Wohin entwickelt sich die Automobilindustrie?

Automotive-Gipfel der IHK und der wvib Schwarzwald AG

Veranstalter und Referenten des Automotive-Gipfels in Tuttlingen (von links): IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Albiez, wvib-Hauptgeschäftsführer Dr. Christoph Münzer, Dr. Corrado Nizzola (Daimler AG) IHK-Präsident Dieter Teufel, Prof. Dr. Günther Schuh (RWTH Aachen und CEO e.GO Mobile AG), wvib-Präsident Thomas Burger und Julian Meyer (Geschäftsführer Mesa Parts, Lenzkirch). Foto: pm

REGION (pm) – Eine sach­li­che Debat­te über die kli­ma­neu­tra­le Mobi­li­tät, die Ent­wick­lung von Ver­bren­nungs­mo­to­ren und alter­na­ti­ven Antriebs­for­men: Dazu hat die Indus­trie- und Han­dels­kam­mer (IHK) Schwarz­wald-Baar-Heu­berg und die wvib Schwarz­wald AG in die Stadt­hal­le Tutt­lin­gen ein­ge­la­den. Über 150 Ent­schei­der aus der Indus­trie, vor­wie­gend aus der Auto­mo­bil­zu­lie­fer­bran­che, waren der Ein­la­dung gefolgt, wie die IHK in einer presw­se­mit­tei­lung berich­tet. Wei­ter heißt es:

„Kli­ma­neu­tra­le Mobi­li­täts­kon­zep­te sind in Zukunft unum­gäng­lich“, sag­te IHK-Prä­si­dent Die­ter Teu­fel. „Doch wir dür­fen auf kei­nen Fall glau­ben, dass wir die Zukunft line­ar gestal­ten kön­nen und müs­sen dies tech­no­lo­gie­of­fen unter Beach­tung der Emis­sio­nen tun.”
 
„War­um kau­fen wir eigent­lich kei­ne E-Autos?”, frag­te Pro­fes­sor Gün­ther Schuh von der RWTH Aachen und CEO e.GO Mobi­le AG. Weder durch eine grö­ße­re Reich­wei­te, noch durch den mas­sen­haf­ten Aus­bau von Lade­sta­tio­nen oder eine erhöh­te Anzahl von Elek­tro­fahr­zeu­gen wür­den die Men­schen auf E-Mobi­li­tät umstei­gen. „Wenn sie den Nut­zen hal­bie­ren und den Preis ver­dop­peln, kauft das kei­ner”, ver­deut­lich­te der Ent­wick­ler des Stre­etscoo­ters.

Als Beweis führ­te er das neu­es­te Modell e.GO Life an, das 16.000 Euro kos­tet. Er gebe bereits 1880 Vor­be­stel­lun­gen und er brau­che dafür weder Hil­fe von gesetz­ge­be­ri­scher Sei­te, noch von der Poli­tik. „Wir brau­chen noch nicht ein­mal die Umwelt­prä­mie. Das Lea­sing kos­tet unter 150 Euro, man zahlt kei­ne Steu­ern und nied­ri­ge Ver­si­che­run­gen – damit ist es das bezahl­bars­te Auto über­haupt.” Für die Pro­duk­ti­on brau­che er aller­dings Hil­fe, sag­te  Schuh an die Zuhö­rer aus der Auto­mo­bil­in­dus­trie gewandt.

Den Erfolg des Car-Sharings hin­ge­gen bezwei­fel­te Schuh. „Mobi­li­tät ist unser vier­tes Grund­be­dürf­nis. Bie­ten Sie einer Mut­ter, die Kin­der trans­por­tie­ren will, mal Car-Sharing an – die lacht Sie aus.” Für alle Reich­wei­ten unter 70 Kilo­me­tern, also Kurier­diens­te, Pfle­ge­diens­te und „Mama-Taxi”, sei das Elek­tro­au­to bes­tens geeig­net. Den viel­dis­ku­tier­ten Aus­bau von Lade­sta­tio­nen kön­ne man getrost ver­ges­sen. Viel­mehr brau­che man Steck­do­sen in Park­häu­sern und in der eige­nen Gara­ge. „Man fährt nicht zum Tan­ken, man tankt beim Par­ken”, erklär­te er.

