Wechsel bei den Rottweiler Gemeinderats-Grünen. Der eine geht (früh), der andere will wieder mitmischen (nach langer Zeit)

Jochen Bau­mann und Frank Sucker im Inter­view

Die Par­tei­en nomi­nie­ren in die­sen Tagen ihre Gemein­­de­­rats-Kan­­di­da­­ten. In Schram­berg wie in Wel­len­din­gen, in Zim­mern wie in Rott­weil. Dort, in der Stadt am Neckar, tut sich bemer­kens­wer­tes: Dort will der eine Grü­ne aus­stei­gen – und das nach nur einer Amts­zeit. Er hat sei­ne Grün­de. Und der ande­re Grü­ne möch­te wie­der ein­stei­gen. Nach sehr lan­ger Zeit. Auch aus Grün­den. Die NRWZ hat bei­de inter­viewt.

Der eine Grü­ne, das ist Jochen Bau­mann. Ihn hat der Pro­test gegen das bei Zepfen­han – sei­nem Hei­mat­ort – geplan­te Lan­des­ge­fäng­nis in den Rat gebracht. Als ein Sprach­rohr der Pro­test­be­we­gung, als Hoff­nungs­trä­ger sei­ner Zepfen­ha­ner Mit­bür­ger. Bau­mann zeig­te sich dann in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren als unauf­ge­reg­ter, kon­zen­trier­ter Zuhö­rer, Fra­gen­stel­ler und Stel­lung bezie­hen­der Stadt­rat an der Sei­te von Inge­borg Gek­­le-Mai­er und Hubert Nowack. Nun zieht er sich aus dem Gemein­de­rat zurück – und erzählt der NRWZ, war­um.

Der ande­re Grü­ne, das ist Frank Sucker. Er war für die Grü­nen im Gemein­de­rat, da waren die Erst­wäh­ler 2019 noch Ster­nen­staub. Und die­je­ni­gen, die nun zum zwei­ten, drit­ten und vier­ten Mal wäh­len dür­fen, auch. In den 1980-ern war Sucker schon ein­mal Stadt­rat. Jetzt will er es wie­der wis­sen. Auch er erzählt der NRWZ, war­um.

Jochen Bau­mann. Foto: pri­vat

Jochen Baumann: „Irgendwann muss man anfangen aufzuhören”

NRWZ: Sie waren jetzt eine Legis­la­tur­pe­ri­ode lang Stadt­rat. War­um zie­hen Sie sich aus dem Gemein­de­rat zurück?

Jochen Bau­mann: Neben Beruf und Fami­lie bin ich aktu­ell in fol­gen­den Funk­tio­nen par­al­lel ehren­amt­lich tätig: Fuß­ball-Jugend­­­trai­­ner beim FSV Zepfen­han (im 14. Jahr – der­zeit A-Juni­o­­ren), 1. Vor­sit­zen­der NAKU e.V. (im 9. Jahr), 1. Vor­sit­zen­der Bür­ger­ver­ein Zukunft Zepfen­han e.V. (im 3. Jahr – davon 2 Jah­re 2. Vor­sit­zen­der), Gemein­de­rat Stadt Rott­weil (im 5. Jahr), Ort­schafts­rat in Zepfen­han (im 5. Jahr).

Die par­al­le­len Funk­tio­nen kos­ten sehr viel Zeit und Ener­gie. Es blei­ben wenig Frei­räu­me für die Fami­lie und einen selbst. Der Antritt für den Gemein­de­rat und eine erneu­te Wahl hät­ten mich für wei­te­re fünf Jah­re gebun­den. Das Gemein­de­rats­amt beschränkt sich nicht nur auf die Sit­zun­gen im Rats­saal son­dern zieht wei­te­re Ter­mi­ne nach sich – Aus­schüs­se und Kom­mis­sio­nen, Frak­ti­ons­sit­zun­gen, Orts­­ver­­­band-Sit­zu­n­­gen, Bür­ger­ver­sam­lun­gen und so wei­ter.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren habe ich mich sehr stark für die Ort­schaf­ten und ihre Ver­ei­ne enga­giert – weit über das übli­che Maß hin­aus. Irgend­wann muss man „anfan­gen“ auf­zu­hö­ren, bevor es zu viel wird. Für den Ort­schafts­rat wer­de ich erneut antre­ten und auch die ande­ren Funk­tio­nen wer­de ich vor­erst behal­ten.

