Zu den Chaoten will ich nicht“

Ein Gespräch mit dem langjährigen SPD-Stadtrat Hans Jörg Fahrner

Hans Jörg Fahrner. Foto: him

SCHRAMBERG  (him) –  Ende Janu­ar hat sich Hans Jörg Fahr­ner aus dem Gemein­de­rat zurück­ge­zo­gen. Der lang­jäh­ri­ge Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der SPD und spä­ter der Frak­ti­ons­ge­mein­schaft SPD-Bunt­specht hat­te dem Gre­mi­um 28 Jah­re lang ange­hört. Über sei­ne Zeit als Gemein­de­rat, in der Poli­tik und sei­ne Zukunfts­plä­ne hat NRWZ-Redak­teur Mar­tin Him­mel­he­ber mit dem ehe­ma­li­gen Stu­di­en­di­rek­tor an den beruf­li­chen Schu­len auf dem Sul­gen gespro­chen.

 

Herr Fahr­ner, gegen­wär­tig haben wir den Ein­druck in sehr tur­bu­len­ten Zei­ten zu leben, Ter­ror­an­schlä­ge,  Rechts­po­pu­lis­mus, die SPD auf Platz vier  und nun wohl eine grün-schwar­ze Lan­des­re­gie­rung. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Hans Jörg Fahr­ner: Sol­che Umbrü­che gab es immer schon. Zu Zei­ten von Hel­mut Schmidt, spä­ter auch bei Ger­hard Schrö­der und Josch­ka Fischer. Die Ursa­chen kom­men meis­tens von außer­halb.

Inwie­fern?

Die Flücht­lings­de­bat­te im letz­ten Jahr hat eine ganz ent­schei­den­de Rol­le für den Auf­stieg der AfD Rich­tung Rechts­po­pu­lis­mus und Deutsch­na­tio­na­le gespielt. In der Bun­des- und Lan­des­re­gie­rung blieb der SPD eigent­lich nur eine Neben­rol­le näm­lich die des weni­ger schlim­men Brem­sers. Da fra­gen sich die Wäh­ler, ob so eine Par­tei not­wen­dig ist.

Sowohl im Bund als auch im Land hat die SPD in der Regie­rung doch sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Zie­le umge­setzt, Min­dest­lohn, Gemein­schafts­schu­len als Bei­spie­le. Wes­halb pro­fi­tiert sie nicht davon?

Weil die Ver­än­de­run­gen in der Gesell­schaft, kon­kret dass die Kluft zwi­schen reich und arm immer grö­ßer wird und dass vie­le älte­re Men­schen in Alters­ar­mut gestürzt wer­den, sich ja durch die­se ‚Bon­bons‘ nicht ändert. Die­je­ni­gen, die bis­her die SPD wegen ihrer Chan­cen­ge­rech­tig­keit und  Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten gewählt haben, sind weni­ger gewor­den.

Was bedeu­tet das für die SPD?

Sie muss die­sen sozi­al­po­li­ti­schen Bereich viel stär­ker auf­neh­men, sonst beset­zen ihn  Popu­lis­ten wie die AfD.

Sie selbst sind ja ein klas­si­sches Bei­spiel für einen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Auf­stei­ger.

Stimmt, es gibt sehr vie­le die­ser Auf­stei­ger über den zwei­ten Bil­dungs­weg, also dass Arbei­ter­kin­der und Kin­der aus ärme­ren Ver­hält­nis­sen den Auf­stieg geschafft haben. Für die hat die SPD sehr viel getan in den 70er und 80er Jah­ren. Es war eine typi­sche Par­tei der­je­ni­gen, die die­sen Auf­stieg geschafft haben.

Sie selbst haben eine Leh­re gemacht?

