Schramberg: Kein Einsatz nach Schema „F"

Interview: Polizeichef Regele nimmt Stellung zum Amok-Einsatz

Polizeipräsident Gerhard Regele. Foto: pm

Nach dem großen Einsatz am Dienstag fanden sich auch einige kritische Stimmen in der Presse, aber auch unter den beteiligten Polizeibeamten. Die NRWZ hat dazu Polizeipräsident Gerhard Regele befragt:

 NRWZ: Wie viele Beamte waren an diesem Einsatz beteiligt und wer hat ihn geleitet?

Regele: Etwa 90 Beamte waren vor Ort, die Leitender Polizeidirektor Ralf Thimm geleitet hat. Thimm, Leiter Direktion Polizeireviere und mein Stellvertreter, ist sehr einsatzerfahren.

Immer mehr Einsatzkräfte treffen im Laufe des Vormittags ein. Alle Fotos: him

 Nach etwa einer Stunde waren 30 Beamte vor Ort, alle sind für einen solchen Einsatz ausgebildet. Warum haben Sie aufs SEK gewartet?

Stimmt, es waren speziell geschulte Kräfte an der Schule. Sie hätten schnell eingreifen können. Wenn es wirklich ein Amoklage gewesen wäre, also ein Täter dort geschossen hätte beispielsweise, dann wären diese Beamten sofort rein, um den Schützen auszuschalten.

 Aber in der Schule war alles ruhig?

Ja, wir hatten eine ‚statische Lage, es gab die Drohung, aber keinen erkennbaren Täter in der Schule. Der Polizeiführer hat deshalb entschieden, wir holen mit dem SEK noch besser ausgebildete und ausgerüstete Kräfte. Er wollte Fehler im Einsatz ausschließen. Es war die richtige Entscheidung, für die Sicherheit der Kinder und Lehrer nahmen wir die Verzögerung in Kauf.

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 Parallel landete in Offenburg ebenfalls eine Droh-E-Mail, da haben offenbar ein paar Streifenwagenbesatzungen beim Schillergymnasium genügt. Die Polizei hat die Schule durchsucht, und um 10.30 Uhr war alles vorbei. Worin lag der Unterschied?

Dort sind die Einsatzkräfte sofort rein in die Schule. Der Polizeiführer entscheidet vor Ort der Lage angepasst. So war es auch in Winnenden. Das geht nicht nach Schema „F". Jeder Einsatz wird vom jeweiligen Polizeiführer individuell eingeschätzt und bewertet. Dabei spielen beispielsweise die Schüleranzahl, die Lage des Schulgebäudes, die Räumlichkeiten mit Treppenaufgängen, Stockwerken und Zimmeraufteilungen neben vielen anderen Dingen eine große Rolle.

Lagebesprechung auf der Straße.

Die Einsatzzentrale war 60 Kilometer entfernt, in Tuttlingen. Warum hat man das nicht in Schramberg vor Ort gemacht?

Wir machen das grundsätzlich so. Wir haben hier die Logistik, die Technik und das bestens ausgestattete Führungs- und Lagezentrum, in dem wir solche Großereignisse bewältigen können. Das geht nicht vor Ort.

 Warum?

Wir haben gleichzeitig ganz verschiedene ‚Abschnitte' zu behandeln und Aufgaben zu bewältigen: Neben dem eigentlichen Einsatz den Verkehr regeln, die Betroffenen betreuen, die Ermittlungen leisten, die Öffentlichkeit informieren, um nur einige zu nennen. Um das zu koordinieren, brauchen Sie die richtigen Kommunikationseinrichtungen, technische und auch räumliche Logistik, sonst geht so ein Einsatz schief.

Gut beschützt: Die ersten Schüler verlassen die Schule und kommen zum Bus.

Als klar war, alles ist sicher, weshalb dann noch die umständliche Übergabeprozedur der Schüler an die Eltern?

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Oberste Priorität hatten der Schutz und die Gesundheit der über 700 Schüler und ihrer Lehrkräfte. Deshalb hat die Polizei zusammen mit dem DRK während des Einsatzes entschieden, die Übergabe an die Eltern in dieser Form zu machen. Wir wollten sicher sein, dass alle Kinder auch wirklich bei ihren Eltern angekommen sind. Das war eine Mammutaufgabe, über 1000 Menschen koordiniert zusammen zu bringen.

 Warum so weit weg, auf dem Sulgen?

Zum einen, weil dort genügend Platz war, zum anderen wollten wir, dass die Kinder raus aus der Gefahrenzone kommen. Derjenige, der die Mail geschickt hat, hätte auch von außen agieren können.

Das ging alles sehr langsam.

Richtig, neben der Registrierung haben wir die Kinder auch gefragt, wie es ihnen geht. Das war doch ein massives Geschehen, das Traumata auslösen kann. Wir konnten die Kinder nicht einfach alle springen lassen, ohne uns nach solch einem erheblich beeindruckenden Ereignis auch weiter um sie undum ihre Eltern zu kümmern.

 In Offenburg ging das aber. Was war aus Ihrer Sicht der Unterschied?

Dort lief der Einsatz während des Schulbetriebs, eher „nebenbei, nach der dort individuell und für Offenburg richtig getroffenen Einschätzung des zuständigen Polizeiführers. In Schramberg war der Einsatz sehr massiv. Ein Vater hat erzählt, sein Kind habe Angst bekommen. Kein Wunder, wenn da Beamte mit Helm und Maschinenpistole im Klassenzimmer stehen. Das müssen Eltern und Kinder erst einmal, auch in einer Nachbereitung zusammen mit der Schule und den Einsatzkräften, verarbeiten.

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Nach langer Wartezeit: Schüler verlassen miot ihren Eltern das Gelände an der Kreissporthalle auf dem Sulgen.

Gab es bei der Einsatzleitung vielleicht den Gedanken, jetzt sind eh schon alle da, dann ziehen wir das lehrbuchmäßig durch als Großübung sozusagen?

Auf keinen Fall! Uns ging es darum, allen Beteiligten 100 Prozent Schutz zu gewährleisten.

Welche Lehren zieht die Polizei aus dem Tag in Schramberg?

Wir werten solche Einsätze immer und standardmäßig gründlich aus und bereiten sie nach. Insbesondere Negatives und Kritik arbeiten wir auf. Aus Schramberg nehmen wir mit, dass wir schneller ein Elterntelefon einrichten müssen. Wir müssen mehr Kollegen vor Ort haben, die die Eltern mit Fakten versorgen können, um sie zu beruhigen. Auch die Kritik von Schulleiter Bernhard Dennig, die Schulleitung sei zu wenig eingebunden gewesen, werden wir aufnehmen bei der Nachbearbeitung und schauen, wie wir das besser machen können.

Wie laufen die Ermittlungen nach dem Absender der Drohmail?

Wir arbeiten mit Hochdruck daran. In enger Kommunikation mit anderen Polizeidienststellen in Deutschland fahnden wir. Spezialisten versuchen, den Täter zu fassen.

 

Die Fragen stellte unser Redakteur Martin Himmelheber.

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