Mit einem Wanderstock bedankt sich IHK-Präsident Dieter Teufel beim Festredner Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: him

REGION (him) –  Beim 22. Neu­jahrs­emp­fang der IHK in der Schwen­nin­ger Mes­se­hal­le war  Minis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann der Fest­red­ner. Er lob­te die „rüh­ri­ge und hell wache IHK“ und warn­te vor einem „Rück­fall in den Natio­na­lis­mus“.

Zunächst hat­te IHK-Prä­si­dent Die­ter Teu­fel vor Pes­si­mis­mus gewarnt: „Deutsch­land, Baden-Würt­tem­berg und auch unse­re Indus­trie­re­gi­on Schwarz­wald-Baar-Heu­berg kön­nen heu­te von einer nach­hal­tig guten Wirt­schafts­la­ge spre­chen. Die Unter­neh­men erfreu­en sich einer guten bis sehr guten Auf­trags­la­ge.

Teu­fel sieht drei Her­aus­for­de­run­gen für die Regi­on, den Fach­kräf­te­man­gel und Bil­dung im länd­li­chen Raum, die Digi­ta­li­sie­rung und Indus­trie 4.0 sowie die Elek­tro­mo­bi­li­tät und Zulie­fer­indus­trie. Als einen weg, um den Fach­kräf­te­man­gel zu behe­ben sah Teu­fel die Auf­wer­tung der dua­len Aus­bil­dung: „Leh­re und anschlie­ßen­de Wei­ter­bil­dung müs­sen in unse­ren Köp­fen end­lich als gleich­be­rech­tig­ter Bil­dungs­weg neben der Hoch­schu­le aner­kannt wer­den.“

Die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on  wer­de ähn­lich wie frü­he­re Umwäl­zun­gen die Arbeit ver­än­dern. Aber nicht abschaf­fen. Sor­gen berei­tet Teu­fel die E-Mobi­li­tät, denn die hei­mi­schen Zulie­fe­rer sei­en stark vom tra­di­tio­nel­len Auto­mo­bil­bau abhän­gig. „Es wäre fatal, sich aus­schließ­lich auf die Elek­tro­mo­bi­li­tät zu kon­zen­trie­ren.“

Schließ­lich kri­ti­sier­te Teu­fel die Bun­des­kanz­le­rin, weil sie  in ihrer Neu­jahrs­an­spra­che „die wich­ti­ge Rol­le des Mit­tel­stands und der Mit­tel­schicht hat sie lei­der mit kei­nem Wort erwähnt“ habe. Die­je­ni­gen, „die mor­gens zur Arbeit gehen, abends müde nach Hau­se kom­men, sich um ihre Fami­lie küm­mern, mög­li­cher­wei­se in Ver­ei­nen aktiv sind und neben­bei ihr Rei­hen­häus­chen abzah­len“, sei­en „die lei­der völ­lig unbe­ach­te­ten Hel­den des All­tags“.

Die Stunde Europas

Kret­sch­mann begann mit einem Blick auf die neue US-Regie­rung. Eine Abkehr vom Frei­han­del kön­ne ein wirt­schaft­li­ches Stroh­feu­er aus­lö­sen. „Aber hin­ter­her wird‘s umso käl­ter.“  Nun sei die Stun­de Euro­pas. „Wir müs­sen uns zusam­men­rau­fen und Stär­ke zei­gen“, for­der­te der Grü­nen-Poli­ti­ker.

Erfolgs­fak­to­ren der Ver­gan­gen­heit sei­en  die inter­na­tio­na­le Koope­ra­ti­on, regel­ba­sier­te Zusam­men­ar­beit und der freie Han­del  gewe­sen. „Das ist die Grund­la­ge unse­res Geschäfts­mo­dells.” Am Ende pro­fi­tier­ten alle davon, ist Kret­sch­mann über­zeugt. Denn:
„Wir lie­fern kei­ne Besen für die Kehr­woch‘ oder sonst einen Kruscht, den kei­ner braucht.”

Mit Spit­zen­pro­duk­ten aus dem Land, die oft gar nicht ersetzt wer­den könn­ten, könn­ten Unter­neh­men in and­ren Län­dern ihrer­seits pro­duk­ti­ver wer­den. „Wir müs­sen des­halb alles Erdenk­li­che tun, um die­se Errun­gen­schaf­ten zu schüt­zen”, so Kret­sch­mann.

Ohne den neu­en US-Prä­si­den­ten beim Namen zu nen­nen, mein­te er unter dem Bei­fall der etwa 2500 Gäs­ten aus der Wirt­schaft: „Die USA habe es schon aus ganz ande­ren Kri­sen geschafft – und sie wer­den auch aus die­ser Kri­se her­aus­kom­men.“

Gelassen bleiben

Auf die Regi­on bezo­gen hob Teu­fel den Auf­zugs­test­turm her­vor und spöt­tel­te: „Als die den Rott­wei­ler gesagt haben: ‚Ihr dürft kos­ten­los auf die Platt­form rauf‘, da haben die zuge­stimmt.“  Er lob­te den Medi­zin­clus­ter in Tutt­lin­gen, den es schon lan­ge vor die­sem Begriff gege­ben habe. Das Schwarz­wald-Baar-Kli­ni­kum in Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen ste­he für die Zukunft der Medi­zin, in der die Digi­ta­li­sie­rung eben­falls Ein­zug hal­te.

Kret­sch­mann for­der­te die Unter­neh­mer auf, die künst­li­che Intel­li­genz und deren Chan­cen zu erken­nen und sich am „Cyber Val­ley-Pro­jekt“ der Lan­des­re­gie­rung zu betei­li­gen. Er lob­te die Dua­le Bil­dung und kün­dig­te an, dass sich die Kul­tus­mi­nis­te­rin ganz im Sin­ne Teu­fels für die Gleich­wer­tig­keit der beruf­li­chen und der aka­de­mi­schen Bil­dung ein­set­zen wer­de. Was aller­dings die gleich­wer­ti­ge Bezah­lung ange­he, da sei­en die Arbeit­ge­ber am Zug, konn­te er sich eine klei­ne Spit­ze nicht ver­knei­fen.

Etwas anders als IHK-Prä­si­dent Teu­fel sieht Kret­sch­mann die Elek­tro­mo­bi­li­tät. Hier stren­ge sich Chi­na beson­ders an. Zum einen wegen der extre­men Luftverschmutzung:„Weil die auch der kom­mu­nis­ti­sche Funk­tio­när ein­at­men muss, wird er da hell­hö­rig.“ Zum ande­ren, weil sich die Chi­ne­sen hier  einen tech­no­lo­gi­schen Vor­sprung  zu erkämp­fen hof­fen, den sie bei Ver­bren­nungs­mo­to­ren nicht geschafft hät­ten.

Es sei wich­tig für das Land, hier „wei­ter Spit­ze zu blei­ben“. Es gel­te die­sen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess so zu gestal­ten, dass der Kli­ma­schutz beach­tet und die Wert­schöp­fung im Lan­de blei­be: „Wer, wenn nicht wir, kann das hin­be­kom­men?“

Am Ende sei­nes Auf­trit­tes kam Kret­sch­mann noch ein­mal auf die Welt­po­li­tik und ins­be­son­de­re die USA zu spre­chen. Er riet sei­nen Zuhö­rern gelas­sen zu blei­ben: „Wir haben schon ganz ande­re Sachen über­stan­den.“