Ja, stimmt, aber die Auf­stiegs­ge­schich­te trifft bei mir nicht ganz zu, mein Vater war Mau­rer­meis­ter mit einem eige­nen Betrieb. Ich habe absicht­lich nicht Mau­rer gelernt, son­dern eine Mecha­ni­ker­leh­re bei Mafell in Aistaig gemacht. Ich hat­te wäh­rend der Aus­bil­dung gute För­de­rer, kam aufs tech­ni­sche Büro und habe die mitt­le­re Rei­fe nach­ge­holt. Spä­ter habe ich ein Inge­nieur­stu­di­um absol­viert und war zwei Jah­re in der Indus­trie tätig.

Wie sind Sie dann Leh­rer gewor­den?

Das woll­te ich eigent­lich schon immer, und damals gab es gro­ßen Man­gel an Berufs­schul­leh­rern, des­halb konn­ten sich Inge­nieu­re zu Leh­rern an beruf­li­chen Schu­len aus­bil­den las­sen.

Als Berufs­schul­leh­rer sind Sie 1973 dann nach Schram­berg gekom­men?

Ja, das war der äußers­te Bereich im Regie­rungs­prä­si­di­um Tübin­gen. Zwei Jah­re spä­ter kam Schram­berg dann zum Regie­rungs­prä­si­di­um Frei­burg. Von daher  konn­te ich prak­tisch nicht mehr nach Stutt­gart zurück.

Wie sind Sie dann hier hei­misch gewor­den?

Zuerst woll­te ich natür­lich schnell wie­der weg, aber das war nahe­zu unmög­lich wegen der bei­den Regie­rungs­prä­si­di­en. Also haben mei­ne Frau und ich uns hier umge­se­hen. Sie hat sich im Kran­ken­haus als Kran­ken­schwes­ter bewor­ben, und Dr. Lehr brauch­te sie drin­gend. Hin­zu kam, dass wir die wun­der­schö­ne Woh­nung des stell­ver­tre­ten­den Schul­lei­ters, der damals gebaut hat, über­neh­men konn­ten. So sind wir 1975 hier­her gezo­gen – und ich habe es nie bereut. Schram­berg ist unse­re Hei­mat.

Sie sind ja dann bald poli­tisch aktiv gewor­den?

Ja, damals hat mich ein Kol­le­ge zu einer SPD-Jah­res­haupt­ver­samm­lung mit­ge­schleppt. Da ging es ziem­lich dra­ma­tisch zu. Die alten Genos­sen von Jung­hans auf der einen Sei­te, auf der ande­ren Sei­te, die Jusos. Die haben kräf­tig gestrit­ten und ich dach­te: ‚Zu den Chao­ten soll ich gehen? Nee, das will ich eigent­lich nicht.‘

Aber es kam anders?

Ich bekam gleich einen Pos­ten als Pres­se­re­fe­rent und war ein­ge­bun­den.

Was hat Sie damals geprägt?

Damals war Roland Geit­mann Ober­bür­ger­meis­ter. Er war auch inner­halb der SPD sehr aktiv, hat vie­le neue Ide­en ein­ge­bracht: Die gan­zen Refor­men, die damals auf­ka­men wie Stadt­sa­nie­rung, Bür­ger­be­tei­li­gung. Das hat mich viel mehr inter­es­siert als die­se inne­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der SPD.

Zu den Jusos gehör­ten damals Leu­te wie Her­bert O. Zinell.

Ja, und Wer­ner Klank bei­spiels­wei­se. Damals waren die Gewerk­schaf­ter viel zu kon­ser­va­tiv gegen­über den Vor­stel­lun­gen der Jusos.

Sie haben auch bald auf  der Gemein­de­rats­lis­te der SPD  kan­di­diert?

Ja,  ich habe drei Mal kan­di­diert und bin jedes Mal knapp nicht rein­ge­kom­men. Als die lang­jäh­ri­ge Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Elfrie­de Wen­del in der Zeit von OB Rei­chert aus dem Gemein­de­rat aus­schei­den woll­te, weil das recht ver­schlei­ßend war, bin ich dann 1987 nach­ge­rückt. Wen­del fand, die Jun­gen müss­ten ran.

