Stunden der Angst. Aber auch der professionellen Einsatzarbeit

Die Amokdrohung am Gymnasium Schramberg - eine Zusammenfassung

Am Ende herrscht gro­ße Erleich­te­rung: „Ich habe mei­ne Toch­ter im Bus gese­hen und wir haben uns zuge­wun­ken“, erzählt eine Mut­ter bei der Sul­ge­ner Kreis­sport­hal­le. Davor lagen vier Stun­den vol­ler Angst und Unge­wiss­heit.

8.08 Uhr: Vor dem Schram­ber­ger Gym­na­si­um ste­hen zwei Strei­fen­wa­gen. Die Beam­ten zie­hen sich ihre Sicher­heits­wes­ten über. In der Schu­le alles ruhig. „Wir haben eine Amokla­ge“, erzählt einer der Beam­ten. „Es ist heu­te Mor­gen eine E-Mail bei der Schu­le ein­ge­gan­gen und dar­auf­hin hat die Schu­le die Poli­zei ein­ge­schal­tet.“ Der Beam­te bit­tet, doch lie­ber auf der Stra­ße zu war­ten: „Zur eige­nen Sicher­heit.“

Kurz nach Acht sind gera­de mal zwei Strei­fen­wa­gen vor Ort. Fotos: Mar­tin Him­mel­he­ber

Die NRWZ mel­det online um 8.24 Uhr, dass am Gym­na­si­um eine Dro­hung ein­ge­gan­gen sei und die Poli­zei die­se ernst neh­me. Ein Schü­ler, der zu spät  kam, will noch in den Unter­richt. Die Beam­ten stop­pen ihn, durch­su­chen sei­nen Ruck­sack und schi­cken ihn vom Schul­hof. Wenig spä­ter tref­fen die ers­ten besorg­ten Müt­ter und Väter ein. Sie wol­len wis­sen, was los ist. Die Poli­zis­ten kön­nen nichts sagen, nur dass es eine E-Mail mit bedroh­li­chem Inhalt gebe.

Eltern war­ten bei der Hei­lig-Geist-Kir­che auf Infor­ma­tio­nen.

In der Schule

Die Schü­ler im Gym­na­si­um erfah­ren zu die­ser Zeit auch nicht viel mehr. Nina erzählt spä­ter der NRWZ: „Wir Fünft­kläss­ler haben gra­de einen Test geschrie­ben, da kam per Laut­spre­cher die Durch­sa­ge, dass eine E-Mail gekom­men sei.“ Da habe drin gestan­den: „Wir wol­len gegen 8 Uhr was machen.”  Dar­auf­hin sei die Poli­zei zur Schu­le gekom­men.

Die Lehr­kräf­te nut­zen die Amok-Türen und schlos­sen von innen ab. „Wir durf­ten das Klas­sen­zim­mer nicht ver­las­sen.“

Spä­ter wird die Poli­zei bei einer impro­vi­sier­ten Pres­se­kon­fe­renz in der Media­thek etwas geschraubt erklä­ren: „Bei der Schul­lei­tung ist eine E-Mail ein­ge­trof­fen, deren Inhalt als Andro­hung einer Straf­tat gewer­tet wer­den kann.“ Aus ermitt­lungs­tak­ti­schen Grün­den möch­te er nichts zum Inhalt sagen. Was über ihren Inhalt im Umlauf ist, wird eben­falls von der Poli­zei aus­drück­lich nicht kom­men­tiert.

Vor der Schule

Auf dem Park­platz schräg gegen­über dem Gym­na­si­um tref­fen nach und nach immer mehr Strei­fen­wa­gen ein. Aus dem gesam­ten Poli­zei­prä­si­di­ums­be­reich wer­den Kräf­te zusam­men­ge­zo­gen. Die Poli­zis­ten holen ihre Amok-Aus­rüs­tung aus den Autos und legen sich Schutz­wes­ten an. Das Rote Kreuz ist mit einem Dut­zend Ret­tungs­wa­gen vor Ort.

