Es ist das Ärger­nis der Woche in Rott­weil: Offen­bar unge­dul­di­ge oder unkun­di­ge Zeit­ge­nos­sen – allen vor­an der Fah­rer eines sil­ber­nen A-Klas­se-Daim­lers aus dem benach­bar­ten Schwarz­wald-Baar-Kreis – haben sich mit ihren Autos mit­ten in die tra­di­tio­nel­le Rott­wei­ler Fron­leich­nams­pro­zes­si­on gedrängt. Beob­ach­ter sehen dar­in – neben der Dreis­tig­keit der Fah­rer – auch ein Ver­sa­gen der Poli­zei. Die NRWZ hat nach­ge­fragt, war­um nicht abge­sperrt gewe­sen ist und mit Betei­lig­ten gespro­chen. Und sie­he da: Es ist offen­bar ein ganz ein­fa­cher,. mensch­li­cher Feh­ler passiert.

Zunächst ein­mal: Das Hei­ligs­te war nicht gefähr­det. Die Hos­tie, die die Gegen­wart Chris­ti sym­bo­li­siert, ist unbe­drängt an ihr Ziel, die Pre­di­ger­kir­che in Rott­weil gekom­men. Sie war erst auf dem Rück­weg der Pro­zes­si­on vom Stadt­gra­ben zur evan­ge­li­schen Pre­di­ger­kir­che dabei.

Abge­drängt: Diri­gent Cle­mens Ber­ger (roter Kreis) mit sei­ner Stadt­ka­pel­le. Foto: hil

Der Hin­weg lief in Rich­tung der ers­ten Sta­ti­on im Stadt­gra­ben. Die Pro­zes­si­on hat­te gera­de an der Kapel­len­kir­che Auf­stel­lung genom­men, die Ver­tre­ter der katho­li­schen Kir­che und die Later­nen­trä­ger der Zünf­te vor­ne­weg. Ein wür­di­ges Bild. Doch gleich dahin­ter lös­te sich die­ses Bild auf: Ein Foto vom Pro­zes­si­ons­zug zeigt einen A-Klas­se-Daim­ler aus dem Schwarz­wald-Baar-Kreis (wir haben das Num­mern­schild unkennt­lich gemacht), der sich in den Zug ein­ge­ord­net hat. Dahin­ter ein Opel. Bei­de vor der beglei­ten­den Stadtkapelle.

Und dahin­ter ein blau­er Lie­fer­wa­gen. Des­sen  Fah­rer gönnt sich die hal­be Hoch­brück­tor­stra­ße. Den Musi­kern unter der Lei­tung von Cle­mens Ber­ger blei­ben nur ein paar Meter der Stra­ße, die der Fahr­zeug­ver­kehr sich zurück­zu­er­obern versucht.

8.53 Uhr ist das Foto ent­stan­den, am Fron­leich­nams­tag. Und da hat­ten es ein paar Zeit­ge­nos­sen offen­bar schon so eilig, dass sie es nicht abwar­ten konn­ten, bis die Gläu­bi­gen ihren Weg in den Stadt­gra­ben, zur ers­ten Sta­ti­on, hin­ter sich gebracht haben. Gehupt hat dem Ver­neh­men nach kei­ner der Fah­rer. Viel­leicht waren sie auch ein­fach über­for­dert von der Situa­ti­on? Sind ver­se­hent­lich in die Pro­zes­si­on gefahren?

Das glaubt der bedräng­te Cle­mens Ber­ger, Lei­ter der Rott­wei­ler Stadt­ka­pel­le. Er sagt auf Nach­fra­ge der NRWZ, dass er nicht mehr genau weiß, wie die Autos in den Zug hät­ten kom­men kön­nen, „sie waren plötz­lich ein­fach da.” Beim Auf­stel­len muss das pas­siert sein, vor der Kapel­len­kir­che. Da habe er, Ber­ger, gera­de noch mit einem Ver­tre­ter der Kir­che gespro­chen, um letz­te Details zum Ablauf zu klä­ren, und dann hät­ten da auch schon die Autos vor ihm gestan­den. „An denen sind wir nicht mehr vor­bei gekom­men”, so Ber­ger weiter.

Gefähr­det gewe­sen sei­en er und sei­ne Musi­ker zu kei­nem Zeit­punkt, so der Diri­gent. Aber: „Die Poli­zei haben wir ver­misst”, sagt er auch.

Da ist er, der Ruf nach der Poli­zei. „Bei sol­cher Dreis­tig­keit hät­te Poli­zei­prä­senz wahr­haf­tig gut­ge­tan”, schreibt etwa die loka­le Tages­zei­tung. Das Blatt fragt auch: „Wie dreist ist das denn? Wo war da bloß die Poli­zei?”, ohne die Fra­ge frei­lich zu beantworten.

