Eine Million Euro in einer Woche?

Internet: Online-Broker locken mit Promis mutmaßlich Leichtgläubige zum Zocken

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Aktuelle Werbung auf der NRWZ-Facebook-Seite.

Inner­halb von einer Woche eine Mil­li­on Euro ver­die­nen? Klingt ver­lo­ckend. Geschafft hat das Frank Bau­er. Oder heißt er Jonas Schä­fer? Jeden­falls behaup­ten es die bei­den im Inter­net. Wer der Geschich­te nach­geht, trifft auf eine „ange­piss­te“ Car­men Geis­sen und jede Men­ge Fir­men mit Sitz in Zypern.

Pro­mi Ent­hül­lung“ schreit uns eine Inter­net­schlag­zei­le ent­ge­gen. Dar­über das Bild der Geis­sens, die mit ihrem Reich­tum im Pri­vat­fern­se­hen prot­zen. Dar­un­ter die ban­ge Fra­ge: „War alles nur gelo­gen?“ Und das Ver­spre­chen: „Jetzt packt sie aus!“

Ein Promi packt aus”

Wer die­se Anzei­ge – auch auf der Face­book­sei­te der NRWZ – fand und ange­klickt hat, bekam bis vor weni­gen Tagen eine Inter­net­sei­te einer angeb­li­chen Zeit­schrift „Pro­mis-aktu­ell“ zu sehen. Da fan­den sich die gan­zen Rubri­ken: Start­sei­te, News, Life­style …Täu­schend echt. Nur beim Ankli­cken tat sich nichts. Auf der gan­zen Web­site fand sich nur ein ein­zi­ger Arti­kel: „Ein Pro­mi packt aus: So ver­die­nen die deut­schen Pro­mis tat­säch­lich ihr Geld.“

Eine angeb­li­che Repor­te­rin namens Sas­kia Bau­er will die „Geis­sens“ aus der RTL2-Show getrof­fen und inter­viewt haben. In die­sem Inter­view emp­fiehlt Robert Geiss eine Metho­de, um reich zu wer­den: „Der Knal­ler ist ja wirk­lich, dass man kei­ne Ahnung haben muss, wie der Han­del an der Bör­se funk­tio­niert. Das machen die Pro­fis für dich. Es ist wie ein Face­book nur zum Geld ver­die­nen. Du kannst dort die erfolg­reichs­ten Tra­der welt­weit mit nur einem Klick kopie­ren.“ Es wun­de­re ihn, dass nicht noch viel mehr Leu­te in Euro­pa davon gehört hät­ten, wird Geiss zitiert. Und direkt nach dem angeb­li­chen Inter­view mit Geiss folgt die „Schritt für Schritt Anlei­tung zum Geld ver­die­nen.“

Mit „Copy Trading” reich werden?

Das schein­ba­re Wun­der­mit­tel heißt Copy Tra­ding. Was das ist, beschreibt bei Money Focus (25. Juni 2014) Yoni Assia, der Grün­der der Platt­form eTo­ro: „Mit­glie­der unse­res Netz­werks tau­schen Infor­ma­tio­nen aus, doch wer­den, wie in jedem sozia­len Netz­werk auch, Bezie­hun­gen zwi­schen den Men­schen geknüpft, sodass sie die Tra­des des ande­ren tei­len, bewer­ten, dis­ku­tie­ren oder in Echt­zeit kopie­ren.“ ETo­ro ist einer von einer Hand­voll Anbie­tern im Inter­net, nach eige­nen Anga­ben aber „Vor­rei­ter für das Kon­zept des Soci­al Tra­ding und Inves­ting mit den hoch­ent­wi­ckelts­ten Tra­ding-Platt­for­men der Welt“.

Assia erläu­tert bei Focus Money, die eTo­ro-Kun­den könn­ten auf sei­ner Platt­form das direk­te Copy-Tra­ding betrei­ben „also das Kopie­ren des Anla­ge­ver­hal­tens beson­ders erfolg­rei­cher Tra­der“. In dem Inter­view wirbt Assia für eTo­ro – kri­ti­sche Fra­gen wer­den ihm bei Focus Money anschei­nend nicht gestellt.

Zieht eToro Kleinanlegern Geld aus der Tasche?

