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Dienstag, 25. Februar 2020

Talente finden – und binden

Schramberger Wirtschaftsgespräch mit Professor Markus-Oliver Schwaab

SCHRAMBERG (him) – Praxisnah, informativ und unterhaltsam – so entwickelte sich das diesjährige Wirtschaftsgespräch in der Schalterhalle der Volksbank Schwarzwald-Neckar. Auf Einladung der Stadt und der Volksbank sprach Professor Markus-Oliver Schwaab von der Hochschule Pforzheim über den Wettbewerb um Fachkräfte.

 
In seiner Begrüßung hatte Voba Vorstandssprecher Udo Schlipf versichert, das sei „ein attraktive Thema“ für die Wirtschaft. Schrambergs Oberbürgermeister Thomas Herzog erinnerte daran, dass die „zahlreichen global agierenden Unternehmen in Schramberg auf Fachkräfte vom Facharbeiter bis zum hochspezialisierten Ingenieur angewiesen“ seien. Für den ländlichen Raum komme es darauf an zu zeigen, mit welchen Vorzügen man im Vergleich zu den Metropolregionen punkten kann. „Unsre Gegend muss sich nicht verstecken.“
Professor Schwaab, der vor seiner Hochschulkarriere in Banken und Großunternehmen als Personalmanager gearbeitet hatte, beschäftigt sich vornehmlich mit Personalmanagement. Er zeigte auf, dass bei zurückgehenden Bevölkerungszahlen und niedriger Arbeitslosigkeit es für die Unternehmen immer schwieriger werden wird, geeignete Mitarbeiter zu finden. Wirtschaftsgespräch Schwaab Markus-Oliver dk 171115 (8)In der Wissenschaft sei schon von einem „War for Talents“ die Rede, und Schwaab ist überzeugt: „Diesen Krieg haben die Talente schon gewonnen.“ Viele Betriebe seien deshalb dazu übergegangen Nachwuchs in Spanien oder der Türkei zu rekrutieren, doch viele dieser Talente kehrten bald wieder in ihre Heimat zurück, weil es nicht gelungen sei, sie ausreichend zu integrieren.
Deshalb sollten sich die Unternehmen nicht nur auf die Überflieger konzentrieren, sondern auch Menschen einstellen, die auf den ersten Blick wenig geeignet scheinen. Schwaab brachte als Beispiel die Spielerkarriere von Chris Otule: einem stark sehbehinderten Basketballer, der inzwischen in einer Bundesligamannschaft spielt und zum Publikumsliebling wurde.

Vertreter der Wirtschaft und der Kommunalpolitik beim Wirtschaftsgespräch. Fotos: him
Vertreter der Wirtschaft und der Kommunalpolitik beim Wirtschaftsgespräch. Fotos: him

Der Personalexperte riet auch, Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen nicht einfach ziehen zu lassen, sondern im Kontakt zu bleiben, „vielleicht kommt er ja wieder“. Auch ältere Mitarbeiter seien wertvoll.
Gute Leute suchten sich die Unternehmen aus, in denen sie arbeiten möchten. Deshalb sei es wichtig, dass sich die Unternehmen gut darstellten. Besonders wichtig sei den Mitarbeitern ein gutes Betriebsklima und eine interessante Tätigkeit, die Bezahlung stehe gar nicht so im Vordergrund. „Die meisten Leute kündigen wegen des Chefs.“

Um neue Mitarbeiter zu gewinnen, hatte Schwaab eine ganze Reihe von Maßnahmen im Köcher. Mit dem alten Spruch des Privatfernsehpioniers Helmut Thoma „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“ stellte er Beispiele aus großen und kleinen Unternehmen vor, von Image-Filmen des Handwerks über Betriebskindergärten und Einkaufsdienste bis hin zu Fußballturnieren für Realschulen. Er riet, die Mittel gezielt einzusetzen, nicht alle Schulen einladen, sondern bestimmte Schüler, die interessiert sind, für Praktika auswählen. Und dann auch beobachten, „wer von denen besonders gut ist.“ Anschließend sollten die Unternehmen mit diesen in Kontakt bleiben, beispielsweise einen Ferienjob anbieten. Lobend erwähnte Schwaab in diesem Zusammenhang auch das PepperMINT-Programm, das das JUKS zusammen mit zahlreichen Firmen am Sommerferienende angeboten hat.
Um gute Mitarbeiter zu halten und an das Unternehmen zu binden, sollten die Firmen maßgeschneiderte Sozialleistungen anbieten, etwa bei der Kinderbetreuung oder mit Betriebssport. Wichtig sei auch die „konsequente Entwicklung der eigenen Gewächse.“ Die Bindung sei deshalb so wichtig, weil es viel schwieriger – und teurer – ist, neue Leute zu gewinnen als Leute zu halten.
Die neuen Netzwerke wie xing oder Linkedin würden stark genutzt, um Talente zu finden und anzusprechen. Doch Schwaab ist überzeugt, dass grade die guten Leute zunehmend genervt sind. „Wer täglich eine Hochzeit versprochen bekommt, schaltet irgendwann ab.“ Deshalb würden persönlich Kontakte und Netzwerke wieder wichtiger, glaubt der Fachmann.
In der anschließenden Diskussion riet Schwaab, Firmenchef sollten ihre Mitarbeiter möglichst individuell behandeln und auf deren Lebensumstände Rücksicht nehmen. Bewerbungsverfahren über das Internet seien umstritten, auch weil die Bewerber sie nicht sehr schätzten. Schließlich riet er zu einem ganz alten Rezept: Dem Mitarbeitergespräch: „Erfahren Sie von ihren Leuten, was sin ihre Ziele, wo wollen sie hin.“
Wirtschaftsförderer Manfred Jungbeck dankte dem Gast für dessen Ideen und „das kreative Querdenken“. Bei Häppchen, Apfelschorle und Mineralwasser blieben die Gäste noch eine Weile zusammen und tauschten ihre Erfahrungen aus.

 

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