Spielen gepflegten Fußball gemeinsam: der FC Suebia Charlottenhöhe und die Afrostars mit Spielern aus den Reihen der Asylbewerber. Für das Engagement hat der FC übrigens von der DFB-Stiftung Egidius Braun "1:0 für ein Willkommen" 500 Euro für weitere Aktionen zur Verfügung gestellt bekommen . Foto: Max Wohlleber

Rott­weil. Es ist Samstag­nachmittag und Max Bur­ger ist dort­hin gegan­gen, wo’s weh tut, ein­sam ist und allen­falls Got­tes­lohn zu ver­die­nen gibt. Es ist jener Max Bur­ger, der als Gemein­de­rat und Ober­bür­ger­meis­ter-Kan­di­dat zuwei­len mit streit­ba­ren Auf­trit­ten in die Öffent­lich­keit dräng­te. Jetzt steht er ziem­lich allein vor dem Asyl­be­wer­ber­heim in der Alt­stadt, und müht sich schwit­zend ab mit dem Bau eines Fahr­rad­stän­ders für die Bewoh­ner.

Mannschaftsbild mit dem FC Suebia Charlottenhöhe: die Afrostars. Foto: Max Wohlleber
Mann­schafts­bild mit dem FC Sue­bia Char­lot­ten­hö­he: die Afrostars. Rechts im Bild: Chris­toph Frank. Foto: Max Wohl­le­ber

Nur das Häm­mern und das Klap­pern von Kick­schu­hen durch­drin­gen die son­der­ba­re Stil­le. Die „Afro-Stars“, die in einem Freund­schafts­spiel bereits Sue­bia Rott­weil besiegt haben, machen sich auf den Weg zum Trai­ning auf dem ESV-Sport­platz direkt neben­an.

burgerBur­ger (Bild) ist nicht lang allein: Zwei Asyl­be­wer­ber gehen ihm zur Hand. Vor allem aber: „Die Hilfs­be­reit­schaft und Spen­den­be­reit­schaft aus der Bevöl­ke­rung ist unvor­stell­bar“, sagt er stau­nend. Im Freun­des­kreis Asyl hat sich die Zahl der Mit­glie­der in den ver­gan­ge­nen vier Wochen auf 110 ver­dop­pelt. Das will orga­ni­siert sein, das Team um Chris­toph Frank, dem Vor­sit­zen­den, ist voll gefor­dert, zugleich aber auch ein Stück weit beru­higt und ermu­tigt. „Wir hier im Kreis Rott­weil haben die Pro­ble­ma­tik noch ganz gut im Griff“, sagt Bur­ger. „Wir brau­chen noch kei­ne Sport­hal­len oder Zel­te wie ande­re Land­krei­se.“ Die Beto­nung liegt auf noch.

Bernd Hamann, der Sozi­al­de­zer­nent des Land­krei­ses Rott­weil, bestä­tigt das, warnt aber zugleich: „Es ist alles ganz eng, wir sind lau­fend auf der Suche nach neu­en Unter­künf­ten. Das ändert sich von Tag zu Tag. Ich bin nicht sicher, ob wir das hin­krie­gen.“

Hoff­nung macht ihm eine erstaun­li­che und fast ver­ges­se­ne Zahl vom Bal­kan­krieg im Jahr 1992: Damals nahm der Land­kreis Rott­weil bis zu 1300 Flücht­lin­ge auf, der­zeit sind es etwas mehr als 900. Aller­dings waren die Begleit­um­stän­de damals nicht so posi­tiv wie jetzt, wes­halb Hamann und Vol­ker Weber, bei dem als Sozi­al­amts­lei­ter die Haupt­ver­ant­wor­tung liegt, auf dezen­tra­le Unter­brin­gung set­zen. Die gut 900 Asyl­be­wer­ber sind auf etwa 15 Stand­or­te im gan­zen Land­kreis ver­teilt. Dar­un­ter ist etwa ein ehe­ma­li­ges Fabrik­ge­bäu­de in Hardt. Not­falls stün­den sogar noch ein paar freie Plät­ze zur Ver­fü­gung“, bereich­tet Weber. „Den Sep­tem­ber krie­gen wir noch hin, aber über alles, was dar­über hin­aus geht, kön­nen wir über­haupt kei­ne Vor­aus­sa­gen machen.“

Faltblatt für Asylbewerber vom Freundeskreis Asyl, Rottweil.
Falt­blatt für Asyl­be­wer­ber vom Freun­des­kreis Asyl, Rott­weil.

