Die Ausrufung der Republik durch den SPD-Politiker Albert Bauer (1883 bis 1959) auf dem Rathausplatz in Schramberg am 11. November 1918 auf einer Zeichnung des Graphikers und Illustrators Uwe Rettkowski aus dem Jahr 2018 Bild: Stadtarchiv Schramberg

Heu­te vor hun­dert Jah­ren, am 11. Novem­ber 1918, ström­ten mehr als 3000 Men­schen auf dem Rat­haus­platz in Schram­berg zusam­men. Nach der Matro­sen­re­vol­te an der Nord­see­küs­te brei­te­te sich die Novem­ber­re­vo­lu­ti­on wie ein Flä­chen­brand im gesam­ten Deut­schen Reich aus und erreich­te auch den Schwarz­wald. Über die Ereig­nis­se damals berich­tet Stadt­ar­chi­var Cars­ten Kohl­mann:

Von der dama­li­gen Kund­ge­bung des SPD-Orts­ver­eins Schram­berg ist bis heu­te lei­der kein Foto bekannt gewor­den. Die schrift­li­chen Quel­len – zum einen der Bericht im Pro­to­koll­buch des SPD-Orts­ver­eins Schram­berg und zum ande­ren der Bericht im „Schwarz­wäl­der Tag­blatt“ – ver­mit­teln aber ein bis heu­te anschau­li­ches Bild die­ses Ereig­nis­ses. Auf ihrer Grund­la­ge hat der Gra­phi­ker und Illus­tra­tor Uwe Rett­kow­ski eine Zeich­nung ange­fer­tigt, die noch bis zum Sonn­tag im drit­ten Teil der Aus­stel­lungs­tri­lo­gie zu sei­nem 70. Geburts­tag im Stadt­mu­se­um zu sehen ist.

Die Zeich­nung zeigt die Men­schen­men­ge auf dem Rat­haus­platz und ein Por­trät des SPD-Poli­ti­kers Albert Bau­er (1883 bis 1959), der drei Tage nach dem SPD-Poli­ti­ker Phil­ipp Schei­de­mann (1865 bis 1939) in Ber­lin die Repu­blik in Schram­berg aus­rief. Zum 100. Jah­res­tag wird das Motiv in der Post­kar­ten­se­rie des Stadt­ar­chivs und Stadt­mu­se­ums ver­öf­fent­licht.

Im vier­ten Jahr des Ers­ten Welt­krie­ges ende­te in der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on das jahr­hun­der­te­al­te Zeit­al­ter der Mon­ar­chi­en in Deutsch­land. „Die Welt­ge­schich­te rast im Auto­mo­bil­tem­po dahin. Der 9. Novem­ber 1918 wird ein ewig denk­wür­di­ger Tag blei­ben“, konn­te man in Schram­berg von dem „Ber­li­ner Mit­ar­bei­ter“ des „Schwarz­wäl­der Tag­blat­tes“ lesen. Am 9. Novem­ber 1918 ver­sam­mel­ten sich in vie­len Städ­ten des Deut­schen Rei­ches Aber­tau­sen­de von Men­schen zu revo­lu­tio­nä­ren Kund­ge­bun­gen.

Das Zen­trum der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on war die Reichs­haupt­stadt Ber­lin, in der die Repu­blik an die­sem Tag gleich zwei Mal aus­ge­ru­fen wur­de, das eine Mal gegen 14 Uhr als „deut­sche Repu­blik“ durch den SPD-Poli­ti­ker Phil­ipp Schei­de­mann vor dem Reichs­tag und das ande­re Mal gegen 16 Uhr als „freie sozia­lis­ti­sche Repu­blik“ durch Karl Lieb­knecht (1871 bis 1918) von der „Grup­pe Inter­na­tio­na­le” vor dem Stadt­schloss.

Parlamentarische Demokratie oder Räterepublik?

Dadurch kon­kur­rier­ten von Anfang an zwei gegen­sätz­li­che Rich­tun­gen bei der Fra­ge des neu­en poli­ti­schen Sys­tems mit­ein­an­der, zum einen die Anhän­ger einer par­la­men­ta­ri­schen Repu­blik nach west­li­chem Mus­ter und zum ande­ren die Anhän­ger einer kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats nach dem Mus­ter der rus­si­schen Okto­ber­re­vo­lu­ti­on.

Der Kon­flikt führ­te mit dem „Spar­ta­kus­auf­stand“ an der Jah­res­wen­de 1918/19 schon wenig spä­ter zu einem blu­ti­gen Bür­ger­krieg zwi­schen der pro­vi­so­ri­schen Reichs­re­gie­rung unter dem SPD-Poli­ti­ker Fried­rich Ebert (1871 bis 1925) und den radi­ka­len Lin­ken unter den KPD-Poli­ti­kern Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg (1871 bis 1919), die durch rechts­ge­rich­te­te Frei­korps­sol­da­ten ermor­det wur­den.