Wie sieht es mit Ihrem kom­mu­nal­po­li­ti­schen Enga­ge­ment bei den Grü­nen außer­halb des Gemein­de­rats aus?

Von Anfang an ist man mir auf allen Grü­­nen-Ebe­­nen freund­lich und auf Augen­hö­he begeg­net. Hier habe ich auch mei­ne poli­ti­sche Hei­mat gefun­den, weil das Gesamt­pa­ket stimmt. Ich füh­le mich nicht als Par­tei­sol­dat und muss nicht mit allem einig sein, was auf Lan­­des- und Bun­des­ebe­ne pas­siert. Nie gab es einen Frak­ti­ons­zwang. Ande­re Mei­nun­gen wur­den stets akzep­tiert. Wir waren immer frei in unse­ren Ent­schei­dun­gen – den­noch ergab es sich meis­tens, dass wir in die glei­che Rich­tung dach­ten.

Für die Gemein­­de­­rats-Wah­­len 2014 kam für mich nur die Grü­ne Lis­te als aus mei­ner Sicht „unver­brauch­te“ Lis­te in Fra­ge. Moti­va­ti­on war für mich, zumin­dest einen Draht in den Gemein­de­rat zu haben, der in der Ver­gan­gen­heit nicht vor­han­den war. Dass ich letzt­end­lich in den Gemein­de­rat ein­zie­hen wür­de, hat­te ich damals nicht erwar­tet. 

Der Orts­ver­band Grü­ne ist eine wich­ti­ge Stüt­ze für die Frak­ti­on. Ger­ne möch­te ich mich auch wei­ter­hin hier ein­brin­gen.

Was ist Ihr Fazit nach einer Peri­ode Stadt­rats­ar­beit?

Der Schritt über die Bür­ger­initia­ti­ve in den Gemein­de­rat war nicht ein­fach. Die Anfangs­zeit war auf­grund der His­to­rie schwer. Mit dem Gre­mi­um und dem Rats­saal ver­band ich kei­ne ange­neh­men Erleb­nis­se. Sicher war das auch umge­kehrt der Fall. Die Freu­de über „unse­re“ Wahl war sicher sehr über­schau­bar.

Über die Mona­te und Jah­re haben wir durch soli­de kom­mu­nal­po­li­ti­sche Arbeit bewie­sen, dass man mit uns arbei­ten kann. Die neue Grü­ne Frak­ti­on hat sich in den let­zen Jah­ren eta­bliert. 

Die Tätig­keit im Gemein­de­rat eröff­net Mög­lich­kei­ten, sich direkt ein­zu­brin­gen, Din­ge zu errei­chen und mit zu ent­schei­den. Es gab in den letz­ten Jah­ren meh­re­re gro­ße Ent­schei­dun­gen wie Turm, JVA, Hän­ge­brü­cke oder auch zur Gar­ten­schau.

Der städ­ti­sche Haus­halt sieht momen­tan gut aus – mit Blick auf die Anhe­bung der Hebe­sät­ze konn­te auch ich mei­nen Bei­trag dazu leis­ten.

Wäh­ler­stim­men erhielt ich vor­wie­gend von Neu­kirch und Zepfen­han. Eine Ver­tre­tung die­ser Ort­schaf­ten war für mich die Basis­mo­ti­va­ti­on. Stets war ich wach­sam und hat­te ein offe­nes Ohr für die Ort­schaft und die Ver­ei­ne. Wir haben Din­ge erreicht, die ohne Sitz im Gemein­de­rat nicht mög­lich gewe­sen wären – unter ande­rem die Wie­der­eröff­nung des Kin­der­gar­tens in Zepfen­han. Das Ver­hält­nis Stadt / Gemein­de­rat / Neu­kirch / Zepfen­han ist ein ande­res als vor fünf Jah­ren. Auch dazu habe ich ger­ne bei­getra­gen.

