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Dienstag, 25. Februar 2020

Bruker-Spaleck: Doppelte Feier in Hardt

Kern-Liebers Chef Schnell wird 60 / Bruker-Spaleck in neuer Halle

HARDT/SCHRAMBERG (him) – Was ist der Kompromiss von „groß feiern“ und „gar nicht feiern“? Zweifach feiern. Schrambergs Ehrenbürger Dr. Hans-Jochem Steim erklärte so, wie er auf die Idee gekommen war, sowohl den 60. Geburtstag des Vorstandsvorsitzenden von Kern-Liebers, Dr. Udo Schnell, und die Einweihung der neuen Fabrik von Bruker-Spaleck, einem Kern-Liebers-Tochterunternehmen, in Hardt gemeinsam zu feiern.

Steim wollte Schnells Geburtstag unbedingt feiern, Schnell gar nicht. So sei das Doppelfest nun der Kompromiss. Schnell erwiderte, wer Steim kenne, wisse, dass in „manchen Dingen mit ihm nur schwer zu reden“ sei. „In diesem Fall war wehren zwecklos.“

Gut so, denn es wurde ein informativer und anregender Festmittag mit Gästen aus den Kern-Liebers-Firmen, vom Betriebsrat, aus der Nachbarschaft, aus der Gemeinde Hardt, den Familien Bruker und Schnell und natürlich aus den Gesellschafterfamilien Steim und Drosten.

In seiner Laudatio begann Steim mit einem Zitat aus der FAZ aus dem Jahr 1956, Schnells Geburtsjahr. Damals schrieb die Zeitung über „Halbstarkenkrawalle auf öffentlichen Plätzen“, die „eine Gefahr für die Gesellschaft“ darstellten, und malte Deutschlands Zukunft in schwarzen Farben. Schnell, in Köln geboren, sei als Sohn eines hohen Bundeswehroffiziers in seiner Jugend oft umgezogen, habe nach dem Abitur und zwei Jahren Bundeswehr BWL studiert, promoviert und habe -„wie es sich für einen Schwaben gehört“ – beim Daimler angefangen.

Nach vielen Jahren in der Zentrale sei Schnell in Mexiko und Portland in den USA für Daimler tätig gewesen und nach weiteren Managerstationen 2010 zu Kern-Liebers gekommen. „Nach fünf CEOS der erste nicht aus der Familie“, wie Steim anmerkte.
„In Schramberg arbeiten Sie nicht nur“, wandte er sich an den Jubilar und spielte auf dessen Appell zu einer Stadtbildverschönerung vor einem Jahr an, „sondern Sie räumen auch in der ganzen Stadt auf.“ Schnell habe auf seine charmante Art auf die Schandflecken in der Stadt aufmerksam gemacht.

Hardts Bürgermeister Herbert Halder versicherte, es „erfreut das Herz eines Bürgermeisters, wenn sich etwas bewegt.“ Deshalb habe er in einer konzertierten Aktion mit Steim dafür gesorgt, dass das Unternehmen das erforderliche Grundstück für den Neubau kaufen und rasch bauen konnte.

Schnell freute sich, dass nach etlichen Eröffnungen im Ausland nun auch in der Nähe des Heimatstandorts ein neues Werk zu eröffnen. Das geschehe ja „eher selten.“ Wegen der „sehr schmerzlichen Anpassungsprozesse in der Photovoltaikindustrie“ habe auch Bruker-Spaleck „mit hoher Flexibilität“ reagieren müssen und marktfähige Produkte außerhalb der PV-Industrie entwickelt. Er erwarte, dass man eines Tages sagen könne, „diese mutige unternehmerische Entscheidung hat sich gelohnt“, so Schnell.

Die Chefin von Bruker-Spaleck, Susanne Bruker, sah in dem neuen Werk die Möglichkeit, alles an einem Standort zu haben. Der Neubau sei von der Firma Fichter Industriebau „in Rekordzeit“ errichtet worden. Der Zeitplan der Firma sei „extrem gut“ eingehalten worden, sodass die Firma wie geplant am 14. Dezember von der Schramberge Berneckstraße aufs Hardt umziehen konnte, und sie „noch vor Weihnachten die ersten drei Linien wieder laufen lassen“ konnte.

Das Unternehmen erwirtschaftet an den drei Standorten Hardt, Bocholt und Taicang in China weltweit einen Umsatz von etwa 30 Millionen Euro und beschäftigt 155 Mitarbeiter. Neben Kupfer-Spezialdrähten für die PV-Industrie produziert Bruker-Spaleck auch Flach-Drähte aus Stahl und künftig vermehrt auch aus Aluminium. Pro Jahr werden etwa 400.000 Kilometer Flachdrähte auf den Bruker-Spaleck Maschinen gefertigt. Das entspricht in etwa der Entfernung von der Erde zum Mond. Wie wichtig in ihrem Spezialbereich das Unternehmen ist, verdeutlichte Susanne Bruker in ihrer Rede: „Etwa jede zweite PV-Anlage in Deutschland enthält unsere Flachdrähte.“

Ihr Vater, Walter Bruker, erinnerte an die Geschichte des 1982 gegründeten Unternehmens. Damals habe die Familie beschlossen, die in Insolvenz geratene Spiralfedernfabrik Pfaff und Schlauder zu übernehmen. Er habe bald die Produktion auf Flachdrähte umgestellt. Nach der Übernahme 2005 durch Kern-Liebers sei das Unternehmen Dank des Solarbooms stark gewachsen.

Bei einem Rundgang durch die verschiedenen Abteilungen konnten die Besucher beobachten, wie aus dem Runddraht als Ausgangsmaterial durch Ziehen, Walzen und Glühen schließlich der Flachdraht entsteht. Dabei, so Susanne Bruker, ist besonders das auf Spulen Aufwickeln der extrem dünnen Drähte für die Kunden besonders wichtig: Nur wenn die Drähte problemlos „abgespult“ werden können, läuft die Fertigung. Um das zu gewährleisten, habe ihr Unternehmen mit einer Firma aus Mönchweiler aufwändige Transportbehälter entwickelt.

Und eine gute Nachricht hatte Susanne Bruker noch: Der Standort Deutschland werde zunehmend wieder konkurrenzfähig im Vergleich zu China. Wenn man Transporte, Zölle und Zeit hinzu nehme, sei die Produktion hier für den europäischen Markt günstiger.

 

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