Thomas Greiner war nach seiner Zeit als Rottweiler Kulturamtsleiter in leitender Position bei der Dussmann-Group tätig, zuletzt als Vorstandsvorsitzender. Seit 2009 ist er Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege (AGVP). Foto: AGVP

Am 25. Juni beginnt der 50. Jahrgang des „Rottweil Musikfestival Sommersprossen“. Zum Jubiläum erscheint ein Buch mit Texten von Andreas Linsenmann und Fotos von Hartwig Ebert. Die NRWZ kann hier einen exklusiven Vorabdruck aus diesem Buch mit Auszügen aus einem Gespräch mit Thomas Greiner präsentieren. Greiner, 1955 in Rottweil geboren, hat von 1994 bis 1997 das Kulturamt geleitet – eine Zeit, in der das Klassik-Festival eine radikale Verjüngungskur erlebte. Im Interview erläutert Greiner die Hintergründe.

Herr Greiner, während Ihrer Zeit als Kulturdezernent sind die „Rottweiler Kammerkonzerte“ ordentlich aufgepeppt worden. Stimmt es, dass die Idee, die Konzertreihe 1995 vom Frühling in den Juni/Juli zu schieben und dem Ganzen das kecke Label „Sommersprossen“ zu geben, von Ihnen kam?

Thomas Greiner: Es gibt den schönen Satz: Der Erfolg hat viele Väter, nur die Niederlage ist ein Waisenkind. Wenn man sich mit Leuten austauscht – und ich bin ein Fan davon, sich kreativ im Team auszutauschen –, dann ist es schwierig zu sagen: Einer allein war‘s. Aber ich war mit Sicherheit entscheidend dabei.

Weshalb wurde das damals umbenannt?

Ein Problem bei dem Festival war, dass Geld sehr knapp war und es manchmal Spitz auf Knopf stand. Deshalb wollten wir es auf breitere, gesündere Beine stellen und dazu brauchte es unter anderem einen frischen Namen. Da ich mit anderen zusammen einer der Väter des Ferienzaubers war, fand ich die Begriffe „Kammerkonzerte“ und „Rottweiler Musiktage“ etwas, sagen wir mal „oldfashioned“. Es war einfach notwendig, in einer Region, in der es mit Trossingen und Villingen-Schwenningen damals schon eine ganze Menge Klassikkonzerte gab, das Rottweiler Festival mit einem markanten, einprägsamen Begriff zu versehen.

Warum gerade „Sommersprossen“?

Der Begriff fällt auf, er ist gut merkbar, er grenzt zeitlich ein – alles Gesichtspunkte, die nach Marketing-Kriterien wichtig sind. Und vor allem: Er ist sympathisch. Etwas böse könnte man sagen: Wenn neue Manager kommen, ist das erste, was sie machen, am Marketing rumzufummeln und Wortkosmetik zu betreiben. Das zeigt meistens, dass sie schlechte Manager sind. Aber ich glaube, bei den „Sommersprossen“ hat es gut funktioniert.

Was für ein Image wollten Sie dem Festival geben?

Als die Konzerte 1967 ins Leben gerufen wurden, hat man nicht in Kategorien von Marketing gedacht. Die Zeiten waren andere. Das Ganze war meinem Eindruck nach in den frühen 1990er Jahren etwas zu elitär, zu abgehoben. Ich wollte – aus dem Zwang heraus, salopp gesprochen mehr Kohle in die Hütte zu bekommen –, eine Öffnung, die neue Zuhörergruppen an das Festival heranführen sollte. Ein Teil dieser Strategie war die neue Bezeichnung.

Das Festival hat in Ihrer Zeit ja auch rasant expandiert. 1994 gab es vier Konzerte, 1995 neun, dann zehn und 1997 sogar zwölf – eine Verdreifachung in drei Jahren. Wie kam das zustande?

Erstens ist Ingo Goritzki ein kreativer Kopf, dem immer spannende Projekte einfallen. Zudem wurde in den 1990er Jahren der Kreis der Musiker, die er nach Rottweil brachte, größer und die Musiker wurden jünger – so kamen weitere Ideen hinzu.

Zweitens haben wir damals verstärkt die neue Musik in die Programme hinein genommen – wenn man etwa an die Konzerte in der Werkstatt von Erich Hauser auf der Saline denkt. Auch aus diesem Grund wuchs das Festival. Und wir haben ganz bewusst versucht, in so einer Kulturstadt wie Rottweil mit den „Sommersprossen“ als einem attraktiven, strahlkräftigen Klassik-Event einen Anker zu pflanzen.

Wenn es damals überhaupt keine finanziellen Begrenzungen gegeben hätte, was hätten Sie bei den „Sommersprossen“ dann noch alles gemacht?

Zunächst einmal finde ich, dass Sparsamkeit durchaus zu Baden-Württemberg und zu Rottweil passt. Es ist manchmal ein ganz heilsamer Zwang, wenn man streng haushalten muss – ein knapp bemessenes Budget muss also nicht das Schlechteste sein. Oft ist nicht so sehr Geld das Problem, sondern die Idee.

Mit mehr Geld wäre man bei den „Sommersprossen“ möglicherweise etwas mehr auf das Starprinzip umgestiegen. Man hätte vielleicht versucht, Leute zu holen, die medial so präsent sind wie heute zum Beispiel eine Anna Netrebko. Damit zieht man dann andere Besucher an. Wer fährt jetzt nicht alles zum Festspielhaus nach Baden-Baden, weil dort illustre Namen auf dem Programm stehen? Andererseits hätte das wohl gar nicht recht zum Profil der „Sommersprossen“ gepasst, die sich durch eine sehr kollegiale Atmosphäre auszeichnen und deren Musiker auch ohne Starkult exzellent sind.

Welche Musik hören Sie eigentlich privat?

(lacht) Besonders viel Zeit zum Musikhören habe ich zwar nicht, aber mir gefallen ganz verschiedene Genres. In Berlin gehe ich viel in die Oper, sowohl in die Komische Oper wie in die Staatsoper. Als Vorstandsvorsitzender der Dussmann-Gruppe habe ich das ganze Sponsoring für die Sanierung der Staatsoper verantwortet, durch diese Nähe wurde ich sehr opernaffin. Innerhalb der Oper bin ich ein totaler Fan von Belcanto: Bellini, Donizetti, Rossini – das sind meine absoluten Favoriten. Aber auch Mozart-Opern genieße ich.

Im Moment höre ich sehr viel Bach, gerade lese ich die tolle Bach-Biografie von John Elliot Gardiner, „Musik für die Himmelsburg“. Daneben bin ich ein großer Freund des Chansons, von Georges Moustaki etwa, ich schätze aber auch den italienischen Cantautore Paolo Conte sehr.

Info: Das Buch „Sommersprossen – 50 Jahre Rottweil Musikfestival“ (152 Seiten, ISBN 978-3-00-056487-1) ist ab 23. Juni im Handel erhältlich und kostet 24,95 Euro. Bei den Konzerten können von Ingo Goritzki signierte Exemplare erworben werden. Mehr unter www.rottweil.de/sommersprossen