Das hat­te im Jahr zuvor die Sen­dung Wiso im ZDF getan – und eTo­ro kri­ti­siert. Das Unter­neh­men ver­spre­che in sei­nen Wer­be­spots „ahnungs­lo­sen Klein­an­le­gern das Blaue vom Him­mel“. eTo­ro zie­he Klein­an­le­gern das Geld aus der Tasche, die die Aus­sicht auf den schnell ver­dien­ten Euro anlo­cke. Die angeb­li­chen Pro­fi-Händ­ler, die eTo­ro vor­stel­le, hät­ten in Wirk­lich­keit kei­ne Ahnung, sagt in dem ZDF-Bei­trag einer der Geprell­ten. Kei­ner der eTo­ro-Händ­ler benö­ti­ge die sonst übli­che Bör­sen­zu­las­sung, kri­ti­sier­te Wiso.

Einer der Händ­ler erklärt dem ZDF-Jour­na­lis­ten nach des­sen Anga­ben am Tele­fon, sei­ne Auf­ga­be sei gewe­sen, die Kun­den „so lan­ge bei der Stan­ge zu hal­ten, bis sie auch ihr letz­tes Geld aus­ge­ge­ben haben.“ Vor der Kame­ra aller­dings woll­te er dann offen­bar doch nicht aus­sa­gen. Zu viel Geld stün­de für ihn auf dem Spiel, hieß es in der Sen­dung. Für die NRWZ nicht nach­prüf­bar.

Mehrere Anbieter im Netz

Neben eTo­ro tum­meln sich wei­te­re Unter­neh­men im Netz, die Copy-Tra­ding anbie­ten: Copyop, any­op­ti­on, ayon­do oder Zulut­ra­de. Ange­sie­delt sind die Fir­men etwa in Zypern wie eTo­ro, any­op­ti­on und copyop oder wie Zulu­trade in Grie­chen­land, ayon­do arbei­tet von Groß­bri­tan­ni­en aus. Es scheint: Damit hat die deut­sche Bör­sen­auf­sicht kei­ne Kon­trol­le über sie.

eTo­ro wirbt im Inter­net über sei­ne eige­ne Sei­te. Es gibt aber auch eine Rei­he von ande­ren Home­pages, die zu eTo­ro lei­ten. Klickt man bei­spiels­wei­se betrugstest.com an, poppt gleich eine eTo­ro-Anmel­dung auf. Das­sel­be pas­siert bei www.onlinebetrug.net.

Frank Bauer: „Unglaubliche 1.075.235€”

Der Anbie­ter any­op­ti­on hat die Geschich­te mit den Geis­sens ent­wi­ckelt. Wer von der Face­book­sei­te über promis-aktuell.net kam, konn­te bis vor kur­zem ein Bild mit Robert Geiss vor einem teu­ren Auto auf einer angeb­li­chen Zeit­schrif­ten­sei­te fin­den: „Star News5“.

Star News5 Screen­shot: him

Der Repor­ter heißt hier Frank Bau­er und macht sich dem Anschein nach gleich selbst reich, wie er in sei­nem Tage­buch schreibt: „Der end­gül­ti­ge Betrag mei­nes Kon­to wies unglaub­li­che 1.075.235€ auf. Ja, das ist rich­tig, ich habe über 1 Mil­li­on Euro ver­dient! Und das in MEINER ERSTEN WOCHE.“ Dar­un­ter ein Link zu any­po­ti­on.

Die Wirk­lich­keit scheint anders aus­zu­se­hen – jeden­falls, wenn man dem User ‚AZ‘ glaubt: In einem Blog zum Geld­ver­die­nen im Inter­net schreibt die­ser Anony­mus zu sei­nen vor­geb­li­chen Erfah­run­gen mit dem Copy-tra­den: „Es ist ein rela­tiv teu­res Glücks­spiel. Mein Freund und ich haben das auch aus­pro­biert und am ers­ten Tag nach Ein­satz von 200€ etwa 80€ gewon­nen. Dann denkt man natür­lich erst mal ‚super, das funk­tio­niert ja echt!‘ So, und am nächs­ten Tag läuft das nicht mehr so gut. Und wenn man dann mal einen Trend erkennt und dar­auf setzt, gibt es plötz­lich ‚tech­ni­sche Stö­run­gen‘ und nix geht mehr … Auf die­se Wei­se war die Koh­le bin­nen 2 Tagen weg.“ Sein Rat: „Also: Fin­ger weg von den Copy Tra­dings!“ Ob es sich um einen Ein­zel­fall han­delt – unklar.

Die Geissens geben sich „angepisst”

Auch die Geis­sens geben sich „ange­pisst“, wie Car­men Geiss in der Online-Aus­ga­be der BILD erzählt: „Da wird von einer betrü­ge­ri­schen Ban­de ille­gal mit unse­rem Namen gewor­ben. Das ist Ver­ar­sche unse­rer Fans.” Eine Anzei­ge bei der Staats­an­walt­schaft wegen Ver­sto­ßes gegen das Kunst­ur­he­ber­recht sei aller­dings ohne Erfolg geblie­ben, weil die Täter nicht fest­stell­bar gewe­sen sei­en, heißt es wei­ter.