Ein­satz­be­spre­chung unter frei­em Him­mel.

Auch Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Her­zog und Fach­be­reichs­lei­ter Bert­hold Kam­me­rer sind auf dem Park­platz. Die Ein­satz­lei­ter von Poli­zei, Rotem Kreuz und Feu­er­wehr bera­ten, was zu tun ist. Die Poli­zei ent­schei­det: Sicher­heit geht vor. So war­ten alle auf die Spe­zi­al­kräf­te, das SEK. Die Schu­le wird von außen umstellt, aber ins Gebäu­de  gehen die Beam­ten zunächst nicht.

Die NRWZ wird ange­hal­ten, nichts über die Anfahrt des SEK zu berich­ten. Ein Leser hat­te die der Redak­ti­on gemel­det, zehn Wagen hät­ten sich von Stutt­gart aus auf den Weg gemacht, habe er beob­ach­tet. Ein Poli­zei­spre­cher erklärt zunächst, dass er das nicht demen­tie­ren kön­ne – um dann aus der Haut zu fah­ren. Die NRWZ sol­le sich bit­te­schön zurück­hal­ten. Es gel­te, kei­ne Panik zu ver­ur­sa­chen. Unter­des­sen rückt das SEK an. Und besorg­te Leser mel­den sich ver­mehrt in der NRWZ-Redak­ti­on.

Das Gelän­de um die Schu­le wird weit­räu­mi­ger abge­sperrt. Die besorg­ten Eltern wer­den gebe­ten, Abstand zu hal­ten. Die Poli­zis­ten zie­hen Absperr­bän­der. Die Eltern haben Schir­me auf­ge­spannt, die meis­ten haben ihr Smart­pho­ne am Ohr, wol­len erfah­ren wie es ihren Kin­dern geht oder infor­mie­ren Ver­wand­te und Freunde.Der nahe gele­ge­ne Hei­lig-Geist-Kin­der­gar­ten und die Ber­neck­schu­le fal­len in den abge­sperr­ten Bereich. Besorg­nis auch dort.

In der Media­thek, zwei­hun­dert Schritt ent­fernt, rich­tet das Rote Kreuz eine Auf­fang­sta­ti­on für besorg­te Eltern ein. „Wir möch­ten Sie bit­ten, in die Media­thek zu gehen. Dort erfah­ren Sie mehr“, appel­liert ein Beam­ter an die Eltern, die an der Hei­lig-Geist-Kir­che mit ban­gem Blick hin­über zur Schu­le schau­en. Nur weni­ge wol­len den Ort des Gesche­hens ver­las­sen, har­ren lie­ber im Regen aus. Dass sie den Ein­satz behin­der­ten, wird ein Poli­zei­spre­cher spä­ter über sie sagen. Es herrscht all­ge­mein Stress.

Beam­te aus der gesam­ten Regi­on tref­fen ein.

Die Ber­neck­stra­ße, eine wich­ti­ge Durch­gangs­stra­ße Rich­tung Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen und Ten­nen­bronn, wird gesperrt. Schnell ent­wi­ckelt sich ein grö­ße­rer Stau.

Um 9.42 Uhr kommt ein Hub­schrau­ber, er bringt die Spe­zia­lis­ten. Etwa zur sel­ben Zeit rol­len ein hal­bes Dut­zend Zivil­fahr­zeu­ge an. Ihnen ent­stei­gen beson­ders aus­ge­rüs­te­te Ein­satz­kräf­te. Das SEK ist da. Sie eilen durch den kal­ten Nie­sel­re­gen in die der Schu­le gegen­über­lie­gen­de Hei­lig-Geist-Kir­che, hal­ten sich für einen Ein­satz bereit. In der Kir­che ver­sam­melt sich auch der Kri­sen­stab.

