SCHRAMBERG – LAUTERBACH (leg) – „Will­kom­men! Wel­co­me!“ Wir schüt­teln Hän­de, wer­den umarmt und mehr­mals auf ver­schie­de­nen Spra­chen will­kom­men gehei­ßen. Die Kin­der­schar rennt fröh­lich umher,  die Mut­ter ver­schwin­det wie­der in der Küche, um kurz dar­auf mit Tee und noch war­mem Kuchen auf­zu­tau­chen.

Ich bin zu einem Inter­view bei den Jaba­nous ver­ab­re­det. Die acht­köp­fi­ge Fami­lie aus Alep­po in Syri­en ist gemein­sam mit etwa 40 Flücht­lin­gen aus Syri­en, dem Koso­vo, Eri­trea, Soma­lia und Afgha­ni­stan im Gebäu­de des ehe­ma­li­gen Café Fener in Lau­ter­bach unter­ge­bracht. Sie tei­len sich ihre Vier-Zim­mer-Woh­nung mit einer wei­te­ren Fami­lie. Die sechs Kin­der im Alter von einem bis 16 Jah­ren und ihre jun­gen Eltern tei­len sich zwei Zim­mer mit je drei Metall­bet­ten. Ein Wohn­zim­mer gibt es nicht, für das Inter­view  hat die Fami­lie in einem der Schlaf­zim­mer einen Tisch her­ge­rich­tet, die Kin­der neh­men auf den Bet­ten und Schö­ßen Platz.

Das Gespräch füh­ren wir auf Deutsch und Eng­lisch, aber auch eini­ge ara­bi­sche Wör­ter ler­ne ich schon. Die Mut­ter Samar meint, wir soll­ten ab jetzt einen Aus­tausch­sprach­kurs machen, sie bräch­te mir Ara­bisch und ich ihr Deutsch bei.

Mit am Tisch bei den Jaba­nous sit­zen Son­ja Rajsp vom „Netz­werk Will­kom­men Schram­berg-Lau­ter­bach“, die Lei­te­rin des Kindergartens,Theresia Buch­holz, und  Hei­ke Schwen­de­mann, die Erzie­he­rin der jün­ge­ren Kin­der der Jaba­nous. Die bei­den Frau­en  schau­en gera­de bei der Fami­lie vor­bei. Jeder bekommt zwei Stück­chen Kuchen, Tee und spä­ter star­ken Kaf­fee. Samar Jaba­nou will stän­dig Nach­schub brin­gen, der Vater holt stolz die acht Päs­se und Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gun­gen der gan­zen Fami­lie. Jeder schaut sich die Fotos auf den Päs­sen an, die Geburts­da­ten. Dann wird alles wie­der sorg­fäl­tig zusam­men­ge­bun­den und ver­staut. „Auf kei­nen Fall  dür­fen wir die Päs­se ver­lie­ren“, meint Fami­li­en­va­ter Moha­med Jaba­nou.

Denn sie sind das Ergeb­nis einer lan­gen Flucht. Mit sechs Kin­dern ist das Ehe­paar etwa vier Mona­te lang auf der Flucht aus sei­ner zer­bomb­ten Hei­mat. Mit Hil­fe von Schlep­pern geht es mit dem Auto durch Syri­en, Bul­ga­ri­en, die Tür­kei, Rumä­ni­en, Ungarn und Öster­reich. Dafür müs­sen sie mehr als 20.000 Euro an die Schlep­per zah­len.  Im Herbst 2014 nimmt die Fami­lie dann den Zug Rich­tung Deutsch­land, direkt bis nach Karls­ru­he. „Beim Umstei­gen an den ver­schie­de­nen Bahn­hö­fen waren Poli­zis­ten, aber wir fie­len nie­man­dem auf“, erzählt Moha­med Jaba­nou ver­wun­dert. Die Fami­lie kommt von Karls­ru­he aus für einen Monat nach Meß­stet­ten, schließ­lich lan­den sie in Lau­ter­bach. Ob es ihnen hier nun gefal­le, fra­ge ich. „Ja! Sehr schön. In Lau­ter­bach sind alle Men­schen gut“, sagt Ahmad, der ältes­te Sohn. „Ich lie­be Lau­ter­bach!“

