Im Anschluss an die Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus erinnerten Stadtarchivar Carsten Kohlmann und  Schrambergs ehemaliger Oberbürgermeister Herbert O. Zinell an Eugen Ritter. Ritter war von 1919 bis 1933 zunächst Stadtschultheiß und ab 1927 Oberbürgermeister der Stadt.

Herbert O. Zinell

Zinell schilderte die kommunalpolitische Arbeit des aus Rottweil stammenden Rechtsanwalts, den die „Weimarer Parteien“ als das katholische Zentrum, die Sozialdemokraten und die Liberalen 1919 mit großer Mehrheit zum Stadtoberhaupt gewählt hatten. Zehn Jahre später wurde Ritter mit großer Mehrheit wiedergewählt. Nach seiner Wahl hatte Ritter seine Zentrums-Mitgliedschaft aufgegeben und war fortan parteilos.

In seiner Amtszeit musste er die schlimmsten Auswirkungen der Inflation meistern und am Ende „die Folgen der Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und  dem erschreckenden Anwachsen der extremen Parteien links und rechts“.

Die extreme Rechte war seit 1931 mit zwei Stadträten vertreten: Karl Flaig und Ernst Rümelin von der NSDAP. Die KPD hatte einen Sitz: Andreas Wössner, den  die Nazis 1942 im KZ ermordeten.

“Kommunalwahlkampf nach ‚deutscher Art‘“

Von den Nazis wurde die Stadtverwaltung und insbesondere Ritter immer wieder übelst beschimpft und verleumdet.“Kommunalwahlkampf nach ‚deutscher Art‘“ nannten sie das. Zinell erwähnte eine Reihe von Attacken, etwa von Siegfried Kummer, der nach 1933 als Sonderkommissar für polizeiliche Angelegenheiten dafür sorgte, dass Kommunisten und Sozialdemokraten verhaftet wurden. Zinell berichtete auch, dass die KPD ebenfalls mit politischen und persönlichen Angriffen dazu beigetragen habe „die Arbeits- und Nervenkraft der Rathausbelegschaft in Mitleidenschaft“ zu ziehen.

Siegfried Kummer in NS- Uniform

Weil die Wahlen im März 1933 nicht nach Wunsch ausgingen – das Zentrum, blieb in Schramberg mit 33 Prozent stärkste Kraft, die NSDAP erhielt  knapp 26 Prozent – behauptete die NSDAP, das entspreche nicht „der Stimmung des Volkes“. Im Januar 1934 wurden die zehn noch verbliebenen Zentrumsmitglieder durch NSDAP-Parteigenossen ersetzt.

Politik für das Volk?

Zinell wies darauf hin, dass es Parallelen zu heutigen Rechtspopulisten gebe. Auch diese behaupteten, „zu wissen, was das Volk will.“ Die, die sich ihnen entgegenstellten, würden als „Volksverräter“ bezeichnet. Zinell zitierte Markus Frohnmaier, den Vorsitzenden der Jungen Alternative: „Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt! Dann wird ausgemistet. Dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht.“ Frohnmaier ist inzwischen AfD-Bundestagsabgeordneter.

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Zinell mahnt mit den Worten des österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen, es sei „nicht gleichgültig wie wir mit Worten umgehen. Sie formen unser Bewusstsein und später unsere Realität.“

Neue Geschichts-Quelle entdeckt

Carsten Kohlmann

Carsten Kohlmann schilderte in seinem Ko-Referat die Amtsenthebung Ritters nach der Machtübernahme der Nazis am 31. Januar 1933. Dazu verwendete er die persönlichen Aufzeichnungen Ritters, die dessen Tochter Gertrud Ritter 1990 dem Stadtarchiv übergeben hatte – und die dort seither ruhten. Nach Kohlmanns Ansicht eine „hochrangige Quelle von landesgeschichtlicher Bedeutung“.

Ritter schildert darin, wie die Nazis ihn aus dem Amt entfernten. Immer wieder hat er versucht, den Rauswurf zu verhindern, hat in Ministerien vorgesprochen, mit seiner Loyalität zum „neuen Staat“ argumentiert. Es half ihm nichts. Zunächst musste er im Juni 1933 „freiwillig“ und aus „gesundheitlichen Gründen“ sein Amt aufgeben. Später entließen ihn die neuen Herren aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Dadurch erhielt er lediglich drei Viertel seiner Pension.

Amtsenthebung als Ausnahme

Die Amtsenthebung Ritters war in Württemberg eher die Ausnahme: Die allermeisten Bürgermeister seien in ihren Ämtern verblieben nur etwa 150 oder zehn Prozent wurden wie Ritter von den Nazis abgesetzt.

Mit großem Pomp setzten die Nazis Ritters Nachfolger, den Juristen und NSDAP-Mann Dr. Klingler, in sein Amt ein.

Nach seiner Amtsenthebung habe sich die Stimmung ihm gegenüber rasch gedreht. Viele Leute grüßten ihn nicht mehr, die Zahl der Besucher sank rapide. Im Herbst zog Ritter mit seiner Frau in seine Heimatstadt Rottweil zurück, er schrieb dort drei Bücher zur Stadtgeschichte. 1940 starb er im Alter von 60 Jahren.

1963 ehrte die Stadt Schramberg  Ritter, indem sie im Bühle eine Straße nach ihm benannte. Dieses Gebiet hatte die Stadt in Ritters Amtszeit für die Wohnbebauung erworben.

Wehrhafte Demokratie – diesmal gegen rechts

In der Diskussion wurde klar, dass Ritter keinen „aktiven Widerstand“ geleistet habe. Er sei vielmehr „ein idealer Repräsentant der Weimarer Republik“ gewesen, der loyal zum  Staat war, so Kohlmann. Für Zinell war erschreckend „wie schnell sich die Stimmung in Schramberg gedreht hat“, obwohl die Schramberger doch eher links gewählt hätten.

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Der Schiltacher Historiker Dr. Hans Harter analysierte Ritter sei ein Angehöriger der damaligen Elite gewesen, die „der Niederträchtigkeit und Fiesheit der Nazis nicht gewachsen“ war. Ritter habe immer gedacht, man könne mit denen reden. Kohlmann sah Parallelen zu heute, sprach von einem rechtsradikalen Blog aus Rottweil und anderen rechter Agitatoren, deren „brutale Art der politischen Kriegsführung an das Ende der Weimarer Republik“ erinnerten.  Symptomatisch für die Tabubrüche sei ein Leserbrief in der NRWZ, ergänzte Zinell, der mit  der Formel „ mit nationalem deutschem Gruß“ ende.

Zahlreiche Zuhörer im Lesecafé der Mediathek. Fotos: him

Einig waren sich die zahlreichen Teilnehmer darin, dass es gelte, „wehrhaft  zu sein und die Demokratie zu stärken und zu stützen“, wie Kohlmann es formulierte.

 

 

 

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