Inzwi­schen wird bekannt, dass es ganz ähn­li­che Dro­hun­gen auch in Offen­burg und – aus­ge­rech­net – Win­nen­den gege­ben hat. Was hat das zu bedeu­ten? Will da ein Unbe­kann­ter nur Angst ver­brei­ten? Solan­ge das nicht klar ist, geht die Poli­zei vom Ernst­fall aus und zieht das ein­ge­üb­te Pro­gramm durch. Das dau­ert. Und spannt die Ner­ven der War­ten­den an. Aber: “Die Sicher­heit der Schü­ler hat für uns Prio­ri­tät“, so ein Poli­zei­spre­cher. Mehr als 100 Poli­zis­ten sind vor Ort.

Die Stadt­ver­wal­tung küm­mert sich der­weil um einen Ort, wo die Schü­ler unter­ge­bracht wer­den kön­nen. Als gar nicht so ein­fach erweist es sich, genü­gend Bus­se zu bekom­men: „Wir gehen von maxi­mal 1000 Schü­lern aus“, sagt Tho­mas Pahl, der lei­ten­de Not­arzt. Spä­ter  ist zu erfah­ren, dass ein­zel­ne Lini­en­bus­fahr­ten kur­zer­hand gestri­chen  und die Fah­rer zum Gym­na­si­um umdi­ri­giert wor­den sind.

Der Schram­ber­ger Revier­lei­ter Jür­gen Lede­rer kommt vor­bei. Er bestä­tigt gegen 11.25 Uhr: „Die Durch­su­chung läuft.“ Die Spe­zia­lis­ten sei­en im Gebäu­de und  kon­trol­lier­ten jedes ein­zel­ne Klas­sen­zim­mer. „Es geht schnel­ler als gedacht“, sagt der Beam­te. Dabei sei­en auch ein­zel­ne Türen zu Bruch gegan­gen, wenn nicht gleich der pas­sen­de Schlüs­sel zu fin­den gewe­sen sei, heißt es. In der Schu­le sei alles ruhig, so Lede­rer, „da gibt’s kei­ne Panik.“ Auch die Eltern reagier­ten meist beson­nen.

Aus Feh­lern bei frü­he­ren Amo­ker­eig­nis­sen hat die Poli­zei gelernt. Die Kin­der und Jugend­li­chen wer­den nicht ein­fach nach dem Ein­satz nach Hau­se gehen kön­nen. Der Kri­sen­stab möch­te, dass sie an einen Ort gebracht wer­den, dass die Leh­rer ihre Namen auf­schrei­ben und dass die Kin­der dann von ihren Eltern abge­holt wer­den kön­nen.

Als beson­ders geeig­net als Über­ga­be- und Regis­trie­rungs­ort erscheint die Kreis­sport­hal­le auf dem Sul­gen. Dr. Tho­mas Pahl, der lei­ten­de Not­arzt, erklärt war­um: „Hier ist viel Platz, es gibt eine Küche, wir kön­nen die Schü­ler mit Geträn­ken ver­sor­gen.“ Man­che wür­den inzwi­schen Ball spie­len, um sich die Zeit zu ver­trei­ben Ein wei­te­rer Grund: Dort haben die Bus­se Platz, um hal­ten zu kön­nen. Die Poli­zei und der Kri­sen­stab wol­len die Infor­ma­ti­on noch zurück­hal­ten, bis klar ist, dass es auch wirk­lich klappt mit der Hal­le. Gleich­zei­tig beschlie­ßen die Ver­ant­wort­li­chen, die Eltern im ein paar hun­dert Meter ent­fern­ten Feu­er­wehr­ge­rä­te­haus war­ten zu las­sen.

Um 11.30 Uhr ist der Ein­satz in der Schu­le offen­bar been­det. Ein Poli­zei­spre­cher bestä­tigt: „Wir haben nichts gefun­den.“ Die Bus­se fah­ren lang­sam Rich­tung Schu­le. Ein Beam­ter erklärt den war­ten­den Eltern, sie mögen bit­te auf den Sul­gen fah­ren, dort­hin wür­den ihre Kin­der gebracht. Wenig spä­ter ver­las­sen die Ein­satz­kräf­te die Kir­che und rol­len in ihren Klein­bus­sen davon. Auch der Poli­zei­hub­schrau­ber hebt kurz dar­auf ab.