Es war eine gut inves­tier­te und lehr­rei­che Zeit, die ich nicht mis­sen möch­te. Ich möch­te nicht aus­schlie­ßen, dass ich irgend­wann wie­der antre­te.

Frank Sucker. Foto: pri­vat

Frank Sucker: „Für eine Wahl wäre ich dankbar”

NRWZ: In den 1980-ern waren Sie bereits für die Grü­nen im Rott­wei­ler Gemein­de­rat. Ist ein Rück­zug also wirk­lich nie­mals end­gül­tig und für immer?

Frank Sucker: Eine Rück­kehr war nie vom Tisch. Men­schen, die die Welt ein wenig ver­än­dern wol­len, ver­ges­sen im Eifer ger­ne, sich selbst zu ver­än­dern. Ich woll­te Neu­es pro­bie­ren. War seit damals aber stets kom­mu­nal­po­li­tisch aktiv: schrei­bend, in der Loka­len Agen­da, bei Grüns, beim Ent­wer­fen von Pro­jek­ten. Halt mehr „Back­stage“. Auch schön.

Was bewegt Sie aktu­ell zu dem Schritt, kom­mu­nal­po­li­tisch wie­der aktiv zu wer­den – und wel­che Chan­cen rech­nen Sie sich aus?

Es sind die­se beklem­men­den Zei­ten. Ich hat­te nie geglaubt, dass die Gespens­ter der Ver­gan­gen­heit wie­der auf­er­ste­hen: völ­ki­sches Den­ken, Natio­na­lis­mus, auto­ri­tä­re Poli­tik. Mein Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits wur­de durch die Nazis von Stutt­gart nach Rott­weil straf­ver­setzt, dann ins Exil getrie­ben. Die Nazi­bar­ba­rei war in mei­ner Kind­heit noch nah. All das präg­te und ich schwor schon als Jugend­li­cher, mei­nen beschei­de­nen Teil bei­zu­tra­gen, dass das nie wie­der­kehrt.

Mei­ne Chan­cen kann ich schwer ein­schät­zen. Natür­lich ken­nen jün­ge­re Leu­te mich nicht. Ich bin auch kein Netz­wer­ker. Bin freund­lich, mache aber bei nie­man­dem lieb Kind. Viel­leicht hat sich aber das, was ich eher im Ver­bor­ge­nen gemacht habe, doch irgend­wie her­um gespro­chen und fin­det Ach­tung. Womög­lich sogar bei Leu­ten jen­seits des grü­nen Milieus. Für eine Wahl wäre ich dank­bar. Brau­che sie aber nicht für mein Ego. Man kann auch außer­halb des Gemein­de­rats gestal­ten. Bin da ganz cool.

Wel­che neu­en The­men wol­len Sie expli­zit in Rott­weil ange­hen?

Vier Bei­spie­le: Ich habe das Pro­jekt einer „E-Bike-Model­l­­stadt“ Rott­weil im Kopf. Passt ide­al zur Topo­gra­phie, Alters­struk­tur und Grö­ße unse­rer Stadt. Wäre ein inno­va­ti­ves Allein­stel­lungs­merk­mal und ein Segen für unse­re belas­te­te Innen­stadt. Goo­geln Sie mal die­sen Begriff. Im Rah­men des Groß­pro­jekts Lan­des­gar­ten­schau wür­de ich dar­auf drän­gen, dass die­ses posi­ti­ve öko­lo­gi­sche Fuß­ab­drü­cke setzt in Bio­di­ver­si­tät, Mobi­li­tät, Kli­ma­schutz.

