OBERNDORF / GLATT (him) – Was war das jetzt? Der Chef von Heckler und Koch stellt sich vor eine Fernsehkamera und spricht in Journalistenaufnahmegeräte? Der Chef eines Unternehmens, das sich bislang völlig gegen die Presse abgeschottet hatte. Heckler und Koch, der Waffenhersteller aus Oberndorf. Noch Minuten danach wollen die drei am Interview beteiligten Journalisten das nicht so recht glauben. Und das nach diesem Beginn:

Von der Öffentlichkeit weitgehend verborgen hatte die Aktiengesellschaft Heckler und Koch zur Aktionärsversammlung in ein Hotel und Café im idyllischen Sulz-Glatt eingeladen. Etwa zehn Kilometer vom Firmensitz entfernt. Abgeschieden in einem Raum im Souterrain. Geladen waren nur die Aktionäre.

Und das hatten sich sieben Heckler-und-Koch-Kritiker zunutze gemacht und Aktien des Unternehmens gekauft: Der Rüstungskritiker Jürgen Grässlin, der Filmemacher Wolfgang Landgraeber, der katholische Pfarrer Alexander Schleicher aus Villingen-Schwenningen, die Friedensaktivisten Stefan Möhrle, Dr. Helmut Lohrer, Magdalena Friedel und der Verleger Thomas Carl Schwoerer waren so zu einer Einladung gekommen.

Gut bewacht: der Tagungsort in Sulz-Glatt. Foto: him

Gut gebaute Männer in schwarzen Anzügen

Um 10 Uhr, Hotel Züfle, Sulz-Glatt. Alle anderen müssen draußen bleiben. Junge, gut gebaute Männer in schwarzen Anzügen und schwarzen Krawatten achten darauf, dass niemand dem Tagungsort zu nahe kommt: „Die Öffentlichkeit ist nicht zugelassen, das Gelände ist privat und darf nicht betreten werden.“ Die dunklen Herren beobachten jeden Schritt der kleinen Journalistenschar vor Ort.

Die Vorhänge des Hauses sind zugezogen, die Jalousien heruntergefahren. Nur die Speisekarte mit „Vitello Tonnato vom Kalb“ zu 10.80 Euro bleibt sichtbar. Gelegentlich kurvt ein Streifenwagen der Polizei am Tagungsort vorbei, doch nichts tut sich. Alles friedlich in Glatt. Die Security-Leute vertreiben sich die Zeit, und langsam lockert sich die Stimmung. „Hat der Chef sie dazu verdonnert, den ganzen Tag hier rumzustehen“, fragt einer einen Journalisten. „Ich bin mein eigener Chef.“ – „Ha no.“

Der Hörfunkkollege sendet seinen ersten Beitrag vom Laptop aus: Bei der Aktionärsversammlung gehe es hauptsächlich um eine Kapitalerhöhung um 50 Millionen Euro durch den Hauptaktionär Andreas Heeschen. Und die Kritiker hätten dem Vorstand etwa 50 Fragen gestellt. Heckler-und-Koch-Chef Norbert Scheuch habe ausrichten lassen, er werde nicht zu Interviews bereit stehen.

Heeschen, das spricht sich schnell rum, ist nicht anwesend. Er lässt sich vertreten.

Die sieben kritischen Aktionäre (von links): Jürgen Grässlin, Wolfgang Landgraeber, Pfarrer Alexander Schleicher, Stefan Möhrle, Dr. Helmut Lohrer, Magdalena Friedel und Thomas Carl Schwoerer. Foto: him

