Machen sich stark für den Ausbau der Gäubahn. Von links: Andrea Marongiu (Geschäftsführer VSL Verband Spedition und Logistik Baden-Württemberg), Kurt Lanz (Mitglied der Geschäftsleitung, economiesuisse Verband der Schweizer Unternehmen), Birgit Hakenjos-Boyd (Präsidentin IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg), Dr. Harald Marquardt (Vorsitzender der Geschäftsführung der Marquardt GmbH und Vizepräsident der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg), Guido Wolf (Minister der Justiz und für Europa Baden-Württemberg und Vorsitzender des Interessenverbands Gäu-Neckar-Bodenseebahn), Ralf J. Bopp (Direktor der Handelskammer Deutschland-Schweiz,. Foto: pm

Trotz des mas­si­ven Inves­ti­ti­ons­hoch­laufs ver­zö­gert sich der Aus­bau der Schie­nen­stre­cke Stutt­gart-Zürich seit Jahr­zehn­ten. Das will die Wirt­schaft ent­lang die­ser Ach­se nicht län­ger hin­neh­men und hat sich auf Initia­ti­ve der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer (IHK) Schwarz­wald-Baar-Heu­berg zu einem grenz­über­schrei­ten­den Wirt­schafts­bünd­nis mit deut­schen und schwei­ze­ri­schen Ver­bän­den zusam­men­ge­schlos­sen. Die ins­ge­samt zwölf Ver­bän­de reprä­sen­tie­ren laut IHK-Pres­se­mit­tei­lung rund 430.000 Unter­neh­men.

Nun hat sich die Initia­ti­ve beim Rie­t­heim-Weil­hei­mer Mecha­tro­nik-Spe­zia­lis­ten Mar­quardt der Pres­se vor­ge­stellt. Das Bünd­nis übe zurecht und zu einem güns­ti­gen Zeit­punkt Druck auf die Poli­tik und die Deut­sche Bahn aus, sagt der Lan­des-Jus­tiz­mi­nis­ter und Ver­tre­ter des Inter­es­sen­ver­bands Gäu-Neckar-Boden­see-Bahn, Gui­do Wolf: „Der Aus­bau dau­ert schon viel zu lan­ge.“

Es glei­che einer Ver­zö­ge­rungs­tak­tik, wie das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um und die Deut­sche Bahn vor­ge­hen, kri­ti­siert Bir­git Haken­jos-Boyd, Prä­si­den­tin der IHK Schwarz­wald-Baar-Heu­berg. Sie for­dert eine leis­tungs­fä­hi­ge Ver­bin­dungs­ach­se für die bei­den Wirt­schafts­räu­me, eine funk­tio­nie­ren­de Zulauf­stre­cke für den Gott­hard-Tun­nel und für die Neue Eisen­bahn-Alpen­trans­ver­sa­le in der Schweiz sowie eine leis­tungs­fä­hi­ge Kapa­zi­täts­re­ser­ve für die über­las­te­te Rhein­tal­bahn und eine Aus­weich­stre­cke bei Stör­fäl­len wie bei Ras­tatt im Jahr 2017: „Der Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plan muss bis Ende der Lauf­zeit 2030 umge­setzt sein.“

Wäre Pen­deln mit dem Zug eine ech­te Alter­na­ti­ve, wür­de das uns und alle Arbeit­ge­ber zwi­schen Stutt­gart und Zürich noch attrak­ti­ver machen“, ver­deut­licht Dr. Harald Mar­quardt stell­ver­tre­tend für die Indus­trie, war­um er sich für den Schie­nen­aus­bau ein­setzt. Von sei­nen 2.500 Mit­ar­bei­ter am Stand­ort Rie­t­heim-Weil­heim wür­den die wenigs­ten im Ort woh­nen. Auch zu den Flug­hä­fen in Stutt­gart und Zürich wür­den sei­ne Mit­ar­bei­ter wegen der schlech­ten Zug­an­bin­dung fast aus­schließ­lich mit dem Auto gelan­gen. „Wir haben jetzt wirk­lich die Nase voll und füh­len uns abge­hängt.“

Doch nicht nur in Anbe­tracht der Pend­ler sei der zwei­spu­ri­ge Aus­bau des Bahn­ab­schnitts unum­gäng­lich. Neben dem Fach­kräf­te­man­gel spricht Andrea Maron­giu vom Ver­band Spe­di­ti­on und Logis­tik Baden-Würt­tem­berg auch die stau­be­ding­ten Qua­li­täts­ver­lus­te sowie die Flä­chen für Logis­tik an. 71 Pro­zent der Logis­tik fin­de auf der Stra­ße statt, nur 19 Pro­zent auf der Schie­ne und zehn Pro­zent in der Bin­nen­schiff­fahrt. „Auf der Stra­ße sehen wir den Stau, auf der Schie­ne nicht – aber er ist da“, bemän­gelt Maron­giu. Die Schweiz habe ihre Haus­auf­ga­ben gemacht, aber für Deutsch­land sei es eine Schan­de, so lan­ge hin­ter­her­zu­hin­ken.

