Freud und Leid in der Politikberatung – das Beispiel der Fachkräfteeinwanderung

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Die stets gute Laune von Ramona Shedrach kann für Außenstehende manchmal überraschend sein. Was sie an ihrer Arbeit begeistert? „Ich verbinde Menschen über große Distanzen. Früher trennten Berge und Ozeane und erschwerten die Mobilität. Die sind heute kein Hindernis mehr. Sie wurden aber ersetzt durch Formulare und Zertifikate.“ Die Referentin bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwarzwald-Baar-Heuberg berät und unterstützt Unternehmen, wenn sie Fachkräfte aus dem Ausland beschäftigen wollen, wie die IHK berichtet.

Region. Die Warteliste, um ihren kostenlosen Service in Anspruch zu nehmen: lang. Für die Unternehmen gleiche die Einstellung aus Drittstaaten der Alpenüberquerung Hannibals: „Sie müssen nach Rom, sie brauchen die Fachkräfte. Doch der Weg ist und bleibt mühsam.“

Erleichterung versprach das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz, kurz FEG. Auch Ramona Shedrach setzte ihre Hoffnungen darin: „Wir haben uns als IHK stark in den Gesetzgebungsprozess eingebracht. Regelmäßig wenden sich Betriebe für Unterstützung an uns. Darunter sind viele kleine Unternehmen, deren HR-Abteilung besteht aus dem Chef, der gleichzeitig auch für das Marketing und die Unternehmensstrategie zuständig ist. Auch sie spüren den Fachkräftemangel. An diesem fiktiven Unternehmen sollte sich die Gesetzgebung orientieren.“

Erst vereinfacht

Das IHK-Engagement zeigte Früchte: So wurde etwa auf die Vorrangprüfung in der Ausbildung verzichtet. Bislang mussten Unternehmen bei der Arbeitsagentur die Freigabe einholen, dass die Stelle nicht durch eine Person auf Arbeitssuche besetzt werden kann. Ebenso begrüßenswert ist es, dass Fachkräfte künftig über die Erfahrungssäule, also ohne eine förmliches Anerkennungsverfahren, einreisen und eingeschränkt arbeiten können. War das also der Durchbruch in der Fachkräfteeinwanderung?

Ramona Shedrach zeigt auf einen Stapel Papier auf ihrem Schreibtisch: „Mit Übersetzungen, Vollmachten und Zeugnissen kann ein Antrag schon mal einen Zentimeter dick werden. Klar, ganz ohne Bürokratie geht es nicht. Aber nach einer aktuellen Studie würde jede vierte ausländische Fachkraft den Einwanderungsprozess abbrechen, wenn er sich länger als ein Jahr hinzieht. Bei dieser Dauer ist man schneller, als man denkt.“

Die IHK-Expertin bezieht sich auf die OECD-Studie „Your way to Germany“. Diese läuft über knapp zwei Jahre und begleitet 30.000 Einreisewillige auf ihrer Reise. Die zweite Befragungswelle im Frühsommer 2023 zeigt: nur vier Prozent der Befragten hatten es innerhalb von sechs Monaten nach Deutschland geschafft, obwohl sie damals bereits erste Schritte unternommen hatten. 30 Prozent haben Probleme, die deutschen Einreisebestimmungen zu verstehen, ebenfalls ein Drittel wartet mindestens vier Monate auf ihr Visum in einer deutschen Botschaft.

„Ich würde Betrieben und ausländischen Fachkräften gerne einen einfachen Zeitstrahl an die Hand geben können. Eine Seite, auf der alle Informationen enthalten sind, was wann wo zu tun ist“, so Ramona Shedrach. „Doch das ist ein Ding der Unmöglichkeit, dafür ist der Prozess zu unübersichtlich. Es gibt zu viele Ausnahmen und Sonderregelungen. Da wird auch das neue FEG nicht viel daran ändern.“

…und dann wieder alles verkompliziert

Im Laufe des Gesetzgebungsverfahrens wurden wie so oft gute Ansätze durch Kompromisse der Parteien oder den deutschen Anspruch, alle Einzelfälle zu regeln, verkompliziert. Ein Vorgang, den die IHK nur allzu oft beobachtet, zuletzt bei den Energiepreisbremsen. Die Gesetzesänderung hätte zweifellos zu Verbesserungen geführt.

Doch zentrale Baustellen bestehen weiterhin: So seien zu viele Behörden, die personell unzureichend aufgestellt sind und miteinander kommunizieren müssen, in den Prozess involviert. Der Migrationsprozess sei nicht aus Sicht der interessierten Fachkraft, sondern nach behördlichen Zuständigkeiten erstellt worden, so das IHK-Fazit.

IHK: Wir brauchen Fachkräfte

IHK-Präsidentin Birgit Hakenjos mahnt deshalb an: „Dieses Jahr sind uns wegen fehlender Fachkräfte nach IHK-Berechnungen 90 Milliarden Euro an Wertschöpfung entgangen, jeder zweite Betrieb konnte nicht alle seine Ausbildungsstellen besetzen. Die Zeiten des Klein-Kleins und der Ankündigungen sind vorbei – der Wirtschaftsstandort braucht wieder neuen Schwung.“

Auf die Frage, ob es mehr Experten wie sie bräuchte, kann Ramona Shedrach nur mit den Schultern zucken: „Aktuell ist die Antwort ganz klar: ja. Der bessere Weg wäre jedoch, die Prozesse regulatorisch massiv zu verschlanken, vielleicht sogar einmal komplett neu und medienbruchfrei digital aufzusetzen.“

Dann könnten Expertinnen wie sie sich darauf konzentrieren, ausländische Fachkräfte in regionale Betriebe einzugliedern. Denn wenn die Menschen mit Stempel und Siegel im Land sind, ist der Prozess der Migration noch lange nicht abgeschlossen.

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