„Brutale Dynamik“, fehlende Teile – Handwerk dennoch stabil

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REGION ROTTWEIL. Der militärische Konflikt in der Ukraine, die explodierenden Energiekosten, die starken Inflationstendenzen und angekündigten Preissteigerungen, die es in diesem Umfang seit Jahrzehnten nicht gegeben hat, lassen bei den Handwerksbetrieben die Hoffnung auf ein konjunkturell „sehr gutes“ Jahr 2022 schwinden. Zudem setzte den Betrieben im Kammerbezirk in den vergangenen Wochen auch der Personalmangel angesichts der hohen Omikron-Infektionszahlen zu. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz zeigt sich das Handwerk im Kammerbezirk Konstanz zuversichtlich, denn die weiterhin stabile Nachfrage nach Bauleistungen und die Erholung der Dienstleistungsbranche stimmen positiv.

Mit Sorge, zugleich aber auch Zuversicht, blickt Kammerpräsident Werner Rottler auf die nächsten Monate: „Es sah zunächst so aus, als ob unsere Betriebe nach dem Wegfall der strengen Corona-Verordnungen endlich wieder aufatmen und durchstarten können, und nun kommen gleich die nächsten Herausforderungen auf sie zu. Wir erleben ein Wechselbad der Gefühle“, so der Präsident.

Obwohl die Corona-Pandemie die Betriebe Anfang des Jahres noch immer fest im Griff hatte, war der Jahresauftakt besser als noch im vergangenen Jahr, geht aus dem Konjunkturbericht für das erste Vierteljahr hervor. 46,6 Prozent der Befragten hatten die derzeitige Geschäftslage mit „gut“ bewertet, weitere 38,5 Prozent mit „befriedigend“, und lediglich 14,9 Prozent mit „schlecht“. Die Einschätzung vor einem Jahr war noch deutlich schlechter ausgefallen.

Sorgenvoll blicken allerdings viele Betriebe auf die gestiegenen Einkaufspreise in fast allen Bereichen. Mehr als zwei Drittel der Betriebe im Bauhauptgewerbe geben an, dass die Preise im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen sind und 87,5 Prozent befürchten einen weiteren Anstieg. Gleiches gilt für die KFZ Branche.

„Vor allem Stahl, Aluminium, Kunststoffe oder Dämmmaterial sind extrem teuer geworden. Manche Materialien oder Vorprodukte sind kaum mehr zu kriegen,“ berichtet Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz. Umso wichtiger sei es, dass bei Bundes- und Landesausschreibungen nun Preisgleitklauseln und Ausnahmeregelungen genutzt werden sollen, so Hiltner. Die Situation erfordere es, dass alle Verständnis füreinander aufbringen müssten.

Die aktuellen Unsicherheiten und Inflationstendenzen trüben zwar die Stimmung. Dennoch zeigt sich die Auftragslage weitgehend stabil. Zu diesem Schluss kommt die Handwerkskammer Konstanz.

33,8 Prozent der Betriebe gaben an, dass ihre Auftragsbücher für mehr als zwölf Wochen gefüllt sind. Im Bauhauptgewerbe ist dies sogar bei 73,33 Prozent der Fall, im Ausbaugewerbe bei 48 Prozent.

Als „günstiger“ als im von Corona geprägtem Vorjahresquartal wird von den befragten Betrieben die Umsatzentwicklung beschrieben. 22,6 Prozent meldeten Umsatzsteigerungen, im Vorjahresquartal waren es lediglich 15,1 Prozent. Umsatzeinbußen beklagen 37,1 Prozent, im Vorjahr waren dies 49,1. Auch hier sieht es nach Entspannung aus.

In puncto Personal setzen die Betriebe für die nächsten Monate laut der Umfrage auf Stabilität. Die Mehrzahl der Betriebe im Kammerbezirk Konstanz, das sind 86,6 Prozent, will den Personalbestand belassen, wie er ist. Trotz der besonderen Situation haben immerhin 8,2 Prozent eine Aufstockung angekündigt. „Auch für Auszubildende gibt es im Handwerk nachhaltig gute Perspektiven,“ ist sich Kammerpräsident Werner Rottler sicher.

Einen detaillierten Konjunkturbericht zum ersten Quartal finden Sie unter www.hwk-konstanz.de/konjunktur

Stimmen zur aktuellen Situation:

Daniel Link, Obermeister der Bäckerinnung Tuttlingen-Rottweil

Es gibt bei uns im Bäckerhandwerk gerade eine brutale Dynamik. Durch die Bank sind alle Produkte teurer geworden, das fängt beim Mehl an. Aber auch Fette – Butter und Öle – sowie Verpackungsmaterial und Servietten sind um 60 bis 70 Prozent gestiegen. Wenn man zum tagesaktuellen Preis Mehl bezieht, zahlt man momentan das Doppelte. Gut fährt, wer langfristige Verträge mit den Mühlen abgeschlossen hat, die ihm stabile Preise sichern. Grundsätzlich halte ich es für problematisch, dass Getreide an der Börse gehandelt wird. Wir hätten ja genug im Land und sollten auf regionale Versorgungsnetzwerke bauen.

Was die Energiekosten anbelangt, so schlagen diese bei uns im Bäckerhandwerk natürlich auch durch. Meine Backöfen laufen mit Ökostrom. Einerseits freue ich mich, dass die EEG-Umlage sinkt, aber gleichzeitig steigt der allgemeine Strompreis. Auch die gestiegenen Benzinkosten machen sich bei uns bemerkbar, denn wir liefern unsere Waren ja auch aus.

Die Corona-Pandemie scheint für viele vorüber, wir haben wegen Corona-Infektionen aktuell allerdings so viele Personalausfälle wie nie zuvor. Einige Kollegen mussten aus diesem Grund bereits ihre Öffnungszeiten anpassen. Positiv ist, dass der Bäcker wieder mehr geschätzt wird und die Leute eher vor Ort einkaufen – das mag eine Folge der Pandemie sein, vielleicht liegt es auch an den gestiegenen Benzinkosten. 

Ralf Rapp, Obermeister der Elektroinnung Rottweil:

Wir hätten im Handwerk gerade goldene Zeiten, wenn es nicht die Lieferengpässe und den Fachkräftemangel gäbe. Aber die bescheidene Fachkräfteauswahl, bescheidenen Materialflüsse und Preissteigerungen ohne Ende sind alles andere als rosig. Wir sind 13 Leute im Betrieb, haben die Auftragsbücher voll bis mindestens Ende September, können aber keine Baustelle wirklich abschließen, weil immer irgendwelche Teile fehlen. Für Speicher betragen die Lieferzeiten derzeit 40 bis 60 Wochen. Dabei könnten wir jede Woche gut fünf Fotovoltaik-Anlagen verkaufen.

Wir müssen zudem auch unsere geleasten Autos übernehmen, da wir andere Fahrzeuge nicht bekommen am Markt – nicht mal gebrauchte. Das ist wirklich ein Drama. Aber es gibt auch Positives zu berichten: Das Handwerk wird wieder mehr hofiert und vor allem honoriert.

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