Ins­ge­samt haben Sie vier Schram­ber­ger Ober­bür­ger­meis­ter erlebt, nach Geit­mann und CDU-Mann Rei­chert dann ihren Par­tei­freund Zinell und zuletzt Tho­mas Her­zog. Wann haben Sie sich am wohls­ten gefühlt:

Kom­mu­nal­po­li­tik ist nicht zum Wohl­füh­len, das ist kein Honig­schle­cken. Bei Rei­chert gin­gen die Aus­ein­an­der­set­zun­gen manch­mal auch unter die Gür­tel­li­nie und haben viel Kraft gekos­tet. Die Distanz war beträcht­lich.

Dann muss es mit Her­bert  O. Zinell ja para­die­sisch für Sie gewe­sen sein?

Da war die Situa­ti­on natür­lich anders, aber die Mehr­hei­ten waren nicht anders. Er muss­te schau­en, wie er für sei­ne Poli­tik der Bür­ger­nä­he, Bür­ger­be­tei­li­gung der Stadt­er­neue­rung und Stadt­ent­wick­lung Mehr­hei­ten bekommt. Bei Zinell war es so, dass nicht wir die die­je­ni­gen waren, bei denen er die Mehr­hei­ten bekom­men konn­te, son­dern eher im Kon­sens mit den bei­den tra­di­tio­nel­len Frak­tio­nen CDU und Freie Lis­te.

Sie haben da öfters von ihm ver­ba­le Prü­gel bezo­gen als Ihr Gegen­über von der CDU…

…das hat natür­lich weh­ge­tan, wenn wir mit unse­ren pro­gres­si­ven Ide­en unter­le­gen sind.

Und nun unter Her­zog?

Da habe ich die Poli­tik als Fort­set­zung des­sen erlebt, was pla­ne­risch bis zum Jahr 2020 und dar­über hin­aus vor­ge­ge­ben ist aus der weit­rei­chen­den Poli­tik, die Zinell betrie­ben hat.

Im Rück­blick, wo haben Sie etwas Dau­er­haf­tes bewirkt?

Mich hat am stärks­ten die Fra­ge der Bür­ger­be­tei­li­gung bewegt, die nach­wie­vor in Schram­berg ein Mar­ken­zei­chen ist. Aus der Bür­ger­be­tei­li­gung ent­stand die ers­te gro­ße Stadt­sa­nie­rung, die 1990 abge­schlos­sen war und heu­te noch die Innen­stadt Schram­bergs mit der Fuß­gän­ger­zo­ne prägt.

Ein Erfolgs­mo­dell?

Ich den­ke ja, wenn man mal die Leer­stän­de in Schram­berg mit ähn­li­chen Städ­ten ver­gleicht, dann sind die bei uns recht gering. Das ist ein Kenn­zei­chen einer guten Stadt­er­neue­rung.

Nach lan­gem Vor­lauf wer­den in den nächs­ten Jah­ren auch die Para­dies­gas­se und die Mark­stra­ße erneut saniert?

Ich den­ke, das ist ein guter Weg an die von uns mit­ge­präg­te Neue Mit­te anzu­knüp­fen. Aber manch­mal dau­ert die­ser Weg nur viel zu lan­ge, um mit ande­ren Städ­ten mit­zu­hal­ten.

Sie haben sich auch für das Aus­wei­sen von Gewer­be- und Indus­trie­ge­bie­ten stark gemacht?

Ich habe noch den Struk­tur­wan­del  der acht­zi­ger Jah­re mit der hohen Arbeits­lo­sig­keit ken­nen­ge­lernt und die Ver­la­ge­rung der Indus­trie aus der Tal­stadt auf den Sul­gen. Das hat für enor­mes Wachs­tum und für Arbeits­plät­ze in Schram­berg gesorgt.

Und außer­dem?

Anfangs hat­ten wir acht Mil­lio­nen D-Mark Gewer­be­steu­er­ein­nah­men. Ver­gli­chen mit heu­te waren die Mög­lich­kei­ten von Schram­berg 1990 viel  gerin­ger als heu­te. Wenn man sieht, wie schwie­rig die Finanz­si­tua­ti­on heu­te trotz guter Wirt­schafts­la­ge ist, man­gelt es heu­te oft dar­an, die Prio­ri­tä­ten rich­tig zu set­zen.