Kurz vor zwölf: ein bisschen Bewegung

Kurz vor 12 Uhr kommt ein bisschen Bewegung auf. Die HK-kritischen Aktionäre kommen vom „Sperrgebiet“: Helmut Lohre berichtet vom „sehr höflichen Ton“, der Vorstand bedanke sich jeweils für die Fragen. Erstaunte Gesichter, auch weil die Kritiker so um die 80 Fragen gestellt haben – satte 30 mehr, als vorher der Hörfunkkollege vermeldet hat. Darauf waren die Heckler und Koch-Leute offenbar nicht vorbereitet. Das „Backoffice“ und die Stenografen funktionierten wegen der schlechten Arbeitsbedingungen nicht so wie bei Großkonzernen, bemängelte ein erfahrener Aktionär. Deshalb sei jetzt auch Pause, damit die Antworten auf die Fragen gefunden werden können. „Die wühlen in Dokumenten und im Archiv …“

Skepsis bei den HK-Kritikern

Erstaunlich findet Wolfgang Landgraeber, dass nur sie Fragen gestellt haben. “Außer uns waren noch etwa zehn weitere Personen im Raum.” Später stellt Jürgen Grässlin fest: “Das war die erste Hauptversammlung, in der die kritischen Aktionäre 100 Prozent der Fragen gestellt haben.” Noch sind die Sieben skeptisch, ob der Vorstand die Fragen auch ernsthaft beantwortet.

Nach einer weiteren Stunde Wartezeit kommt Thomas Schwoerer, der Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft, zu den wartenden Journalisten. Seine erste Zwischenbilanz: durchwachsen. Einerseits wolle der Waffenbauer künftig seine strengen neuen Kriterien anlegen und nur noch in „grüne Länder“ liefern. Andererseits aber wollten die Oberndorfer die Altverträge erfüllen und in – heute – „tiefrote Staaten wie Indonesien und Malaysia“ (Grässlin) Gewehre verkaufen.

Jürgen Grässlin. Foto: him

Eine Wende in “Deutschlands tödlichstem Unternehmen”?

Kurz drauf kommt auch Grässlin, der sich seit drei Jahrzehnten am Oberndorfer Waffenbauer abarbeitet. Er ist fast schon euphorisch. Er glaubt, es sei möglich, “eine Wende bei Deutschlands tödlichstem Unternehmen”, wie er Heckler und Koch nennt, “herbei zu führen.”

Ihre Fragen würden ernst genommen, der Standort Saudi-Arabien aufgegeben, „das ist eine völlig neue Entwicklung“, so Grässlin. Heckler und Koch setze sich „an die Spitze der Unternehmen, die sagen, die restriktive Politik der Bundesregierung ist uns noch nicht hart genug.“

Ein Fonds für Opfer von Schüssen aus HK-Gewehren?

Was Grässlin völlig überrascht hat: Er hatte vorgeschlagen, das Unternehmen solle einen Opferfonds einrichten, um wenigstens symbolisch ein Zeichen zu setzen. Den hatten Vorstand und Aussichtsrat zwar abgelehnt, weil ein solcher Fonds ein juristisches Schuldeingeständnis darstellen könnte. Als die Kritiker erläuterten, es gehe nicht um Schuld, sondern um ein Zeichen guten Willens, versprach Scheuch, den Vorschlag im Vorstand ernsthaft zu prüfen. HK prüft demnach einen Fonds für Menschen, die Opfer von Schüssen aus HK-Gewehren wurden.

Wolfgang Landgraeber, der zwei lange Dokumentarfilme über die Stadt Oberndorf und das Unternehmen Heckler und Koch gedreht hat, will zwar noch nicht von einer Revolution, aber einem Paradigmenwechsel sprechen. Er staunt. Bedauerlich findet er aber, „dass die Medien so gut wie nichts erfahren“.

Es dauert noch eine Weile, erfahren die anwesenden Medienvertreter, Abstimmungen über die geplante Kapitalerhöhung laufen noch. Das Fernsehteam möchte gerade zusammenpacken, da kommt ein junger Mann und kündigt an, Herr Scheuch werde gerne mit den Medien sprechen, das Ganze sei ein Missverständnis gewesen. Es dauere nicht mehr lange.

