Wenn Politiker auf Wahlkampf-Tour sind, preisen sie gerne zunächst einmal die Schönheit des Ortes, an dem sie gerade sprechen. Das ist meist schon mal der erste Volltreffer, und im historischen Rottweil drängen sich derlei Komplimente ja auch auf. Hermann Gröhe, der Gesundheitsminister, widersteht bei seinem Auftritt im Kapuziner dieser Versuchung. Er berichtet statt dessen von seinem Besuch vor gut zwei Jahren in Rottweil, von seiner Begegnung mit Bürgermeister Werner Guhl und von der schwer fassbaren Nachricht, dass Werner Guhl zwei Tage später gestorben sei. Das zeugt nicht von einem glatt gebügelten, oberflächlichen Politiker, sondern von einem Menschen mit feiner Sensorik und von Mitmenschlichkeit.

Sie saßen in der ersten Reihe – und viele dahinter im Sonnensaal des Kapuziners in Rottweil: Thomas Brobeil, Geschäftsführer des Vinzenz von Paul Hospitals in Rottweil, Landrat Dr. Wolf-Rüdiger Michel, Oberbürgermeister Ralf Broß, Unionsfraktionschef Volker Kauder, Foto: Robert King

Stefan Teufel, der CDU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete, eröffnet und moderiert den „Infoabend“, wie er es nennt, der in Wirklichkeit eine Wahlkampf-Veranstaltung für den CDU-Kandidaten Volker Kauder ist, vor rund 120 Besuchern. Er stellt seinen prominenten Parteifreund vor, bescheinigt ihm, „alle Vorhaben der Legislaturperiode „abgearbeitet zu haben“.

Jetzt müsste, nach allen Erfahrungen Volker Kauder für ein kurzes Grußwort auf die Bühne treten. Dabei es würde sich aufdrängen, ass der Wahlkreis-Abgeordnete und Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag zum aktuellsten Aspekt der Gesundheitspolitik Stellung bezieht: Wie hält es die CDU mit den heftig umstrittenen Ergebnissen des Diesel-Gipfels, mit den Autokonzernen, mit deren Tricks und Täuschungen und mit den daraus erwachsenden Feinstaub-Belastungen?

In welche Zeitung, in welchen Kanal man in den letzten Tagen auch schaute oder hörte – die Grünen, die SPD und auch der CSU äußerten sich dazu, bei der CDU herrscht die totale Funkstille. Nach dem Diesel-Gipfel kamen zwei Vertreter der SPD (Hendriks, Weil), zwei der CSU (Seehofer, Dobrindt) und einer der Grünen (Kretschmann) zur Pressekonferenz. Die stärkste Partei der Koalition, die CDU, war nicht vorhanden.

Jetzt also, an diesem Abend im Kapuziner,  wäre ein günstiger Zeitpunkt, denkt sich der unvoreingenommene Wähler. Doch es tritt nicht Volker Kauder ans Mikrofon, sondern Hermann Gröhe. Der Gesundheitsminister tut dann auch das Erwartbare: Er erklärt und rechtfertigt seine Politik, er ruft Fachärzte und Kliniken auf, sich noch besser zu vernetzen, um „die großen Herausforderungen der Zukunft bestehen zu können“. Dabei werde die Telemedizin einen wichtigen Beitrag leisten müssen, sagt er, um das Stadt-Land-Gefälle nicht zu vergrößern. Ansonsten müsse man die bewährten Strukturen erhalten.

Und was ist mit Diesel-Tricks, Feinstaub und Gesundheitsrisiken? Der Minister spricht 40 Minuten, streift viele Bereiche, aber dieses Thema kommt nicht vor.

Gröhe bekommt dennoch ordentlich Beifall von den meist älteren und CDU-nahen Besuchern.

Stefan Teufel leitet zur Diskussion über. Haben sie Volker Kauder vergessen? Ist er überhaupt noch da? Ein besorgter Blick bestätigt: Er sitzt in der ersten Reihe.

Die Menschen haben viele Fragen und Wünsche an den Gesundheitsminister, oft aus persönlicher Erfahrung. Gröhe geht auf jeden ein, zeigt Verständnis, sagt aber auch offen, wo er nicht helfen kann  und was er nicht ändern will.

Das verschafft ihm Pluspunkte: „Sie kommen pragmatisch, praktisch und positiv rüber“, bescheinigt ihm ein Arzt.

Stefan Teufel drängt nach fast zwei Stunden auf das Ende, der Minister habe einen weiteren Termin. Noch drei Fragen! Dann ergreift der zweitletzte Redner doch noch die Chance: „Was sagen Sie zu dem Vorwurf“, fragt er den Minister, „dass durch Diesel-Fahrzeuge zig-tausende Menschen ums Leben gekommen sind?“

Gröhe antwortet: Man müsse erst einmal wissenschaftlich klären, welche Gesundheitsschäden von Dieselautos ausgehen, sagt er. Die Richtwerte müssten eingehalten werden und wenn das nicht der Fall sei, müsse man entweder dafür sorgen oder rechtliche Konsequenzen ziehen, und Gröhe fügt hinzu: „Entweder die Maßnahmen wirken oder die Gerichte müssen Fahrverbote aussprechen.“ Im Übrigen sei für Umweltfragen nicht das Gesundheitsministerium zuständig, sondern „das Umweltressort“. Klingt alles ziemlich plausibel. Trotzdem wirft diese Äußerung Fragen auf, unter anderem: Warum hat die große Regierungspartei CDU so lange keine Konsequenzen gezogen? Warum fühlt sich der CDU-Gesundheitsminister für Fragen der Gesundheit nicht zuständig, sondern verweist auf die Umweltministerin von der SPD?

Volker Kauder könnte zur weiteren Klärung beitragen. Doch es folgt der Mann am Klavier mit einem Stück. Die ersten Besucher gehen.

Kaum ist der letzte Ton verklungen, springt Kauder auf, ergreift das Mikrofon und erklärt, eigentlich sei jetzt noch ein Beitrag von ihm vorgesehen, aber angesichts der fortgeschrittenen Zeit wolle er darauf verzichten. Dann sagt Kauder einen schlichten Satz, der Kanzlerin Merkel vor der letzten Wahl geholfen hat, denn sie zwischenzeitlich lieber nicht mehr wiederholen will, den Kauder jetzt in seinem Fall für hilfreich hält. Der Satz besteht aus drei Worten: „Sie kennen mich.“ Der CDU-Kandidat, der wieder ein gutes Ergebnis braucht, erklärt noch: „Wir haben viel erreicht.“ Von den Mitbewerbern sei dagegen bisher noch gar nichts zu hören. An diesem Abend habe ihn die Fülle der Fragen und Probleme am meisten überrascht. Ohne diese Veranstaltung wäre das alles nie angesprochen worden, sagt Kauder.

Ohne diese Veranstaltung hätte es auch keine Äußerung der CDU zum Diesel-Problem gegeben, auch wenn noch viele Fragen offen bleiben.

Aber der Wahlkampf  ist ja noch ein Weilchen.