Eine Online-Nut­ze­rin sieht’s ganz gelas­sen: „Naja, Absper­rung mal hin oder her, wenn ich mit dem Auto fah­re und da läuft eine Men­schen­men­ge mit­ten auf der Stra­ße, dann fah­re ich da ganz sicher nicht mit­ten rein und ver­su­che, mei­nen Wil­len durch­zu­set­zen. Dann muss ich halt mal 5 min war­ten. Was kann man an nem Fei­er­tag schon so wich­ti­ges vor­ha­ben, dass man nicht kurz war­ten oder anders­rum fah­ren kann?”

Man­che hal­ten die Fra­ge nach der Poli­zei für dane­ben. Über die Teil­neh­mer am Pro­zes­si­ons­zug schreibt jemand: „War­um müs­sen die auf der Stra­ße lau­fen? Die Stadt hat doch so wun­der­bar brei­te, gar über­brei­te Fuß­we­ge gepflas­tert und Park­plät­ze weg genom­men dafür. Das müss­te doch rei­chen”, urteilt etwa eine Face­book­nut­ze­rin. Ein ande­rer sieht es so: „Ihr fragt nach Poli­zei und Feu­er­wehr? Wer fragt nach dem Geis­tes­zu­stand die­ser Autofahrer?”

Eine erklärt: „Was, lie­ber Schwarz­wäl­der Bote, soll unse­re Poli­zei noch alles unter Kon­trol­le brin­gen? Es gibt für Absper­run­gen auch Frei­wil­li­ge z.B. von der Feu­er­wehr. Falls wer mit Absicht die Pro­zes­si­on stört, gehört er bestraft. Das geht gar nicht.”

Da ist also der Ver­weis auf die Feu­er­wehr. Die sper­re doch Umzü­ge und Fest­stre­cken ab, so sei es jeden­falls auf dem Dorf, heißt es im Netz. Die NRWZ befragt Rott­weils Stadt­brand­meis­ter Frank Mül­ler. Er erklärt, dass die Feu­er­wehr sei­nes Wis­sens in Rott­weil noch nie solch eine Pro­zes­si­on abge­si­chert habe. „Wir könn­ten mit­fah­ren”, erklärt Mül­ler, „wenn ein Auto­fah­rer trotz­dem durch­drän­gelt, dann haben wir aber kei­ne Hand­ha­be, ihn auf­zu­hal­ten.” Das dür­fe allein die Polizei.

Auf dem Pro­zes­si­ons­bild ist gut sicht­bar, dass ein Ret­tungs­wa­gen des Deut­schen Roten Kreu­zes am Schluss der Pro­zes­si­on mit­ge­fah­ren ist. So, wie etwa auch am Ende eines Nar­ren­sprungs. Den „San­ka” haben die drei Auto­fah­rer, die sich dazwi­schen gedrängt haben, aber bereits ignoriert.

Die­ser Ret­tungs­wa­gen, der ist da, wenn was pas­siert. Um zu ver­hin­dern, dass etwas pas­siert – nun, da sehen Eini­ge die Poli­zei in der Pflicht.

Bloß: Wo war sie an die­sem Fronleichnamstag?

„Es war ganz klar ein Feh­ler der Poli­zei.” Micha­el Aschen­bren­ner, Spre­cher des Poli­zei­prä­si­di­ums Tutt­lin­gen, redet nicht lan­ge um den hei­ßen Brei her­um. Ja, es habe eine Anfor­de­rung der Stadt Rott­weil auf Absper­rung des Pro­zes­si­ons­wegs gege­ben. Und Nein, die Anfor­de­rung sei sei­tens sei­ner Kol­le­gen offen­bar nicht bear­bei­tet wor­den. Das sagt Aschen­bren­ner auf Nach­fra­ge der NRWZ.

Grund: Das städ­ti­sche Schrei­ben muss „im Wust all der täg­li­chen Schrift­sa­chen” auf dem Rott­wei­ler Poli­zei­re­vier unter­ge­gan­gen sein. „Der zustän­di­gen Kol­le­gin ist es sehr pein­lich”, ergänzt Aschen­bren­ner, der mit der Rott­wei­ler Beam­tin tele­fo­niert hat. Sie sei recht neu im Job und habe ein­fach einen Feh­ler gemacht. „Wir alle machen Feh­ler”, sagt Aschen­bren­ner, „das ist menschlich.”

Der Poli­zei­spre­cher ergänzt: „Wir sind eine ler­nen­de Insti­tu­ti­on”. Die Absper­rung sozu­sa­gen zu ver­schwit­zen, das habe nicht gesche­hen dür­fen, sei aber eben gesche­hen. Sicher­lich wer­de das nicht wie­der vor­kom­men. „Vor allem, so Aschen­bren­ner, „wird das der betrof­fe­nen Kol­le­gin nicht mehr passieren …”