Im Moment herrscht Ruhe an der Front. Das liegt auch dar­an, dass sich das Kon­zept der dezen­tra­len Unter­brin­gung bewährt hat. Und da ist jeder neue Miet­ver­trag eine Erfolgs­mel­dung für die Ver­ant­wort­li­chen. Zum Bei­spiel jüngst für zwei Feri­en­woh­nun­gen in Lau­ter­bach, auch wenn es befris­tet ist.

Das Heim in der Alt­städ­ter Unte­ren Lehr­stra­ße ist zwar mit gut 200 Flücht­lin­gen voll belegt, „und wir haben da auch die gan­ze Band­brei­te der betrof­fe­nen Natio­nen“, berich­tet Vol­ker Weber, doch grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten oder gar Aus­wüch­se sind bis­her aus­ge­blie­ben. „Es gibt halt hin und wie­der den nor­ma­len Ärger, wenn so vie­le Men­schen aus unter­schied­li­chen Kul­tur­krei­sen so eng zusam­men sind“, weiß Max Bur­ger.

Wie er schwär­men auch Hamann und Weber vom Enga­ge­ment der Bür­ger im gesam­ten Kreis Rott­weil. „Ganz vie­le Leu­te arbei­ten ganz viel mit, und alle geben noch immer mehr Gas“, lobt Hamann. „Es herrscht eine ganz ande­re Stim­mung als in den 90er-Jah­ren.“ Damals gab es viel Ableh­nung. Aus die­ser Erfah­rung traut Hamann dem Frie­den noch nicht so rich­tig und warnt: „Das ist ein zar­tes Pflänz­chen.“

Zum Vergleich: Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt’s noch freie Betten, Tuttlingen braucht eine Sporthalle

Orts­wech­sel. Karl Heinz Rolt­gen hat­te sich seit zwei Jah­ren im Ruhe­stand ein­ge­rich­tet. Dann kam ein Brief sei­nes ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­bers, des Regie­rungs­prä­si­di­ums Frei­burg, ob er nicht vor­über­ge­hend zurück­keh­ren kön­ne in den Dienst, um Flücht­lin­ge zu betreu­en. Bevor sich der bald 67-Jäh­ri­ge ent­schied, kam ein Anruf in glei­cher Sache, und Rolt­gen sag­te spon­tan zu.

Jetzt steht er stau­nend inmit­ten vie­ler frem­der Men­schen in den frü­he­ren fran­zö­si­schen Kaser­ne in Donau­eschin­gen, wo das Leben pul­siert. Bis Anfang August gli­chen sie einer ver­las­se­nen Geis­ter­stadt. Nur vier Wochen spä­ter ist – ohne jeg­li­che Vor­pla­nung – ein Dorf ent­stan­den mit mehr als 920 Bewoh­nern und einer intak­ten Infra­struk­tur. Das Regie­rungs­prä­si­di­um mit Niklas Tre­scher und Rolt­gen haben die Ober­auf­sicht. Die Fir­ma Caring Hand sorgt für den rei­bungs­lo­sen Ablauf, ein Secu­ri­ty-Unter­neh­men für die Sicher­heit und ein Cate­rer für die Ver­pfle­gung. „Es läuft rund“, sagt Tan­ja Beh­rends von Caring Hand und eilt zum nächs­ten Ein­satz­ort: ein Was­ser­rohr­bruch.

Noch sind die Mög­lich­kei­ten in die­ser „Bedarfs­ori­en­tier­ten Erst­auf­nah­me­stel­le“ (BEA) nicht aus­ge­reizt, wie Tre­scher auf Nach­fra­ge ver­rät: „Die Kapa­zi­tät reicht hier für tau­send Men­schen.

Ähn­li­che Mel­dun­gen kom­men aus ande­ren Unter­künf­ten im Schwarz­wald-Baar-Kreis. Die­ser trägt zwar mit ins­ge­samt mehr als 2500 Flücht­lin­gen eine gro­ße Last – trotz­dem ist das Boot noch nicht voll, auch wenn es oft sehr beengt zugeht. Nach einer aktu­el­len Lis­te des Vil­lin­ger Land­rats­amts ste­hen der­zeit 350 freie Bet­ten an ver­schie­de­nen Stand­or­ten zur Ver­fü­gung.

