagen lässt und was ich ohne Verlesen mit Adler besprechen konnte: Dass Gegenreden die Himmlischen „verwunden“ können und diesen rätselhaften Schluss: „Himmlische nämlich sind / Unwillig, wenn einer nicht die Seele schonend sich / Zusammengenommen, aber er muss doch; dem / Gleich fehlet die Trauer.“

Wer wirklich erinnert, schont seine Seele nicht, fällt damit auch nicht vor Mnemosyne in Ungnade. Doch es ist die Zeit der Helden nicht mehr. Die Hymne sagt, Achilles, Ajax, Patroklos lebten nicht länger; sie seien dem Ich, also in den Augen des Ichs des Gedichts, „gestorben“ und mit ihnen die Stadt der Mnemosyne. Auch die Trauer versagt sich; sie verfehlt ihre Wirkung, wohl weil ihr Gegenstand – diese Vermutung hing damals unausgesprochen in Adlers Arbeitszimmer – zu unerhört, zu ungeheuerlich war, ist und bleibt.

Mag auch die Trauer versagen, noch gibt es eine Sprache, darüber Rechenschaft abzulegen, so bedroht unsere Erinnerungsfähigkeit und der Wert unserer Erinnerungen auch sind. Das Erinnern zu verdrängen, gar zu vergessen – es wäre nicht nur sträflich, sondern, aufs Ganze gesehen, tödlich.

V

Werden wir zu dem, was wir erinnern? Charakterbildend ist, wie wir erinnern. Die Umstände, unter deren Einfluss sich unsere Erinnerungen bilden, entscheiden oft über die Qualität unseres Erinnerns. Dabei zeigen sich verschiedene Schichten von Erinnerungen und Gedächtnisarbeit, die einander überlagern und zuweilen durchdringen. Wir erinnern authentisch Erlebtes und Erlerntes, ‚am eigenen Leib’, also physisch und psychisch Erfahrenes und Wissenssubstanzen, sei es eine chemische Formel oder die Zusammenhänge in einer geschichtlichen Periode oder fremdsprachliche Vokabeln. Dabei hängt es von der emotionalen wie mentalen Disposition des Einzelnen ab, inwieweit er Erlerntes auch zur intimen Erfahrung werden lässt. Gewiss ist, dass es ein primäres Erfahrungserinnern und ein sekundäres Lernerinnern gibt; zu letzterem gehört für die meisten von uns die Shoa, die Verbrechen in den totalitären Ideologiesystemen, wobei Opfer von Terror und Gewalt spätestens seit dem Anschlag auf die Twin Towers vermehrt wieder Gegenstand unseres persönlichen Erfahrungserinnerns geworden sind. Dieses sekundäre Lernerinnern bedarf einer intensiveren Arbeit, ja Anstrengung, um es wach zu halten. Verbindet es sich mit emotiven Werten, verinnerlichen wir es, dann wird es zum Gedenken.

Vergessen wir aber nicht die bio-chemischen und neuronalen Voraussetzungen des Erinnerns gleich welcher Art. Eines der weltweit führenden Forschungszentren, das Brain Mind Institute in Lausanne, arbeitet seit Jahrzehnten an einer in sich schlüssigen neurobiologischen Erklärung der Erinnerungsvorgänge und ihrer hormonalen Zusammenhänge. Diese Forschungen zur Gedächtnisphysiologie, die den Einfluss von Neuronen und den Vagusnerv stimulierenden Hormonen Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol auf die Bildung von Erinnerung untersuchen. Doch kann dieser Art der Erinnerungsforschung nicht erklären, wie bestimmte Erinnerungen prägen und verändern, was sie mit uns machen, und was geschieht, wenn wir sie willentlich zu verdrängen suchen. Dass erhöhte Adrenalin-Ausstöße erinnerungsstarken Persönlichkeiten das zumindest teilweise Vergessen ermöglichen und damit den oft permanenten Erinnerungsdruck mildern, ist freilich eine erwiesene Tatsache. Sich dieser Wirkungsweisen zu erinnern, ist der klassische Fall sekundären Lernerinnerns, um auf diese Weise auch unser primäres Erfahrungserinnern zumindest funktionalneurologisch verstehen zu können.

Wie verhalten sich wiederum diese Überlegungen und Einsichten zu den Fragen einer individuellen und/oder gemeinschaftlichen Erinnerungs- und Gedenkkultur? Sie sind ihre zu selten bedachten und bei der Bewertung ihrer Ausprägungen meist kaum berücksichtigten bio-materiellen Bedingungen. Damit sich uns etwas einprägt, bedarf es eines mehr oder weniger moderaten Reizmoments, damit es zu der neuronal stimulierenden hormonalen Ausschüttung kommt. Die Erinnerungskultur muss demnach ihrerseits immer wieder neu gestaltete Reize erzeugen, meist sinnlich-ästhetischer Art, um etwas ins kollektive wie individuelle Gedächtnis einzusenken.

Die Art dieser Reize kann einer gemeinschaftlichen Übereinkunft entstammen oder – bedenklicher Weise – ideologischer Vorgaben. Nietzsche, der viel Sinn für die in seiner Zeit noch in den Anfängen befindlich gewesene Denkphysiologie hatte, fragte entwaffnend provokant in seiner Streitschrift Zur Genealogie der Moral von 1887: „Wie macht man dem Menschen-Thiere ein Gedächtnis? Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtniss bleibt: nur was nicht aufhört, weh zu thun, bleibt im Gedächtniss.“ Nur was schmerzte oder immer wieder neu als Schmerz vermittelt wird, bildet Gedächtnisgehalte. Damit war Nietzsche 1887 durchaus schon auf der Höhe einer psychologisch-physiologischen Deutung des Erinnerns, deren neuronale Grundlagen, wie gehört, in unserer Zeit nachgeliefert werden.

Die ‚Moral’ aus dieser Genealogie des Erinnerns für unsere Gedenkkultur lautet demnach: Wir müssen die Wunden offenhalten, damit sie weiter schmerzen und ihre Ursachen erinnert werden; denn Narben lassen sich überschminken oder als Zierrat der Zeit ansehen. Und ich möchte noch einen Schritt weitergehen, auch wenn er an Übertreibung grenzt, das aber sehr bewusst: Man führe sich in unserer tätowierungsbesessenen Zeit wieder und wieder neu vor Augen führt, dass den Insassen der Konzentrationslager ihre Nummer auf den Unterarm eingebrannt wurde, die grausigste Form moderner Urtätowierung, unauslöschlich – und ein Schmerz, den zu betäuben wir uns nie mehr leisten können. Eine Zukunft ohne Erinnern wäre des Menschen unwürdig. Unwürdig wäre aber auch ein Erinnern, das sich selbst genügt und nicht in kritische Reflexion übergeht.

Die Zukunft des Erinnerns liegt demnach in der Qualität des Erinnerns selbst, also in seinem kritischen Potential, den Opfern jeglicher Gewaltherrschaft geschuldet.

Nur ein kritisch betriebenes, meist erzählerisch operierendes Erinnern, aus dem ein entsprechendes Verhalten und Handeln entsteht, kann den ‚Anfängen wehren‘. Für diesen geistigen Wehrdienst im Namen freiheitlich-demokratischer Rechtsstaatlichkeit gibt es keinen Ersatz.

 

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