Trotz­dem ver­mis­sen sie ihre Hei­mat, klar. Er hat­te dort eine Fabrik, erzählt der Vater. Ob die noch ste­he, wis­se er nicht. Über den Rest weiß er jedoch Bescheid: „Unser Haus wur­de einen Monat nach unse­rer Flucht zer­bombt.“ Flie­ßend Was­ser und Strom gebe es in Alep­po, nein, ganz Syri­en seit Jah­ren nicht mehr. Der Sohn Ahmad erklärt die täg­li­chen Bom­ben­an­grif­fe so: „Es kommt ein Flug­zeug. Und dann ist nichts mehr gut.“

Hier in Deutsch­land wür­de sein Vater ger­ne wie­der arbei­ten. Er möge es nicht, untä­tig zu Hau­se zu sit­zen. Aber das Job­cen­ter mel­de sich ein­fach nicht, und wenn er erneut hin­ge­he, hie­ße es, sie wür­den sich wie­der mel­den. Trotz­dem lächeln alle, freu­en sich auf die Zukunft.

Die Kin­der gin­gen in Syri­en seit drei Jah­ren nicht mehr zur Schu­le. „In ganz Syri­en gibt es kei­nen Unter­richt mehr“, berich­tet der Vater. Die älte­ren Kin­der der Fami­lie Jaba­nou sind froh, jetzt wie­der ler­nen zu dür­fen. Aya ist 14 und geht in die sechs­te Klas­se der Erhard-Jung­hans-Schu­le. Ihr Wunsch für die Zukunft ist Deutsch zu ler­nen, daher besucht sie auch gemein­sam mit Kin­dern aus der Tür­kei, Alba­ni­en und Ita­li­en die extra Deutsch­klas­se in Schram­berg. „Und spä­ter will ich das machen, was du machst“, sagt sie, „Jour­na­lis­tin wer­den!“ Die zwölf­jäh­ri­ge Nour dage­gen möch­te Musik­leh­re­rin wer­den. Sie stört es nicht, wenn die Klei­nen der Fami­lie wäh­rend unse­res Gesprächs Musik auf dem Han­dy abspie­len oder sin­gen. Ihr älte­rer Bru­der Ahmad hat mit Musik dage­gen eher wenig am Hut. Sport sei für ihn viel wich­ti­ger, sagt er. Er möch­te Fuß­ball­spie­len zu sei­nem Beruf machen, wir brin­gen ihm das Wort „Pro­fi­fuß­bal­ler“ bei, er strahlt. Zur­zeit spie­le er bei der Spiel­ver­ei­ni­gung Hardt-Lau­ter­bach und habe so schnell vie­le Freun­de gefun­den. Beim The­ma Fuß­ball sind eh wie­der alle der Fami­lie dabei. Die Namen Klo­se, Mül­ler, Schwein­s­tei­ger und Co wer­den durch den klei­nen Raum gewor­fen. Nach den trau­ri­gen Erzäh­lun­gen von der Flucht und der ver­lo­re­nen Hei­mat lächeln sie wie­der.

Son­ja Rajsp vom Netz­werk Will­kom­men erzählt, dass fast alle Geflüch­te­ten, die in Lau­ter­bach unter­ge­bracht sind, Sport machen. Män­ner­sport, Kin­der­tur­nen, alles, was eben in Lau­ter­bach so ange­bo­ten wer­de. Vor allem die Frau­en hät­ten Spaß dar­an, mitt­woch­abends in Jog­ging­an­zug und Kopf­tuch neue Schritt­kom­bi­na­tio­nen wie den „But­ter­fly“ zu ler­nen, trai­niert wür­de manch­mal sogar wäh­rend des Sprach­kur­ses.

Bei Sport­ver­an­stal­tun­gen wie zum Bei­spiel der Sport-Weih­nachts­fei­er in Lau­ter­bach saßen die Flücht­lin­ge auch schon den gan­zen Nach­mit­tag in der Hal­le. Ihre Kin­der haben, wenn über­haupt, bei der ers­ten Dar­bie­tung mit­ge­turnt, den rest­li­chen gefühl­ten 17 Dar­bie­tun­gen haben sie dann trotz­dem mit Esels­ge­duld zuge­schaut“, berich­tet Rajsp begeis­tert. Dies zei­ge doch, wie offen, unkom­pli­ziert, inter­es­siert und vor allem wil­lig, sich zu inte­grie­ren, die Flücht­lin­ge in und um Schram­berg sei­en.

