Später zittert der Weg unter uns”

Wie das Ehepaar Löcher aus Rottweil, zu Fuß unterwegs in Mittelitalien, das schwere Erdbeben erlebt hat

Idylle vor der Erschütterung: Am Tag vor dem Erdbeben, auf dem Weg in das später betroffene Gebiet, ist dieses Bild entstanden. Foto: Pius Löcher
Idylle vor der Erschütterung: Am Tag vor dem Erdbeben, auf dem Weg in das später betroffene Gebiet, ist dieses Bild entstanden. Foto: Pius Löcher

Das Ehe­paar Pius und Bea­te Löcher aus Rott­weil, der­zeit auf dem Rück­weg zu Fuß von Rom nach Rott­weil, hat sich noch in der Nacht von Mitt­woch auf Don­ners­tag mit dem fol­gen­den Bericht wohl die Angst, Auf­re­gung und Ver­un­si­che­rung nach dem schwe­ren Erd­be­ben in Mit­tel­ita­li­en von der See­le geschrie­ben. Um 0.09 Uhr in der Nacht zu Don­ners­tag schick­ten sie in einer E-Mail die­se Zei­len. Erst nach und nach wird ihnen offen­bar bewusst, wel­ches Glück sie hat­ten. Die Zahl der Toten hat sich in der ers­ten Nacht nach dem Beben bereits auf 247 erhöht. NRWZ.de bringt den Bericht unver­än­dert.

Grüß Gott, so haben wir es erlebt:

Um halb vier in der Nacht am Mitt­woch wer­den wir in unse­rem Hotel­zim­mer in Nor­cia aus dem Schlaf geris­sen. Wir wer­den im Bett durch­ge­rüt­telt und hören ein lau­tes unheim­li­ches Rum­peln, dazu die Geräu­sche des wackeln­den Mobi­li­ars, und das Rüt­teln schau­kelt sich auf und wird noch stär­ker. Die Decken­lam­pe schwenkt wie ein Rauch­fass hin und her. Der ers­te Gedan­ke: Wie stark wird das noch? Wie lan­ge geht das noch? Eine unglaub­li­che Erleich­te­rung stellt sich nach der Beben­pha­se ein. Die ers­te Schock­star­re legt sich: Die Zim­mer­de­cke ist noch oben! Nur – wie lang wird die Ruhe wäh­ren – und was kommt dann? Schnell etwas anzie­hen und das Wich­tigs­te ein­ste­cken, und nichts wie raus aus dem Haus. Der Strom ist aus­ge­fal­len, hek­ti­sches Lau­fen und Rufe sind zu hören. Auch wir eilen aus dem obers­ten, dem drit­ten Stock, nach unten. Nen­nens­wer­te Schä­den im Haus sind nicht zu sehen. Für uns kaum begreif­lich ange­sichts der Hef­tig­keit, mit der das Gebäu­de erschüt­tert wor­den war.

Rom-Wanderung: Ehepaar Beate und Pius Löcher will in drei Monaten 2519 Kilometer zurücklegen. Archiv-Foto: hil
Rom-Wan­de­rung: Ehe­paar Bea­te und Pius Löcher will in drei Mona­ten 2519 Kilo­me­ter zurück­le­gen. Archiv-Foto: hil

Alle Gäs­te und das Hotel­per­so­nal ste­hen vor dem Hotel. Ein Fuß­ball­ver­ein stellt die Mehr­zahl der Gäs­te. Die Jüngs­ten, um die 10 Jah­re alt, wer­den in Klein­bus­sen unter­ge­bracht, die Jugend­li­chen blei­ben in Decken gehüllt auf der Stra­ße. Die Erwach­se­nen, auch die aus dem Nach­bar­haus, brin­gen sich eben­falls dort in Sicher­heit. Der Strom­aus­fall ist recht schnell beho­ben. Vie­le PKW fah­ren am Hotel vor­bei. Wir neh­men an, sie fah­ren zur Hil­fe­leis­tung aus. Wir kön­nen nur war­ten. Es ist kalt. Nach eini­ger Zeit zie­hen wir uns mit ande­ren in die Ein­gangs­hal­le zurück. Beim ers­ten kräf­ti­gen Nach­be­ben ren­nen alle wie­der ins Freie. Die Käl­te bewegt uns nach einer Wei­le wie­der zum Rück­zug hin­ter die Tür. Das wie­der­holt sich bei zahl­rei­chen wei­te­ren Erd­stö­ßen. Wäh­rend­des­sen klin­geln unab­läs­sig die Han­dys. Ins­ge­samt blei­ben die Leu­te gefasst, wenn auch deut­lich betrof­fen und auch ängst­lich.

Inzwi­schen ist das Fern­seh­ge­rät in der Hotel­hal­le ein­ge­schal­tet. Wir ver­ste­hen nicht viel. Vom Epi­zen­trum in der Nähe von Rie­ti ist die Rede. Man sieht ein ers­tes Bild einer ein­ge­stürz­ten Mau­er. Von min­des­tens sechs Toten wird berich­tet. Es wer­den die Namen der am schlimms­ten betrof­fe­nen Orte Amatri­ce und Accu­mo­li gemel­det.