Ins glei­che Horn stößt Kurt Lanz von eco­no­mie­su­is­se: Es wer­de Zeit, dass das Bekennt­nis zum Schie­nen­aus­bau aus dem Jahr 1996 end­lich umge­setzt wer­de. 40 Mil­lio­nen Ton­nen wür­den jähr­lich im Güter­ver­kehr ver­läss­lich und kli­ma­freund­lich über die Alpen trans­por­tiert – das sei aller­dings nur halb so viel wert, wenn der Güter­ver­kehr jen­seits der Alpen nicht wei­ter­ge­he. „Ins­be­son­de­re ermög­licht der Stre­cken­aus­bau, dass die Neue Eisen­bahn-Alpen­trans­ver­sa­le mit dem Gott­hard-Basis­tun­nel sowie ihren wei­te­ren Aus­bau­schrit­ten Cene­ri-Basis­tun­nel und Zim­mer­berg-Basis­tun­nel ihr vol­les Poten­zi­al ent­fal­ten kann“, sagt Dr. Regi­ne Sau­ter, Natio­nal­rä­tin und Direk­to­rin der Zür­cher Han­dels­kam­mer.

Hans­rue­di Wer­ner, Sped­logswiss & IVS Indus­trie- und Wirt­schafts­ver­ei­ni­gung in Schaff­hau­sen, ergänzt: „Baden-Würt­tem­berg ist für die Schweiz mit Abstand der wich­tigs­te Han­dels­part­ner. Wir brau­chen jetzt die umwelt­ver­träg­li­chen und zuver­läs­si­gen Ver­kehrs­we­ge.“ Ralf Bopp von der Han­dels­kam­mer Deutsch­land-Schweiz berich­tet, dass zwar rie­si­ge Men­gen über die Gren­ze bewegt wür­den; jedoch sei nicht nur die Quan­ti­tät wich­tig, son­dern auch die Qua­li­tät – näm­lich Zuver­läs­sig­keit und Ver­trau­en.

Tho­mas Albiez, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der IHK Schwarz­wald-Baar-Heu­berg, bringt einen wei­te­ren Aspekt der Gäu­bahn aufs Tableau: Es gehe nicht nur um die Indus­trie, son­dern auch um den Tou­ris­mus. Die Schie­nen­ver­bin­dung sei so schlecht, dass die Bahn­rei­sen­den immer weni­ger wür­den und damit der ver­zö­ger­te Aus­bau begrün­det wür­de. „Aus die­ser Teu­fels­spi­ra­le müs­sen wir aus­bre­chen“, sagt Albiez.

Minis­ter Wolf scherzt, das Bünd­nis sol­le viel­leicht mit „Mon­days for Gäu­bahn“ für den Schie­nen­aus­bau kämp­fen, so wie Schü­ler mit „Fri­days for Future“ für die Umwelt. Mit ihrem grenz­über­schrei­ten­den Wirt­schafts­bünd­nis wen­det sich die Initia­ti­ve nun direkt an das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um und die Deut­sche Bahn. „Wir geben uns nicht mehr län­ger zufrie­den mit Lip­pen­be­kennt­nis­sen. Die Wirt­schaft braucht Trans­pa­renz und Plan­bar­keit“, sagt Haken­jos-Boyd. Sie wol­le aber auch die Ver­ant­wort­li­chen zu Gesprä­chen ein­la­den und ihre kon­struk­ti­ve Mit­ar­beit anbie­ten.

Das grenz­über­schrei­ten­de Bünd­nis aus der Wirt­schaft zum Aus­bau der Schie­ne­n­ach­se Stutt­gart-Zürich besteht aus den IHKs Schwarz­wald-Baar-Heu­berg, Regi­on Stutt­gart, Reut­lin­gen, Nord­schwarz­wald und Hoch­rhein-Boden­see sowie dem VSL Ver­band Spe­di­ti­on und Logis­tik Baden-Würt­tem­berg und dem Inter­es­sen­ver­band Gäu-Neckar-Boden­see­bahn. Aus der Schweiz wird die Initia­ti­ve unter­stützt vom Schwei­ze­ri­schen Dach­ver­band der Wirt­schaft eco­no­mie­su­is­se, dem Spe­di­ti­ons­ver­band Sped­logswiss, der Han­dels­kam­mer Deutsch­land-Schweiz, der Zür­cher Han­dels­kam­mer sowie der Indus­trie- und Wirt­schafts­ver­ei­ni­gung Schaff­hau­sen.