Auch in der würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­haupt­stadt Stutt­gart kam es am 9. Novem­ber 1918 zu meh­re­ren gro­ßen Demons­tra­tio­nen der Arbei­ter­schaft. Auf den Kaser­nen und auf dem Wil­helms­pa­lais der Königs­fa­mi­lie wur­den rote Fah­nen als Zei­chen der Revo­lu­ti­on gehisst. Eine pro­vi­so­ri­sche Lan­des­re­gie­rung, die aus SPD- und USPD-Mit­glie­dern bestand, gab bekannt: „Eine neue Epo­che der Demo­kra­tie und der Frei­heit bricht an, die alten Gewal­ten tre­ten ab und das Volk, das die Revo­lu­ti­on bewirkt hat, über­nimmt die poli­ti­sche Macht.“

Republikausrufung in Schramberg

Die pro­vi­so­ri­sche Lan­des­re­gie­rung in Stutt­gart beauf­trag­te die SPD-Orts­ver­ei­ne, die Repu­blik auch in allen ande­ren Städ­ten des König­rei­ches Würt­tem­berg aus­zu­ru­fen. In Schram­berg berief der SPD-Orts­ver­ein dazu am Abend des 11. Novem­ber 1918 eine Kund­ge­bung in den Saal des Gast­hau­ses „Lamm“ ein, die wegen des gro­ßen Andrangs aber auf den Rat­haus­platz ver­legt wer­den muss­te, wo sich etwa 3000 Men­schen ver­sam­mel­ten.

Nach der Eröff­nung durch das SPD-Mit­glied Karl Knup­fer (1866 bis 1937) sprach Albert Bau­er von einem Fens­ter des Rat­hau­ses etwa eine Stun­de „in sach­li­cher, ruhi­ger Wei­se“ über die Ursa­chen, den Ver­lauf und das Grau­en des Krie­ges. Für die­se Kata­stro­phe sei „das star­re, recht­ha­be­ri­sche Sys­tem der Mon­ar­chie“ ver­ant­wort­lich gewe­sen, wes­halb die „Herr­scher, die das deut­sche Volk ins Elend stürz­ten, hin­weg­ge­fegt“ hät­ten wer­den müs­sen. Sei­ne Rede been­de­te er mit dem Aus­ruf: „Hoch auf die Repu­blik Deutsch­land und Würt­tem­berg.“

Als wei­te­rer Red­ner kün­dig­te das SPD-Mit­glied Otto Schlach­ter (1880 bis 1950) auch für Schram­berg die Wahl eines Arbei­ter- und Sol­da­ten­ra­tes an, die dann am 16. Novem­ber 1918 auch erfolg­te, sich aber auf einen Arbei­ter­rat beschränk­te, der bis zum 25. Janu­ar 1919 neben dem Gemein­de­rat und Bür­ger­aus­schuss bestand.

Hoffnung auf gerechten Frieden

Der Schwer­punkt sei­ner Rede war die Hoff­nung auf einen gerech­ten Frie­den, „da die Genos­sen der Enten­telän­der einig sind mit ihren Brü­dern in Deutsch­land und dafür sor­gen wer­den, daß [sich] auch der Frie­dens­schluß im Sin­ne eines gro­ßen Völ­ker­bun­des aus­wir­ke.“ Die (teil­wei­se) Ver­brü­de­rung deut­scher und fran­zö­si­scher Sol­da­ten ließ ihn auf bes­se­re Waf­fen­still­stands­be­din­gun­gen hof­fen, indes ver­geb­lich, da der den Ers­ten Welt­krieg been­den­de „Ver­sail­ler Ver­trag“ bereits den Zünd­stoff beinhal­te­te, der letzt­lich zum Zwei­ten Welt­krieg führ­te.

Der SPD-Poli­ti­ker Albert Bau­er, der vor 100 Jah­ren auf dem Rat­haus­platz die Repu­blik aus­rief, ist in Schram­berg bis heu­te in Erin­ne­rung geblie­ben. Er war eine der gro­ßen poli­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten sei­ner Hei­mat­stadt vom Kai­ser­reich bis zur Bun­des­re­pu­blik und gehör­te von 1926/28 bis 1933 und von 1946 bis 1959 auch dem Gemein­de­rat sei­ner Hei­mat­stadt an. Im Jahr 2005 hat der SPD-Orts­ver­ein sein Archiv nach ihm benannt, des­sen Bestän­de mitt­ler­wei­le im Stadt­ar­chiv ver­wahrt wer­den und dort für Benut­zer zugäng­lich sind.

Info:

Die Post­kar­te zur Erin­ne­rung an den 100. Jah­res­tag der Pro­kla­ma­ti­on der Repu­blik in Schram­berg ist ab heu­te zum Preis von einem Euro im Stadt­ar­chiv und Stadt­mu­se­um erhält­lich. Im Rah­men der Aus­stel­lungs- und Vor­trags­rei­he „100 Jah­re Demo­kra­tie“ im Land­kreis Rott­weil wird am 23. Novem­ber im Stadt­mu­se­um Schram­berg eine Son­der­aus­stel­lung zum The­ma „Die Revo­lu­ti­on von 1918/19 im Spie­gel zeit­ge­nös­si­scher Post­kar­ten“ eröff­net.