Sonja Rajsp leg 060315Rajsp ist eine der Grün­de­rin­nen des Netz­wer­kes Will­kom­men. Als Mut­ter von drei Kin­dern, Kreis­ge­schäfts­füh­re­rin der Grü­nen, Inha­be­rin der Pen­si­on Schwarz­wald­blick und neben ihrer Selbst­stän­dig­keit mit Pres­se- und Mes­se­dienst­leis­tun­gen könn­te man mei­nen, sie habe schon genug zu tun. Doch gera­de ihr Ehren­amt im Netz­werk Will­kom­men, das im Herbst 2014 aus dem frü­he­ren Arbeits­kreis Asyl in Schram­berg ent­stand, lie­ge ihr beson­ders am Her­zen. „Als die ers­ten Flücht­lin­ge aus Afri­ka kamen, habe ich bemerkt, dass die Dun­kel­häu­ti­gen schräg ange­schaut wur­den, auch ich habe mich umge­dreht“, berich­tet sie. Sie woll­te dar­auf­hin ein Will­kom­mens­fest machen, das es dann auch gab. „Die Par­ty war echt cool und die Son­ne, das katho­li­sche Gemein­de­haus von Lau­ter­bach, war bre­chend voll“, erzählt sie stolz.

Und: „Wer sich kennt, hat kei­ne Angst mehr vor­ein­an­der.“ Seit dem Fest sei der Umgang mit Flücht­lin­gen in Lau­ter­bach viel offe­ner gewor­den, eigent­lich schon Nor­ma­li­tät. Auch die Flücht­lin­ge haben kei­ne Angst vor Ras­sis­mus, „die leben hier ganz nor­mal“, sagt Rajsp. Die 15 akti­ven Mit­glie­der des Netz­werks Will­kom­men haben sich unter der Lei­tung von Doro­thee Golm und Armin Kaupp in ver­schie­de­ne Arbeits­krei­se auf­ge­teilt:  den Arbeits­kreis der Paten, des Sprach­er­werbs, des Recht­li­chen, der Pres­se und der Koor­di­na­ti­on. Dazu gehö­re auch, die vie­len Spen­den und die gro­ße Hilfs­be­reit­schaft aus der Bevöl­ke­rung zu koor­di­nie­ren. Auf die Unter­brin­gung der Flücht­lin­ge habe das Netz­werk kei­nen Ein­fluss, das sei Kreis­sa­che. Umso tol­ler sei es, dass es in der doch sehr beeng­ten Unter­kunft in Lau­ter­bach bis­her kei­ne Zwi­schen­fäl­le oder sons­ti­ge nega­ti­ve Gescheh­nis­se im Heim und in der Bevöl­ke­rung mit den Flücht­lin­gen gege­ben hat.

Auch das durch die Medi­en hoch­ge­push­te The­ma der mus­li­mi­schen Reli­gi­on mache kei­ner­lei Pro­ble­me. In Schram­berg gibt es eine Moschee, in der eini­ge der geflüch­te­ten Män­ner jeden Frei­tag beten gehen. Moha­med Jaba­nou macht dies aber nicht. „Ich trin­ke manch­mal Alko­hol und sehe das alles nicht so streng, also gehe ich auch nicht beten“, erklärt der Vater. Sei­ner Frau und sei­nen Töch­tern sei frei­ge­stellt, ob sie ein Kopf­tuch tra­gen wol­len. Nour hat sich dage­gen ent­schie­den. „Kein Pro­blem“, sagt auch die ver­schlei­er­te Mut­ter.

Als ich mich von der Strah­le­mann-Fami­lie wie­der ver­ab­schie­de, streckt die jüngs­te Toch­ter Sal­ma ihre Arme in die Luft. „I love you“, sagt sie, will auf den Arm genom­men wer­den und gibt mir einen Kuss auf die Wan­ge.