Die Debat­te um das Alep­po-Kunst­pro­jekt vor der Frau­en­kir­che in Dres­den hält an. Und sie bekommt auf der Face­book­sei­te des AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten für den Wahl­kreis Rott­weil-Tutt­lin­gen, Emil Sän­ze eine neue Dimen­si­on. Eine natio­nal­so­zia­lis­ti­sche. Eine, die wäh­rend der NRWZ-Recher­che dann aller­dings verschwindet.

„Ent­ar­te­te Kunst” – die­ser Begriff ist inhalt­lich unzwei­deu­tig belegt:

„Ent­ar­te­te Kunst“ war wäh­rend der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur in Deutsch­land der offi­zi­ell pro­pa­gier­te Begriff für mit ras­sen­theo­re­ti­schen Begrün­dun­gen dif­fa­mier­te Moder­ne Kunst. Der Begriff Ent­ar­tung wur­de Ende des 19. Jahr­hun­derts von der Medi­zin auf die Kunst übertragen.

Als „Ent­ar­te­te Kunst“ gal­ten im NS-Regime alle Kunst­wer­ke und kul­tu­rel­len Strö­mun­gen, die mit der Kunst­auf­fas­sung und dem Schön­heits­ide­al der Natio­nal­so­zia­lis­ten, der soge­nann­ten Deut­schen Kunst, nicht in Ein­klang zu brin­gen waren: Expres­sio­nis­mus, Dada­is­mus, Neue Sach­lich­keit, Sur­rea­lis­mus, Kubis­mus oder Fau­vis­mus. Dar­über hin­aus wur­den alle Wer­ke von Künst­lern mit jüdi­schem Hin­ter­grund als ent­ar­tet bewer­tet. (Quel­le: Wiki­pe­dia)

Es gibt also kein Ver­tun. „Ent­ar­te­te Kunst” ist ein Nazi­be­griff. Und als sol­cher wur­de er 24 Stun­den lang auf der Face­book­sei­te des AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten für den Wahl­kreis Rott­weil-Tutt­lin­gen, Emil Sän­ze verwendet:

Quel­le: Face­book, Sei­te des AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Emil Sänze

Dort stand über die in Dres­den auf­ge­stell­te Skulp­tur aus drei auf­ge­rich­te­ten Bus­sen, die an den syri­schen Bür­ger­krieg erin­nern soll (Schreib­feh­ler im Ori­gi­nal): „Wie krank sind die Dresd­ner Aut­ho­ri­tä­ten eigent­lich?? Im tau­send­jäh­ri­gen Reich wäre so etwas unter ent­ar­te­te Kunst sofort ver­bo­ten wor­den!” Ein Wal­ter Schrö­der, offen­bar schnauz­bär­ti­ger Rent­ner aus Ulm, frü­her mit Wohn­sitz Spa­ni­en, sagt das.

Und eine nach eige­nen Anga­ben aus der DDR stam­men­de Car­men Sän­ze-Pärsch – zugleich die Schatz­meis­te­rin des loka­len AfD-Kreis­ver­bands und Frau des Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Emil Sän­ze – merkt an (O-Ton): „Ich kann die­se Nach­rich­ten aus Dres­den lang­sam nicht mehr ertragen…wie weit wol­len die­se Poli­ti­ker die­se schö­ne Stadt noch ver­un­glimp­fen.…. und die Erin­ne­run­gen an die­se schlim­men Gräu­el­ta­ten an den Dresd­nern und den vie­len Ver­trie­be­nen noch her­ab­wür­di­gen ?” Es schlie­ßen sich die für die rech­te Sze­ne typi­sche Hoch­rech­nung der Zahl der Toten in Fol­ge der Luft­an­grif­fe der Alli­ier­ten auf Dres­den ab Herbst 1944 im Zwei­ten Welt­krieg an. Durch sie star­ben nach neu­es­ten his­to­ri­schen Unter­su­chun­gen ent­ge­gen oft behaup­te­ten sechs­stel­li­gen Opfer­zah­len zwi­schen 22.700 und 25.000 Men­schen. Sän­ze-Pärsch geht vom Zehn­fa­chen aus.

Sän­ze selbst hat­te die Kom­men­ta­re anmo­de­riert, gleich­sam pro­vo­ziert. Er ver­öf­fent­lich­te am Mitt­woch­mor­gen ein Bild vom Dres­de­ner Alep­po-Kunst­werk, er teil­te einen Bericht der FAZ über Mord­dro­hun­gen gegen den Dres­de­ner Bür­ger­meis­ter und schrieb dazu: „Ob die­ses ‚Kunst­werk’” – die Gän­se­füß­chen stam­men von Sän­ze – „das geeig­ne­te Mit­tel ist, der Mil­lio­nen Toten zu geden­ken, kann wahr­lich bezwei­felt wer­den. Die­ser Schrott­hau­fen wird kei­nen dar­an erin­nern, was in Dres­den oder auch in Syri­en oder sonst wo auf der Welt, unschul­di­gen Men­schen ange­tan wur­de und wird.”

Sän­ze fin­det inzwi­schen aller­dings, die NRWZ sol­le sich schä­men. Und er schickt ein „Pfui Teu­fel” hinterher:

Das Werk des Dresd­ner Akti­ons­künst­lers Man­af Hal­bouni eini­ge nicht, es pro­vo­zie­re ein zwei­tes Mal. Sän­zes Theo­rie: „Zuerst wer­den die vie­len Hun­dert­tau­sen­de der Bom­ben­näch­te von Dres­den, von Möch­te­gern-His­to­ri­kern her­un­ter­ge­schrie­ben und nun wird die Erin­ne­rung der Über­le­ben­den mit Schrott provoziert.”