Spe­zi­al­ein­satz­kräf­te brau­chen nicht ein­zu­grei­fen.

Um, 11.55 Uhr der erlö­sen­de Moment: „Da kom­men die ers­ten“, ruft eine Mut­ter, die seit zwei Stun­den bei der Kir­che gewar­tet hat.

Der erlö­sen­de Moment: die ers­ten Schü­ler kön­nen das Gym­na­si­um ver­las­sen. Foto: him

Beglei­tet von Poli­zei­be­am­ten und Rot-Kreuz-Hel­fern über­quert die Schul­klas­se den Schul­hof und besteigt – dis­zi­pli­niert wie sel­ten – den war­ten­den Lini­en­bus.

Auf dem Sulgen

An der alten Rott­wei­ler Stra­ße steht eine lan­ge Auto­schlan­ge, links und rechts haben die Eltern ihre Autos abge­stellt und sind ins Sul­ge­ner  Feu­er­wehr­ge­rä­te­haus geeilt. „Ich hab‘ um halb neun erfah­ren, dass da was los ist“, erzählt Recep K., „ich bin dann gleich von der Arbeit weg zur Schu­le gekom­men.“ Er fin­det, die Ein­satz­kräf­te mach­ten das alles sehr pro­fes­sio­nell. „Aber wir wür­den jetzt schon gern unse­re Kin­der sehen“, wirft ein ande­rer Vater ein. Er muss sich noch gedul­den, denn in der Krei­sport­hal­le neh­men es die Hel­fer mit der Regis­trie­rung genau.

Im Feu­er­wehr­ge­rä­te­haus war­ten die Eltern.

Es dau­ert, bis die Schü­ler klas­sen­wei­se alle regis­triert sind. Sobald eine Klas­se voll­zäh­lig in der Hal­le ist, infor­miert das DRK die war­ten­den Eltern, die dann ihre Spröss­lin­ge in die Arme schlie­ßen kön­nen.

Ein Kame­ra­mann filmt die Ankunft der eva­ku­ier­ten Schü­ler bei der Kreis­sport­hal­le.

Um 12.50 Uhr ist es amt­lich, die Poli­zei gibt Ent­war­nung: Die „per E-Mail bei der Schul­lei­tung des Gym­na­si­ums Schram­berg ein­ge­gan­ge­ne Amo­kan­dro­hung“ habe sich nicht bestä­tigt. Die Poli­zei ver­su­che, den Ver­fas­ser der E-Mail zu ermit­teln. „Ob die­ser auch für ähn­lich gela­ger­te Droh­schrei­ben in Baden-Würt­tem­berg oder ande­ren Bun­des­län­dern ver­ant­wort­lich ist, wird über­prüft.“

Es dau­er­te noch eini­ge Zeit, bis schließ­lich alle etwa 700 Schü­ler die Bus­se ver­las­sen haben, regis­triert sind. Doch nach und nach leert sich das Feu­er­wehr­ge­rä­te­haus, in der Tal­stadt rücken die Poli­zei­kräf­te ab, das DRK räumt sei­ne Uten­si­li­en auf und es kehrt wie­der All­tag ein im Städt­le.

Nach­trag: Schram­bergs OB Tho­mas Her­zog, selbst Vater von zwei Kin­dern, die in der Schu­le waren, ist „froh dass es glimpf­lich aus­ge­gan­gen und den Kin­dern nichts pas­siert ist”. Her­zog bedankt sich bei allen Ein­satz­kräf­ten  für ihr Enga­ge­ment. Ein beson­de­res Lob hat er für die Schul­lei­tung und die Lehr­kräf­te des Gym­na­si­ums und deren beson­ne­ne Reak­ti­on: „Die Kin­der haben sich sehr gut betreut gefühlt.“

Bevor er das Rat­haus ver­läßt, muss er noch in der Piz­ze­ria vor­bei: „Zwei Fami­li­en­piz­zen abho­len, Auf­trag mei­ner Kin­der.”