Wenn Brezeln durch den Saal wandern, der Narrenmarsch erklingt und historische Masken plötzlich lebendig werden, dann weiß man: In Schramberg wird nicht einfach gefeiert – hier wird Fasnet gelebt. Yasmin Hettich berichtet
Schramberg. Genau so begann am 22. Januar der Jubiläumsabend zu 90 Jahre „Da Bach na Fahrt“ im voll besetzten Bruckbeck. Ein Abend, der Tradition, Emotion und Geschichte auf eindrucksvolle Weise vereinte. Mit dem Einzug der Stadtmusik und dem kraftvollen Narrenmarsch wurde die Kneipe sofort in närrische Stimmung versetzt.
Begleitet von Ausschussmitgliedern, die Brezeln verteilten, sowie zwei besonderen Hästrägern, war der Auftakt ebenso feierlich wie symbolträchtig. Was diese beiden Figuren so außergewöhnlich machte, erklärte später Sven Kindler in seinem Geschichtsvortrag: Es handelte sich um zwei der ersten Schramberger Hanselmasken, einst getragen vom Jungen Parlament. Und somit echte lebendige Zeugnisse der frühen Fasnetsgeschichte.

Ein letzter Gruß und ein Gedicht mit verblüffender Aktualität
Ein besonderer Moment war die Begrüßung durch Tobias Wernz, der die Bach-na-Fahrer an diesem Abend ein letztes Mal in offizieller Funktion willkommen hieß. Mit einem Gedicht von Erich Kästner aus dem Jahr 1930 – in dem er lediglich zwei Wörter austauschte – gelang es ihm, eine überraschende Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Plötzlich wirkte das alte Werk erschreckend aktuell.
Doch Probleme und Sorgen sollten an diesem Abend bewusst in den Hintergrund treten. Stattdessen stand das Feiern im Mittelpunkt.

Die Jubiläumsplakette: Ein Bild als Zeitreise
Ein besonderer Programmpunkt war die Vorstellung der diesjährigen Jubiläumsplakette durch Nico Nebel. Diese wurde von einem historischen Foto aus dem Jahr 1936 inspiriert. So stellten sich die heutigen Ausschussmitglieder im Bach auf, um ein „Zeitreisefoto“ nachzustellen. Ein liebevolles Detail: Erstmals ist eine Frau Teil dieses Bildes. Ann-Katharin Brantner, die erste Frau im Ausschuss, wurde dezent in das Motiv integriert. Fast wie in einem Wimmelbild, in dem man sie entdecken darf.
Vom Wurstsalat zur Tradition: Die Geburt der Bach-na-Fahrt
Dr. Sven Kindler nahm das Publikum mit auf eine ebenso humorvolle wie beeindruckende Zeitreise in die Anfänge der Bach-na-Fahrt. 1936 beschließt die Firma Junghans, damals Vorzeigebetrieb der Deutschen Arbeitsfront, am Fasnetsmontag arbeiten zu lassen. Eine Entscheidung, die in der närrischen Bevölkerung auf wenig Begeisterung stößt.
Aus dem Jungen Parlament heraus entsteht daraufhin eine ebenso spontane wie kreative Idee. Inspiriert von der Beobachtung bei der Freibaderöffnung, dass ein Mensch in einem Zuber schwimmen kann, werden Schilder gemalt und erste grobe Pläne geschmiedet.
Am Fasnetsmontag ziehen sie schließlich mit ihren gemalten Schildern durch die Stadt. Auch die Katzenmusik ist hier schon dabei. Punkt 13 Uhr lässt Wilhelm Grüner die ersten Fahrer ins Wasser, darunter zwei ranghohe NS-Funktionäre. In historischen Tonaufnahmen wird deutlich: Die Aktion ist unpolitisch. Die einzige Frage lautet: Fährst du – oder fährst du nicht?

Schon ein Jahr später folgten erste Aufrufe, 1938 dann feste Organisationsstrukturen, Startnummern und der Zuberumzug kamen hinzu. 1939 nahm Adolf Müller seine sechsjährige Schwester mit auf die Fahrt. Als erste Frau und jüngste Teilnehmerin aller Zeiten ging sie in die Geschichte ein.
Die zentrale Botschaft von Kindler: Die Fasnet war immer wild, lebendig und unpolitisch. Sie ist gereift, gewachsen und hat sich zu einem einzigartigen Brauchtum entwickelt. Der nur weiterlebt, wenn er weitergetragen wird.
Ein „Großadmiral“ für die stillen Verdienste
Den emotionalen Höhepunkt des Abends bildete die Laudatio von Tobias Wernz auf Arno Jauch. Über vier Jahrzehnte war er als Kassierer Teil des Ausschusses, stets im Hintergrund, stets zuverlässig, stets bescheiden. „Er war der Ruhige im Hintergrund“ und „mein Ansprechpartner, wenn ich nicht weiter wusste“, beschrieb Tobias Wernz den Mann, der nie das Rampenlicht suchte, aber unverzichtbar war.

Sichtlich gerührt erkannte Arno Jauch, dass diese Worte ihm galten. Ursprünglich sollte seine Verabschiedung bei der ersten Vollversammlung stattfinden – doch das Junge Parlament hatte längst entschieden: Ein solcher Einsatz verdient einen großen Rahmen. So wurde Arno Jauch am Jubiläumsabend feierlich zum „Großadmiral“ ernannt.
Lang anhaltender Applaus, Standing Ovation und spürbare Dankbarkeit begleiteten diesen Moment. Ein würdiger Abschluss eines Abends, der eindrucksvoll zeigte, was die Schramberger Fasnet ausmacht: Gemeinschaft, Herzblut und gelebte Tradition.