Pro­mi Delu­xe screen­shot: him

 

Die Copy-Tra­de-Wer­ber von any­op­ti­on haben Robert Geiss als angeb­li­chen Gewährs­mann mitt­ler­wei­le getilgt: Die Zeit­schrift heißt jetzt „Pro­mi de Luxe“, die „Repor­te­rin“ wie­der Sas­kia Becker. Aller­dings wer­ben die Anbie­ter immer noch mit einem Bild und einem You­tube-Video der Geis­sens: Im Text steht aber nur noch etwas von einem „Deut­schen namens Jonas Schä­fer“. Der steht an der Gang­way zu einem Pri­vat­jet, davor ein Mer­ce­des. Schä­fer habe das Copy-Tra­ding aus­pro­biert und dar­über ein Tage­buch ver­fasst, ver­si­chert der „Pro­mi de Luxe“-Text.

Jonas Schäfer: „Unglaubliche 1.075.235,50 €”

Und am sieb­ten Tage, berich­tet Jonas Schä­fer, sein Kon­to „wies unglaub­li­che 1.075.235,50 € auf. Ja das ist rich­tig, ich habe über 1 Mil­li­on € ver­dient. Und das in MEINER ERSTEN WOCHE.“ Genau wie bei „Star News5“- Repor­ter Frank Bau­er. So ein Zufall. Eigent­lich klar: Wer den Link anklickt, lan­det bei – any­op­ti­on.

Screen­shot: him

 

Info

Gebrannte Kinder

Copy Tra­ding sei „eigent­lich nichts Neu­es“, sagt der Wert­pa­pier­ex­per­te einer regio­na­len Genos­sen­schafts­bank. Er ver­mu­tet, dass hin­ter man­chen der im Inter­net kur­sie­ren­den Model­le ech­ter Betrug steckt. Ähn­li­ches habe es schon mit soge­nann­ten Pen­ny-Stocks gege­ben. Händ­ler kau­fen prak­tisch wert­lo­se Papie­re, die illi­qui­de sind. Der Kurs steigt dar­auf­hin. „Dann drü­cken sie ihre Kun­den dort rein, die Kur­se stei­gen extrem, der Händ­ler geht raus, macht Kas­se und der Kurs bricht ein“, erläu­tert der Fach­mann der NRWZ. „Den letz­ten bei­ßen die Hun­de.“

Aber auch bei den, wie er sie nennt, halb­se­riö­sen Copy-Tra­de Ange­bo­ten gin­gen die Teil­neh­mer „exor­bi­tan­te Risi­ken“ ein, glaubt der Wert­pa­pier­fach­mann. „Wel­chen Händ­ler kopie­ren die Kun­den? Den mit fünf oder den mit 50 Pro­zent Gewinn?“ Logisch, so der Wert­pa­pier­spe­zia­list, den mit den hohen Gewinn­ver­spre­chen. „Das mag eine Wei­le gut gehen mit solch hohen Risi­ken. Aber irgend­wann holt Sie der Markt ein und bestraft die Risi­ko­po­si­ti­on.“ Anders als bei Wert­pa­pier­fonds hät­ten Copy-Tra­der etwa nie die Gewiss­heit, dass der Händ­ler tat­säch­lich die Papie­re auch kauft. Das Gan­ze erin­ne­re ihn an die alten Schnee­ball­sys­te­me: „Eine Wei­le wer­den Gewin­ne bezahlt – und dann implo­diert das Gan­ze.“

Auch bei sei­ner Bank mel­de­ten sich gele­gent­lich meist jün­ge­re Leu­te, die beim Copy-Tra­ding Geld ver­lo­ren hät­ten. Das Per­fi­de, sagt er: Es gehe dabei um nicht all­zu hohe Beträ­ge. „500 bis 1000 Euro Ver­lust ver­schmer­zen die Leu­te. Bevor sie gegen eine Fir­ma auf Zypern kla­gen, neh­men sie den Ver­lust als Lehr­geld hin.“ Das Pro­blem für seriö­se Ban­ken sei, dass die Geschä­dig­ten kaum noch für Wert­pa­pier­ge­schäf­te zu gewin­nen sei­en, so der Wert­pa­pier­händ­ler: „Gebrann­tes Kind scheut das Feu­er.“