„Die Region ist künstlerisch höchst vital“

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Zu den Kuriositäten der Corona-Zeit gehört, dass ganze Ausstellungen fertig sind und nur auf Besucher warten. So auch eine spannende Auswahl von Kunstwerken, die der Landkreis seit 2011 seiner Sammlung hinzugefügt hat und die seit Wochen im Dominikanermuseum Rottweil hängen. Kunstfreunde sollten die Schau, die bis 25. April läuft, auf ihrer Liste für schöne Ziele nach dem Lockdown ganz oben vormerken, den neuen Bestandskatalog gibt es zum Glück jetzt schon. Warum und wie Kreis Kunst sammelt, erläutert im Gespräch mit der NRWZ Bernhard Rüth, Leiter des Stabsbereichs Archiv, Kultur, Tourismus.

NRWZ: Herr Rüth, 110 Inventarnummern sind in der Kunstsammlung des Landkreises seit 2011 hinzugekommen – nach welchen Gesichtspunkten werden denn diese Werke angekauft?

Bernhard Rüth: Das oberste Prinzip ist das der Regionalität: Die Künstlerin beziehungsweise der Künstler muss in der Region leben und wirken oder einen anderen klaren Bezug zur Region haben. Dieses Kriterium ist – kunstwissenschaftlich gesehen – problematisch, es ergibt sich aber aus der Aufgabenstellung des Landkreises. Dieser ist als Gebietskörperschaft gehalten, Kunst und Kultur in seinem Wirkungskreis zu fördern und zu dokumentieren. Deswegen arbeiten wir mit dem vielschichtigen Begriff der Region, der mit dem genauso offenen Begriff des Kulturraums korrespondiert.

Eine Arbeit der Rottweiler Künstlerin Eva Bur am Orde, ausgestellt in der Klosterkirche Oberndorf. Foto: pm

NRWZ: Was kennzeichnet aus Ihrer Sicht denn unseren Kulturraum?

Bernhard Rüth: Hier muss ich vorausschicken, dass wir keine Kunstgeografie betreiben, um den Landkreis als „Kunstlandschaft“ auszuweisen. Es geht ganz pragmatisch darum, das Sammlungsgebiet regional abzugrenzen. Der Raum zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb ist deshalb ein Kulturraum, weil er eine signifikante Dichte an kultureller Kommunikation aufweist. Das hängt unter anderem mit der Presselandschaft und dem Beziehungsgeflecht der Künstler zusammen. Uns geht es um die Kunst, die hier im Landkreis und in seinem Umfeld entsteht.

NRWZ: Kunst gilt immer als Indikator gesellschaftlicher Entwicklungen. Welche Themen spiegelt und verhandelt denn die Kunst, die der Kreis in den vergangenen Jahren in seine Sammlung aufgenommen hat?

Bernhard Rüth: Das thematische Spektrum ist wie bei den künstlerischen Ausdrucksformen breit gefächert. Es gibt Künstler, die sich vor allem mit Formen und Materialien beschäftigen, aber da sind auch Werke, die sich deutlich mit Themen unserer Zeit auseinandersetzen. In der Ausstellung ist etwa eine Arbeit von Reinhard Sigle zu sehen, die sich inhaltlich auf die Geflüchteten und Ertrinkenden im Mittelmeer bezieht. In anderen Fällen ist der Bezug eher mittelbar. Aber man wird bei genauem Hinsehen viele Ansatzpunkte finden. Albrecht Fendrich etwa hat als Foto-Grafiker das Turmbauprojekt in Rottweil begleitet und sich mit diesem regionalen Thema intensiv auseinandergesetzt. Auch religiöse Kunst ist zu sehen – etwa ein gekreuzigter Christus, ein frühes Werk von Erich Hauser; ebenso vertreten ist der Künstler Siegfried Haas.

NRWZ: Bei der religiösen Kunst nennen Sie verstorbene Künstler – ist religiöse Kunst mittlerweile ein Randthema?

Bernhard Rüth: Das kann man quantitativ gesehen wohl so sagen. Dies hängt damit zusammen, dass die Säkularisierungstendenzen in unserer Gesellschaft weiter voranschreiten. Die früher so dominierende sakrale Kunst öffnet sich jedoch auch und gewinnt einen weiteren Horizont als in der Vergangenheit.