Die Sän­zes eini­gen sich bei die­sen The­men offen­bar am Abend­brot­tisch: „In mei­ner Fami­lie”, schreibt das Fami­li­en­ober­haupt Emil Sän­ze, „weiß man von was man spricht, denn sie ist Zeit­zeu­ge und spricht nicht vom Hören­sa­gen son­dern von rea­len Erfah­run­gen.” Der AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te meint aber auch, „Mord­dro­hun­gen in Rich­tung des (Dres­de­ner) Bür­ger­meis­ters” sei­en „kein adäqua­tes Mit­tel.” Bes­ser sei, man wäh­le ihn ab. „Soll er sein merk­wür­di­ges Kunst­ver­ständ­nis anders­wo pfle­gen, am bes­ten in sei­nem Gärtchen.”

Von der NRWZ zum Vor­wurf der „ent­ar­te­ten Kunst” befragt, reagiert Emil Sän­ze sofort und ein­deu­tig: „Für mich gibt es kei­ne ent­ar­te­te Kunst, ich ent­schei­de nur zwi­schen, aus mei­ner Sicht: gut oder schlecht, ohne die Geschmä­cker bevor­mun­den zu wollen.”

Ihm sei der Kom­men­tar „bedau­er­li­cher­wei­se ent­gan­gen.” Er selbst wol­le die­se Begrif­fe „weder tei­len noch dafür eine Platt­form bie­ten.” Sän­ze löscht den Kom­men­tar des Rent­ners aus Ulm dann schnell.

Den­noch: „Im Fal­le der Dresd­ner Geschmack­lo­sig­keit hal­te ich aller­dings die­se Akti­on für ein an der Mehr­heit der Bür­ger vor­bei ent­wi­ckel­tes Mainstream-Projekt.”

Die AfD, die sich ger­ne den Anschein einer kri­ti­schen aber bür­ger­li­chen Par­tei geben möch­te, ist die­ser Tage im Vor­feld ihres Lan­des­par­tei­tags am 4. und 5. März in Sulz im Land­kreis Rott­weil ins Blick­feld gerückt. Geg­ner der AfD machen gegen den Par­tei­tag mobil. Ein Bünd­nis plant eine Unter­schrif­ten­samm­lung und das Auf­hän­gen von Euro­pa-Fah­nen in der Stadt. Mit einer soge­nann­ten „Sul­zer Erklä­rung“ soll Posi­ti­on gegen Rechts­po­pu­lis­ten bezo­gen werden.

Jour­na­lis­ten gegen­über ist bereits ange­kün­digt wor­den, dass der Par­tei­tag selbst, dass die anwe­sen­den AfD-Mit­glie­der dar­über ent­schei­den wür­den, ob die Pres­se bei der Ver­an­stal­tung will­kom­men sei oder man unter sich blei­ben wolle.

Der Vor­stand der Wahl­kreis-AfD: Spre­cher: Emil Sän­ze (Zwei­ter von links), stellv. Spre­cher Adri­an Strauss, Schatz­meis­te­rin: Car­men Sän­ze-Pärsch (Zwei­te von rechts), Bei­sit­zer: Chris­ti­an Bau­er, Mar­grit Pfri­en­der, Mat­thi­as Plon­ka, Reto Kle­ser, Kas­sen­prü­fer: Kay Ritt­weg und Sabi­ne Reger. Foto: AfD

Schon zu ihrer Mit­glie­der­ver­samm­lung mit Vor­stands­wah­len und Bun­des­de­le­gier­ten­wah­len, die jüngst in Rott­weil im Pflug-Saal statt­ge­fun­den hat, hat­te die AfD kei­ne Jour­na­lis­ten ein­ge­la­den. Als Ver­laut­ba­rungs­or­gan nutzt sie Face­book. Begrün­dung: Man habe die Pres­se nicht ein­ge­la­den, weil sie nicht bereit sei, zu kom­men. So habe sich bei einer Eröff­nung eines Bür­ger­bü­ros nie­mand von der Pres­se sehen las­sen, dann lade man die­se Leu­te eben auch zur Mit­glie­der­ver­samm­lung nicht ein. Ein AfD-Sym­pa­thi­sant mut­maßt gar: „Wenn Jour­na­lis­ten ein­ge­la­den wer­den, besteht auch die Gefahr, dass dann – rein zufäl­lig – Details zur Ver­samm­lung auf – rein zufäl­lig – links­ra­di­ka­len Sei­ten im Netz zu fin­den sind… Die Sicher­heit der Mit­glie­der (und ihrer Autos vor dem Ver­samm­lungs­ort) geht vor!”

Die­se Sicht der Din­ge teilt auch Emil Sän­ze. Man habe zur Ver­samm­lung kei­ne Pres­se ein­ge­la­den und den Ter­min nicht öffent­lich bekannt gemacht, „weil wir für die Sicher­heit unse­rer Mit­glie­der Ver­ant­wor­tung haben. Lei­der wer­den unse­re Ver­an­stal­tun­gen fort­lau­fend bedroht. Dank vie­ler Initia­ti­ven der soge­nann­ten poli­ti­schen Wettbewerber.”