HK-Chef Norbert Scheuch kommt zum Interview. Foto: him

Der Manager spricht, …

Und tatsächlich: Nach etwa einer Viertelstunde taucht der Manager auf. „Wie lange wird das gehen“, fragt er die Kollegin vom Fernsehen. „Fünf Minuten.“ – „So lange?“

… verkündet Erstaunliches, …

Was hat den Wandel bei Heckler und Koch bewirkt? Eine „kritische Bewertung des Geschäfts“ sei der Grund, erläutert der HK-Boss in Managerdeutsch. „Wir wollen uns mit den Unternehmensaktivitäten konform verhalten.“ Bei den Waffenlieferungen an Nicht-NATO-Staaten habe die Bundesregierung einen Korridor vorgelegt. „Und in diesem Korridor haben wir uns eine eigene Einschätzung von Ländern eingezogen, von denen wir meinen, es könnte problematisch sein, dorthin Waffen zu liefern.“ Erstaunlich. Hatte doch Heckler und Koch bis vor Kurzem noch Waffen an die Saudis, nach Mexiko geliefert. Lizenzen vergeben. Und jetzt diese Wende. Grässlin: „Das ist ein großer Erfolg der Friedensbewegung, dreißig Jahre lang haben wir gebohrt.“

Im Interview spricht Scheuch auch über die „betriebsbedingte Kündigung” eines wichtigen Waffenentwicklers bei Heckler und Koch. Es geht um Marc Roth, dessen Arbeitsplatz sei eben weggefallen. Roth war für das G 36 zuständig gewesen. Das will die Bundeswehr bekanntlich ausmustern.

… und redet Klartext

Der Manager erläutert, dass er zur Aktionärsstruktur nichts sagen mag, bestätigt aber, dass nach der Kapitalerhöhung Andreas Heeschen etwa 66 Prozent des Unternehmens gehören. Er erklärt, dass das Firmendarlehen mit seinem Zinssatz von 9,5 Prozent eine Belastung sei, andererseits habe er „in nicht mal zwei Jahren“ die Darlehenssumme von 295 Millionen auf jetzt etwa 150 Millionen gedrückt. Man stehe heute deutlich besser da. Aber: „Die Verschuldung ist immer noch zu hoch.“

Aktuelle Lieferungen nach Malaysia und Indonesien habe die Bundesregierung genehmigt. “Die moralische Verantwortung dafür allein auf das Unternehmen abzuladen, halte ich nicht für in Ordnung.“ Nach dem von Grässlin vorgeschlagenen Opferfonds gefragt, bestätigt Scheuch: „Wir werden die Idee intern diskutieren und bewerten.“ Es gäbe verschiedene Aspekte zu beachten, er wolle deshalb dazu „keine abschließende Stellungnahme abgeben, weder positiv noch negativ.“

Wegen des anstehenden Mexiko-Prozesses hat Heckler und Koch drei Millionen Euro beiseite gelegt. Wegen illegaler Waffenlieferungen an vier Unruheprovinzen in Mexiko stehen vermutlich im Herbst sechs ehemalige Heckler-und Koch-Manager in Stuttgart vor Gericht. Unter ihnen der ehemalige Rottweiler Landgerichtspräsident Peter Beyerle. Sein Unternehmen rechne damit, dass, wenn es zu einer Verurteilung der Angeklagten kommt, „dann Kosten und möglicherweise auch Bußgelder auf das Unternehmen zukommen.“ Inzwischen habe er aber das Unternehmen grundlegend umgebaut, sodass in Zukunft solchen Vorfälle nachweislich vermieden werden können. Sagt Scheuch.

Seine Offenheit ist frappierend. Presseanfragen hatte Heckler und Koch, wenn sie nicht von Wirtschaftsblättern kamen, höchst ungern, wenn überhaupt beantwortet. Und jetzt redet der neue Mann, einfach so.

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