Der Lie­fer­wa­gen der Bäcke­rei bringt recht­zei­tig vor der regu­lä­ren Zeit für das Hotel­früh­stück sei­ne Waren, als wäre nichts gewe­sen. Wenig nach sie­ben Uhr ist nach und nach ein impro­vi­sier­tes Früh­stück mög­lich. Seit einer hal­ben Stun­de hat es kei­ne Erschüt­te­run­gen mehr gege­ben. Danach zah­len wir unse­re Hotel­rech­nung. Die Che­fin meint, sie sei unglück­lich über die Unan­nehm­lich­kei­ten, die wir hat­ten. Wir erwi­dern ihr: „Aber nein, wir sind glück­lich!” Dar­auf sie: „Ja, wir leben!”

Wir machen uns wie­der auf den Weg, wie geplant mit dem Erd­be­ben­zen­trum im Rücken. Beim Gang durch die Stadt sehen wir auf der Stra­ße her­ab­ge­fal­le­ne Kami­ne, eine ver­zier­te gro­ße Fens­ter­bank aus Stuck und Mau­er­stei­ne. Auf den Wegen durchs Land lie­gen immer wie­der Stei­ne, auch gro­ße Fels­bro­cken. In den klei­nen Orten am Weg ste­hen Men­schen betre­ten bei­ein­an­der. Man warnt uns vor dem Pas­sie­ren einer in der Nacht wei­ter ein­ge­stürz­ten Haus­rui­ne. Wir hören auf einem Feld­weg von hin­ten ein kur­zes Grol­len, ein wei­te­rer Erd­stoß. Spä­ter zit­tert der Weg unter uns.

Erst im Lau­fe des Tages wird uns bei genau­er Betrach­tung der Land­kar­te so rich­tig bewusst, wie nahe wir in Nor­cia dem Erd­be­ben­zen­trum waren. Es liegt im Nach­bar­tal, nur ein Höhen­zug trenn­te uns davon – und wir sind wohl­be­hal­ten!

Um die Mit­tags­zeit errei­chen wir das ehe­ma­li­ge Klos­ter St. Euti­zio. Eine wun­der­vol­le alt­ehr­wür­di­ge Anla­ge. Vor der klei­nen Bar machen wir Rast. Kurz vor unse­rem Auf­bruch bebt die Erde wie­der kräf­tig. Die jun­ge Bar­wir­tin ruft erregt ihrem Mann zu, er sol­le schnell das Haus ver­las­sen. Sie ist mit den Ner­ven am Ende. Beim Rück­blick auf den Wei­ler, den wir vor der Rast pas­siert haben, sehen wir über dem Hang­wald unter dem Ört­chen eine Staub­wol­ke zie­hen. Ein Stück­chen Hang ist wohl unter den Bäu­men gerutscht. Ganz flüch­tig wer­fen wir noch ein paar Bli­cke auf die Klos­ter­kir­che. Aus der Gie­bel­wand ist ein Stück Mau­er unter dem Dach her­aus­ge­bro­chen. In der Kir­che lie­gen ein paar Stei­ne und Ver­putz­tei­le am Boden, auch eine Ker­ze vom Sei­ten­al­tar. Wie­der bewegt sich der Erd­bo­den.

Ein Paar aus Sim­bach am Inn, es macht eine Rad­tour wäh­rend sei­nes Cam­ping­ur­laubs, tauscht sich mit uns aus. Die Frau meint: Zuerst das ver­hee­ren­de Hoch­was­ser im Juni in Sim­bach und jetzt noch Erd­be­ben im Urlaub! Viel­leicht rei­sen sie ab. Wir erwäh­nen, dass wir nach den heu­ti­gen Ver­zö­ge­run­gen ein ande­res Tages­ziel als geplant ansteu­ern, näm­lich Pre­ci, wenn es auch frag­lich ist, ob wir dort Quar­tier fin­den. Die bei­den machen uns Mut: Sie sind dort auf dem Cam­ping­platz und der bie­tet auch Unter­künf­te für Nicht-Zel­ter. Wir gehen jetzt nicht auf Hang­we­gen wei­ter son­dern auf der Stra­ße. Wir fin­den tat­säch­lich gute Unter­kunft.

Wir sind noch am Abend sehr sen­si­bel für dump­fe Geräu­sche. Sei es ein Klop­fen an der Wand zum Nach­bar­zim­mer, sei es der Piz­za­bä­cker im Restau­rant, der auf den Teig schlägt – immer pas­sen wir jetzt genau auf, ob der Boden unter uns ruhig bleibt. Wäh­rend wir die­se Zei­len schrei­ben, zit­tert am Abend gegen elf auch hier bei Pre­ci noch ein­mal die Erde.

Herz­li­che Grü­ße
Pius und Bea­te Löcher