Aller­dings wohl nicht mehr lan­ge, wie eine Spre­che­rin betont. „Unse­re Berech­nun­gen gehen davon aus, dass wir rund 1700 Plät­ze zusätz­lich benö­ti­gen.“ Im Auf­bau sind der­zeit 280 in Schwen­nin­gen, die bereits in den nächs­ten Wochen fer­tig sein sol­len. Neben Donau­eschin­gen ist auch in den frü­he­ren Kaser­nen von Vil­lin­gen eine „Bedarfs­ori­en­tier­te Erst­auf­nah­me­stel­le“ ein­ge­rich­tet wor­den. Hier fin­den der­zeit etwa 650 Men­schen Unter­schlupf.

Dar­über hin­aus hat der Schwarz­wald-Baar-Kreis zehn wei­te­re Stand­or­te ein­ge­rich­tet, wobei Vil­lin­gen (450) und Donau­eschin­gen (220) mit jeweils vier die Haupt­last tra­gen. Dazu kom­men Schwen­nin­gen (90) und St. Geor­gen (60) mit je einer Unter­kunft.

Beson­ders ange­spannt ist die Situa­ti­on im Land­kreis Tutt­lin­gen. Die­ser weist zwar in der Regi­on mit 600 (davon 200 im Heim auf dem Witt­hoh) am wenigs­ten Flücht­lin­ge auf, trotz­dem aber bereits die Kreis­sport­hal­le in Tutt­lin­gen als „Über­gangs­lö­sung“ in Beschlag neh­men muss­te. „Wir haben in unse­ren 17 Unter­künf­ten kei­nen ein­zi­gen Platz mehr“, berich­tet eine Spre­che­rin. Aller­dings könn­ten in der Hal­le, die bis­her von 70 jun­gen Män­nern belegt ist, not­falls noch 30 wei­te­re unter­kom­men.

Eines aber, da sind sich die Ver­ant­wort­li­chen einig, ist allen drei Land­krei­sen gemein­sam: Über­all sei die Hilfs­be­reit­schaft der Bevöl­ke­rung enorm, heißt es.

In der ehe­ma­li­gen Donau­eschin­ger Kaser­ne orga­ni­sie­ren 25 Hel­fer, dar­un­ter vie­le pen­sio­nier­te Leh­rer, ver­schie­de­ne Akti­vi­tä­ten – von Spen­den sor­tie­ren über Deutsch­kur­se, eine Repa­ra­tur-Werk­statt oder Kin­der­be­treu­ung bis hin zu Müt­ter­be­glei­tung. Aber auch die Flücht­lin­ge packen mit an, wo es nur geht. Ein Fri­seur schnei­det Haa­re, Frau­en sor­tie­ren Klei­der, ande­re rich­ten einen Kin­der­gar­ten ein und ein Leh­rer bie­tet Schul­un­ter­richt an. Die Kin­der sau­gen alles begie­rig auf und füh­ren stolz vor, dass sie schon nach weni­gen Tagen von eins auf zehn zäh­len kön­nen, natür­lich auf Deutsch.

Nicht nur Karl Heinz Rölt­gen steht stau­nend davor. „Das macht glück­lich“, sagt er und kün­digt: „Ich wer­de kom­men, solan­ge man mich braucht.“

Aktionen für Flüchtlinge

FV 08 sam­melt Spen­den
Der Rott­wei­ler FV 08 sam­melt Spen­den zu Guns­ten des Freun­des­kreis Asyl und will Stadt­fest-Ein­nah­men zum Teil zur Ver­fü­gung stel­len. Mann­schaf­ten und Spon­so­ren betei­li­gen sich nach Mit­tei­lung des Fuß­ball­ver­eins an der Akti­on. Der FV 08 Rott­weil lädt alle Flücht­lin­ge zudem zum Heim­spiel am 26. Sep­tem­ber gegen den VfL Mühl­heim ins Sta­di­on ein. Infos: www.freundeskreis-asyl-rottweil.de

Freun­des­kreis lädt ein
„Von der Hilfs- und Spen­den­be­reit­schaft wer­den wir schier über­rannt“, schreibt der Freun­des­kreis Asyl in einer Mit­tei­lung. Er lädt des­halb zum Info­abend ein: am Don­ners­tag, 17. Sep­tem­ber, ab 19.30 Uhr im Kapu­zi­ner-Kut­schen­haus.