Was das „Muse­um“ angeht, fra­ge ich mich, ob die­ser Begriff nicht selbst muse­al ist. Ist es nicht pro­duk­ti­ver, über eine ech­te Begeg­nungs­stät­te nach­zu­den­ken, in der die Bür­ger­schaft – ange­regt durch wech­seln­de, span­nen­de Aus­stel­lungs­ob­jek­te – über unter­schied­li­che Rott­wei­ler Ver­gan­gen­hei­ten und mög­li­che Zukünf­te nach­denkt? Das auf der Höhe des digi­ta­len Zeit­al­ters?

Und dann hät­te ich ger­ne von Exper­ten unter­sucht, ob eine Seil­bahn als öffent­li­ches Ver­kehrs­mit­tel zwi­schen Bahn­hof und Innen­stadt nicht attrak­ti­ver ist als ein neu­er Ring­zug­halt mit ver­zwick­ten Umstei­ge­be­zie­hun­gen.

Und wel­che alten aus den 1980-ern sind aus Ihrer Sicht immer noch aktu­ell und ungelöst?

Damals hat­ten wir begon­nen, die Obe­re Haupt­stra­ße zu beru­hi­gen. War das noch ein Auf­re­ger! Jetzt geht’s um die his­to­ri­sche Innen­stadt. Die­ser fos­si­le Auto­ver­kehr belei­digt deren Pracht und Schön­heit. Tag für Tag. Und ver­lärmt sie noch in spä­ter Nacht. Damals hat­te ich einen guten Draht zu Sieg­fried Ret­tich, dem dama­li­gen Lei­ter der Stadt­wer­ke. Der führ­te unter Zutun ande­rer zur Aus­zeich­nung „Freie Ener­gie­stadt Rott­weil“. Die­se lässt sich heu­te mit altem Reichs­­stadt-Stolz neu deu­ten: dezen­tra­le Ener­gie­ver­sor­gung mit sola­ren Ener­gi­en. Schau­en Sie mal auf Rott­weils Dächer und Park­flä­chen: Was da noch brach liegt!

Sehen Sie die Grü­nen all­ge­mein im Auf­wind, auch etwa in Rott­weil und rech­nen Sie daher mit mehr Sit­zen für Ihre Par­tei in den kom­men­den fünf Jah­ren?

Umfra­gen sind wech­sel­haft wie’s April­wet­ter. Aber: Wir haben unter ande­rem mit Baer­bock, Habek oder Kret­sch­mann zug­kräf­ti­ge Men­schen vor­ne. Nach­denk­li­che, selbst­kri­ti­sche Geis­ter, die für Inhal­te bren­nen. Ohne aal­glat­te Poli­ti­ker­spra­che. Die mit neu­en Wor­ten neue Rea­li­tä­ten beschrei­ben kön­nen. Wäre schön, wenn die­ser Schwung auch uns Rott­wei­ler Grü­nen zugu­te kommt. Über­haupt wün­sche ich mir ange­sichts der Gefah­ren für unser Euro­pa und des auto­ri­tä­ren Drucks auf unse­rer Demo­kra­tie eine „poli­ti­sche­re“ Gemein­de­rats­wahl als frü­her. Da sind Par­tei­en ein­fach aus­sa­ge­stär­ker. Bie­ten mehr Ori­en­tie­rung als dif­fu­se Wäh­ler­ver­ei­ni­gun­gen.

Wer­den Sie zuguns­ten der Gemein­de­rats­sit­zun­gen und der Par­tei­ar­beit auf Ita­li­en­rei­sen ver­zich­ten?

In der Tat: Sel­ten bin ich dem Glück so nah wie beim Wan­dern auf ligu­ri­schen Höhen überm Meer. Das gebe ich nicht auf. Par­tei­ar­beit ver­nach­läs­si­ge ich selbst dort nicht dank Inter­net. Außer­dem han­delt es sich um Kurz­trips. Klap­pen sogar zwi­schen Sit­zun­gen. Der Weg ist kür­zer als nach Han­no­ver.