NRWZ: Kaufen und sammeln heißt immer auch kanonisieren – also etwas in eine Auswahl hineinnehmen oder auch nicht. Wie gehen Sie mit diesem Zwang zur Auswahl um?

Bernhard Rüth: Da ist das zweite Prinzip für die Kunstsammlung des Kreises – neben dem der Regionalität – ausschlaggebend: Qualität. Das machen wir an einem ganzen Kriterienbündel fest, etwa daran, wie repräsentativ, individuell und originell ein Werk ist. Hinzu kommt das Kriterium der Professionalität. Diese wird jedoch nicht einfach mit akademischer Ausbildung gleichgesetzt. Ins Gewicht fallen zudem Faktoren wie Präsenz im öffentlichen Raum und Rezeption in der Kunstwissenschaft. Auf dieser Basis wählen wir aus. Wir bekommen im Übrigen auch Werke geschenkt.

Eine Foto-Grafik des Künstlers Albrecht Fendrich, der die Entstehung des Rottweiler Testturms begleitet hat. Foto: pm

NRWZ: Wie zugänglich sind die Kunstschätze denn außerhalb von Ausstellungen – schlummert das alles im Depot?

Bernhard Rüth: Unsere Sammlung ist grundsätzlich öffentlich zugänglich. Das geht so weit, dass man zu uns kommen kann, um ein bestimmtes Kunstwerk anzuschauen. Im Wasserschloss Glatt betreibt der Landkreis ein Kunstmuseum. Wir sind am „kunst raum rottweil“ im Dominikanermuseum beteiligt, zeigen Werke, vor allem Neuankäufe, in der Galerie im Landratsamt und bespielen außerdem die Galerie Wilhelm Kimmich in Lauterbach sowie die Kunststiftung Paul Kälberer in Glatt. Damit wird allerdings nur eine Auswahl der über 700 Werke umfassenden Sammlung öffentlich gezeigt. Im Übrigen sind wir dabei, die Dauerausstellung in der Galerie Schloss Glatt zu überarbeiten und um andere Werke aus der Sammlung zu erweitern.

Der Landkreis erwirbt, wenn sich die Gelegenheit bietet, auch ältere Arbeiten mit Bezug zur Region, wie dieses Gemälde von Philipp Bauknecht aus dem Jahr 1922. Foto: pm

NRWZ: Wo sehen Sie denn Lücken, was würden Sie gerne ergänzen?

Bernhard Rüth: Wie beobachten den Kunstbetrieb. Wenn wir davon ausgehen, dass von Fall zu Fall die Kriterien erfüllt sind, ergänzen wir die Sammlung im Gegenwartsbereich. Ansonsten nutzen wir jede Gelegenheit, Kunst der klassischen Moderne sowie alte Kunst anzukaufen – auch mit Unterstützung der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke.

NRWZ: Gerade durchlaufen wir eine Pandemie, die vermutlich dazu führt, dass die öffentliche Hand später wird sparen müssen. Befürchten Sie hierdurch Einschänkungen?

Bernhard Rüth: Derzeit nicht. Der Auf- und Ausbau der Kunstsammlung wird kontinuierlich vom Kreistag unterstützt. Ich hoffe, dass diese Unterstützung bestehen bleibt.

Bernhard Rüth. Archivfoto: al

NRWZ: Haben Sie ein Lieblingsstück in der Ausstellung?

Bernhard Rüth: Mir sind die Werke allesamt ans Herz gewachsen, sonst hätten sie nicht Eingang in die Ausstellung gefunden. Aber wenn ich ein Bild herausheben sollte, das in seiner Wirkungskraft herausragt, dann das große Rottweil-Bild von Norbert Stockhus. Mich fasziniert, wie der Künstler das Ungleichzeitige verbindet, wie er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in künstlerisch anregender Weise zusammenbringt.

Die Frage stellte unser Redakteur Andreas Linsenmann.

Info: Die Ausstellung im „kunst raum rottweil“ soll nach aktuellem Stand bis 25. April zugänglich sein. Der Bestandskatalog der Kreis-Kunstsammlung (Neuerwerbungen aus dem Zeitraum 2011–2020) ist beim Stabsbereich im Landratsamt Rottweil ist zum Preis von 16 Euro erhältlich.

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