ArteM: 70 Leute gehen

ArteM: 70 Leute gehen

Das gibt es selten: Der Chef kündigt Entlassungen an und die Belegschaft klatscht. So geschehen Ende Juli bei ArteM, früher Möbel Moser in Waldmössingen. ArteM gehört zum Hülsta-Konzern, der ebenfalls seit Jahren in der Krise steckt.

SCHRAMBERG (him) – Um die noch 240 Leute zu verstehen, muss man wissen, dass im gewerblichen Teil seit mehr als zwei Jahren Kurzarbeit lief. Im kaufmännischen Bereich gab es Einschnitte beim Weihnachtsgeld. „Das war für alle unbefriedigend“, so IG Metallsekretär Stefan Prutscher zur NRWZ. Auch war der Schichtbetrieb in Waldmössingen eingestellt, um Kosten zu sparen. “Aber den Leuten hat die Schichtzulage gefehlt.“

Im Juli hatte der neue Chef Oliver Bialowons die Entlassungen angekündigt. Nach den Sommerferien verhandelten Betriebsrat, IG-Metall und Geschäftsleitung über einen Sozialplan, der jetzt unterschriftsreif vorliegt.

„Dramatisch schlecht“ sei die Auftragslage, berichtete der ArteM- Betriebsratsvorsitzende Dieter Birk. Seit Jahren und bei jeder Betriebsversammlung habe er als Betriebsrat die falsche Strategie der Hülsta-Gesellschafter kritisiert, doch die seien „stur ihren Weg gegangen.“ Nämlich statt einfacher Mitnahmemöbel im höherpreisigen Segment produziert. „Wir wurden Vollsortimenter“, so Birk. „Der Mitnahmemarkt ist aber kein teurer Markt. Wir brauchen die Masse.“

Doch statt Masse zu produzieren, ging auch die Produktivität in Waldmössingen wegen der Kurzarbeit stark zurück. Bei gleichbleibend hohen laufenden Kosten, die anfallen, „ohne dass ein einziges Möbelstück produziert wird“, wie Prutscher anmerkt.

Seit zwei Jahren wird bei ArteM schon kurz gearbeitet.
Seit zwei Jahren wird bei ArteM schon kurz gearbeitet.

In einem Gespräch mit der „Emstettener Volkszeitung“ erläuterte Bialowons Mitte August zum ArteM-Mutterkonzern hülsta: “Man hat in den vergangenen Jahren die Veränderungen des Marktes, in Hinblick auf Kapazitäten und deren notwendige Anpassung, nicht nachvollzogen.” Bis zum 30. Juni 2017 will er das Unternehmen aus den roten Zahlen bringen. Von den jetzt beschlossenen Entlassungen hätten nach Ansicht der IG Metall alle etwas: die Firma spare Kosten, diejenigen, die gehen müssen, bekommen eine Abfindung, und die übrige Belegschaft arbeite wieder Vollzeit.

Mit Oliver Bialowons hat das Unternehmen einen erfahrenen Sanierer bei ArteM. „Das war dringend notwendig“, so Birk. Und der hat denjenigen, die freiwillig das Unternehmen verlassen, eine „Sprinterprämie“ versprochen. Das habe bei etwa der Hälfte der Betroffenen gezogen, schätzt Prutscher: „Diejenigen, die noch nicht so lange in der Firma sind, können so noch etwas Geld mitnehmen.“

Dank der brummenden Konjunktur sind die meisten schon wieder in anderen Firmen untergekommen. Für die anderen gibt es übergangsweise eine Stelle in einer Transfergesellschaft, in der sie sich für eine neue Stelle weiterbilden können. Für die übrige Belegschaft bestehe die Hoffnung, dass der „turn around“ gelingt, so IG-Metallsekretär Prutscher. Allerdings sei der Möbelmarkt schwierig und: „Wenn die jahrelang Sch… gebaut haben, baut sich das nicht in einem halben Jahr wieder auf.“

Nach sachlichen Verhandlungen sei der Vertrag unterschriftsreif, betont Prutscher: „Das Ding ist gschwätzt. Die Leute sind zufrieden.“ Und darum gab es Beifall.

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 29. September 2015 von NRWZ-Redaktion Schramberg. Erschienen unter https://www.nrwz.de/wirtschaft/artem-70-leute-gehen/99247