Eines der gro­ßen Schram­ber­ger Pro­jek­te, die Tal­um­fah­rung, ist nun wie­der im vor­dring­li­chen Bedarf, es bleibt aber offen, wann sie gebaut wird.

Rich­tig, das Grund­pro­blem ist, dass es an der Pla­nung fehlt. Wir hat­ten gefor­dert, dass die Stadt die Pla­nung vor­fi­nan­ziert, sodass eine Plan­fest­stel­lung schon jetzt hät­te vor­lie­gen kön­nen. Das ist lei­der nicht gesche­hen.

Aber selbst wenn ein Plan vor­lä­ge, ohne Geld wird nicht gebaut.

Ja, es fehlt auch eine Prio­ri­sie­rung, die sagt, wann wird der Plan ver­wirk­licht. Aber was man jetzt schon machen kann, ist, dass man in der Stadt den Bereich zwi­schen Obern­dor­fer Stra­ße und Stei­ge mit einem Stadt­er­neue­rungs­pro­gramm über­plant um dem Nie­der­gang die­ses Bereichs früh­zei­tig ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Ist das nicht ein biss­chen früh?

Wenn man sieht, wie lan­ge es dau­ert bis ein sol­ches Pro­gramm vor­be­rei­tet und dann schließ­lich umge­setzt wird, dann müss­te man eigent­lich kom­bi­niert mit der Tal­um­fah­rung jetzt schon pla­nen.

Was machen Sie, nach­dem Sie aus dem Gemein­de­rat und schon eini­ge Zeit vor­her aus dem Leh­rer­be­ruf aus­ge­schie­den sind?

Mei­ne Frau und ich, wir sind in der Flücht­lings­hil­fe aktiv, das erfor­dert mehr Zeit, als man denkt. Ich bin in der Dia­ko­nie sehr stark enga­giert. Ich hab‘ kei­nen Man­gel an Arbeit, die Freu­de macht.

Was begeis­tert Sie da beson­ders?

Dass man Men­schen, die mit Armut und Not­la­gen zu kämp­fen haben, ab und zu ein Stück weit hel­fen kann. Aber auch da ist es lei­der so, dass wir den „Kran­ken unterm Rad ver­bin­den, aber nicht dem Rad in die Spei­chen fal­len“, wie es Diet­rich Bon­hoef­fer ein­mal gesagt hat. Das ist ein kla­res Ver­sa­gen der Sozi­al­po­li­tik aller Par­tei­en mit der Kon­se­quenz, dass vie­le sich nicht mehr ver­tre­ten füh­len und des­halb zur AfD und ande­ren mar­schie­ren.

Hat das nicht mit den Flücht­lin­gen zu tun?

Nein, das ist kei­ne Fra­ge der Flücht­lin­ge, die waren nur der Aus­lö­ser. Dahin­ter steht das Aus­ein­an­der­klaf­fen von Zukunfts­chan­cen und Chan­cen­ge­rech­tig­keit. Das gilt beson­ders im Bil­dungs­be­reich, da sind viel zu zöger­lich die Ganz­ta­ges­schu­le und die Gemein­schafts­schu­le ange­packt wor­den. Bis auf die grün-roten Jah­ren auch der Aus­bau der Kin­der­ta­ges­stät­ten. All dies hat dazu geführt, dass sich die Men­schen nicht mehr mit­ge­nom­men füh­len von den Par­tei­en.

Ver­mis­sen Sie eigent­lich den Don­ners­tag­abend, wenn Aus­schüs­se oder Gemein­de­rat tagen?

Eigent­lich nicht. Ich war ja nie jemand, der die per­sön­li­che Aus­ein­an­der­set­zung gesucht hat. Mir lag viel mehr dar­an, wie kann man die­se Stadt, mei­ne Stadt, wei­ter­ent­wi­ckeln. Die­se Fra­gen kön­nen und müs­sen jetzt auch Jün­ge­re auf­grei­fen.