NRWZ.de, 8. Juli 2022, Autor/Quelle: Pressemitteilung (pm)

„Der giftgrüne Rasen muss wieder ein Sehnsuchtsort werden“

Zukunft des Fußballs in Rottweil

Vertreter der Rottweiler Fußballvereine FV 08 und FC Suebia Charlottenhöhe haben sich in einer Plenumsdiskussion über den aktuellen Stand und die Chancen des Fußballs in Rottweil nach Corona ausgetauscht. Welche Maßnahmen geeignet sind, dass der Fußball auch nach Corona weiterhin seine Heimat in Rottweil hat, soll auf einer weiteren Tagung eruiert werden.

In den meisten Bundesländern, dies geht aus dem Bericht des FV 08 Rottweil hervor, sind in den letzten Jahren die Mitgliederzahlen von Vereinen um drei bis fünf Prozent gesunken. Dramatisch ist die Situation beim Fußball. Der Deutsche Fußballbund hat ermittelt, dass die Pandemie 180 Fußballvereine und 3230 Mannschaften ausradierte. Konkret bedeutet dies, dass 200.000 aktive Spieler, etwa zehn Prozent all derjenigen, die in einem Verein dem Ball hinterherjagen, mit dem Fußballspielen aufgehört haben. 100.000 der über 18-Jährigen und 90.000 der unter 18-Jährigen haben sich vom Fußball abgewandt. „Das ist alarmierend, weil Bewegung unter anderem ein wichtiges Element der Prävention von Krankheiten und Depressionen ist“, heißt es in dem Bericht.

Angebote schaffen

Um die Teilnehmer für die Herausforderungen zu sensibilisieren, berichtete Dr. Fabio Wagner, der Vorsitzende des FC Suebia, von bundesweiten Trends im Fußball, und welche Konsequenzen sich daraus möglicherweise für die Fußballvereine in Rottweil ergeben. Auch einige von ihm gezeigte Statistiken des Württembergischen Fußballverbands überraschten das Auditorium. Er beendete seinen Vortrag mit Ergebnissen von Studien der Uniklinik Hamburg und des Karlsruher Insituts für Technologie: „Kinder und Erwachsene, die regelmäßig Sport treiben sind, wie die Studien zeigen, zufriedener mit ihren Lebensumständen. Wenn wir also in Rottweil auch in Zukunft ein intaktes Gemeinwohl genießen wollen, müssen wir mit unseren Vereinen Angebote schaffen. Wir sind alle gefordert und müssen lernen weit über den Tellerrand hinauszudenken“, appellierte Wagner.

Relevant fürs soziale Gefüge

Auch Anja Faras, eine der beiden Vorsitzenden des FV 08, betonte die Relevanz des Sports nicht nur für den Einzelnen, sondern auch das für das soziale Gefüge. Wer Sport treibt, hat eine bessere Selbstwahrnehmung, was für den Aufbau von zwischenmenschlichen Beziehungen bedeutend ist. Der Vereinsfußball sorge zudem dafür, dass Menschen soziale Unterstützung erfahren. „Gerade in der Phase, wo Jugendliche sich von den Eltern lösen, spielt die Vereinssportkultur eine wichtige Rolle. Fußballvereine haben in Rottweil eine große soziale Kraft, geben Kindern und jungen Erwachsenen Struktur, Werte und Halt.“, betont sie mit Vehemenz.

Diskussion im Kraftwerk.

Aber die Trainer im Verein teilten ihr in Gesprächen mit, dass das Soziale in der Pandemie schwer beschädigt worden sei. Es gelte daher, wieder Kontakt mit den durch die Pandemie besonders betroffenen Altersklassen aufzunehmen und sie wieder zum Fußballsport und zum Miteinander zu führen. „Der giftgrüne glänzende Rasen muss wieder ein Sehnsuchtsort werden, wo die sozialen Verwerfungen der Pandemie kompensiert werden“, sagte Faras.

Soziale Arbeit wird unterschätzt

In der sich anschließenden Plenumsdiskussion, in der es um eine Bestandsaufnahme zum Fußball in Rottweil und mögliche Ansätze zur Gewinnung fußballbegeisterter Personen ging, kam abermals die bedeutsame soziale Dimension des Fußballs zur Sprache. Felix Weber betonte seine „große Sorge“, dass die „soziale Arbeit, die in den Rottweiler Fußballvereinen oder anderen Sportklubs geleistet wird, total unterschätzt und gar nicht gesehen wird“. Es gehe also auch um bessere Sichtbarkeit und umfassendere Informationspolitik des Fußballs in Rottweil. Was verloren geht, sei das gesellschaftliche Bewusstsein für die immense soziale Leistung des Breitensports und das ihn tragende Ehrenamt.

Ernst-Thomas Müller ergänzte: „Wir sind mit unserer sozialen Arbeit absolut systemrelevant, weil wir uns um Beziehungen kümmern und Begegnungen schaffen.“ Und es gehe darum, wieder Werte wie Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Fleiß zu vermitteln. Doch sind sie kein Selbstzweck für ihn – sondern sie seien, paart man sie mit Zuneigung, Empathie und Freundschaft, „der Kitt, um einfach miteinander klarzukommen“. Letztlich sollen also im Fußballverein die Menschen doch auch „nur lernen, wie das Leben läuft“.

Aufholen nach Corona

Welche Maßnahmen nun geeignet sind, dass der Fußball auch nach Corona weiterhin seine Heimat in Rottweil hat, soll auf einer weiteren Tagung eruiert werden. Man bleibt also nicht nur im Gespräch, sondern versucht zu handeln. Aufholen nach Corona ist dabei das Motto.

„Der giftgrüne Rasen muss wieder ein Sehnsuchtsort werden“