Aus Sicht von Juli­an Mey­er, Geschäfts­füh­rer des Dreh­tei­le­her­stel­lers Mesa Parts aus Lenz­kirch, mache die E-Mobi­li­ät kei­nen Sinn. Der Ver­kehr mache in Deutsch­land beim CO2-Aus­stoß nur 20 Pro­zent aus, ledig­lich 32 Pro­zent des Stroms wer­de durch erneu­er­ba­re Ener­gi­en pro­du­ziert. Die Kos­ten für die­se „Erfolgs­ge­schich­te” lägen bei 30 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr. Trotz der Sub­ven­tio­nen sei kaum eine Redu­zie­rung des CO2-Aus­sto­ßes zu ver­zeich­nen.

Mey­er monier­te viel­mehr die Strom­pro­duk­ti­on in Deutsch­land, vor allem Koh­le­kraft­wer­ke, als gro­ßer Ver­ur­sa­cher von Koh­len­di­oxid. „Gas­kraft­wer­ke wür­den den CO2-Aus­stoß um 50 Pro­zent redu­zie­ren”, beton­te er. Mit Blick auf die Elek­tro­mo­bi­li­tät wies Mey­er auf die Spit­zen­las­ten in den Abend­stun­den hin, wenn mög­li­cher­wei­se 40 Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge in Deutsch­land inner­halb von drei Stun­den auf­ge­la­den wer­den sol­len. „Das wird eine rie­si­ge Her­aus­for­de­rung sein.”

„Wir wis­sen, dass die Elek­tro­mo­bi­li­tät kommt. Wir wis­sen nur nicht, wann und wie viel – wie bei einer Ketch­upfla­sche”, schil­der­te Dr. Cor­ra­do Niz­zo­la, Lei­ter der Spar­te Hybrid-, Elek­tro­an­trie­be und E-Moto­ren beim Stutt­gar­ter Auto­mo­bil­her­stel­ler Daim­ler. Die Auto­mo­bil­in­dus­trie habe den rich­ti­gen Zeit­punkt für E-Autos nicht ver­schla­fen, es sei ein­fach noch zu früh gewe­sen.

Doch wenn die Ver­än­de­run­gen kom­men, wür­de das schnell pas­sie­ren, und man müs­se vor­be­rei­tet und reak­ti­ons­fä­hig sein. Die Reich­wei­te und höhe­re Leis­tung sei eine Visi­on, die im Jahr 2020, spä­tes­tens 2023 eta­bliert sei. „Das ist eigent­lich nichts ande­res als die Pro­dukt­ent­wick­lung des Ver­bren­nungs­mo­tors. Der wur­de auch mehr als 130 Jah­re lang wei­ter­ent­wi­ckelt”, sag­te Niz­zo­la.

In der abschlie­ßen­den Podi­ums­dis­kus­si­on frag­te Mode­ra­tor Andre­as Rich­ter die Spre­cher nach ihren per­sön­li­chen Hoff­nun­gen und Erwar­tun­gen für das Jahr 2025. Eine ratio­na­le Betrach­tung des The­mas und einen Nut­zen für die Umwelt wünsch­te sich Juli­an Mey­er. Er bezwei­fel­te jedoch die Umset­zung.

Chris­toph Erd­men­ger, Lei­ter der Abtei­lung Nach­hal­ti­ge Mobi­li­tät im Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um des Lan­des Baden-Würt­tem­berg, rech­ne­te mit einem Elek­tro­fahr­zeu­ge-Anteil von 25 Pro­zent. Es blei­be aus sei­ner Sicht auch span­nend, ob sich die Rol­le der Zulie­fe­rer tat­säch­lich so stark ver­än­dern wer­de, wie der­zeit pro­gnos­ti­ziert wird. Niz­zo­la hofft, dass Daim­ler auf die rich­ti­ge Tech­no­lo­gie set­ze. „Ich habe die Erwar­tung, dass wir nicht genü­gend Fahr­zeu­ge pro­du­zie­ren kön­nen, wie die Leu­te kau­fen wol­len.”

Mit wei­te­ren elf Fach­vor­trä­gen zu den Leit­the­men Zukunfts­stra­te­gi­en und Zukunfts­tech­no­lo­gi­en gab das Nach­mit­tags­pro­gramm des Auto­mo­ti­ve-Gip­fels wei­te­re wich­ti­ge Impul­se für die zukünf­ti­ge Aus­rich­tung der Auto­mo­bil­zu­lie­fe­rer.