Heiligenbronn. Taubblindheit ist eine besondere Form der Beeinträchtigung. Dank spezifischer Diagnostik und Pädagogik bieten sich Menschen mit Taubblindheit heute weitaus bessere Möglichkeiten zur Entwicklung und Teilhabe als noch vor 25 Jahren. Damals startete der Bereich Taubblindheit der Stiftung St. Franziskus in Schramberg-Heiligenbronn offiziell. Er bewirkte wegweisende Entwicklungen in diesem noch jungen Fachgebiet. Sie haben Heiligenbronn auch international bekannt gemacht.
Es ist das einzige Kompetenzzentrum für Taubblindheit in ganz Baden-Württemberg und nur eines von vier in ganz Deutschland: der Bereich Taubblindheit/Hörsehbehinderung der St. Franziskus in Heiligenbronn. Ein überaus anerkanntes und fachlich hochversiertes Tätigkeitsfeld der Stiftung innerhalb des Geschäftsbereichs Teilhabe, früher: „Behindertenhilfe“. Aus ihm gingen zahlreiche wegweisende Entwicklungen und spannende Innovationen hervor, wie etwa der Fachbereich der Pädagogischen Audiologie, dem es gelingt, vorhandenes Resthörvermögen zu erfassen. (Zum besseren Verständnis: Ein als „taubblind“ eingestufter Mensch kann durchaus noch über ein schwaches Gehör und/oder Sehvermögen unterhalb eines Schwellenwerts verfügen.)

Dank solcher Entwicklungen und weiterer Meilensteine in Sachen Diagnostik und Pädagogik, konnte die Förderung und Unterstützung von Menschen mit Taublindheit im Allgemeinen sowie vor Ort in Heiligenbronn auf ein neues Niveau gehoben werden. Und das innerhalb von nur 25 Jahren. Die Arbeit im Bereich Taublindheit gilt als noch junges Fachgebiet. Wissenschaft, Forschung und Praxis nahmen erst um die Jahrtausendwende herum an Fahrt auf. Engagierte, hochmotivierte sonderpädagogische Fachkräfte aus Heiligenbronn mischten von Anfang in der „Szene“ mit, die international stark vernetzt ist.
Ein Durchbruch in diesem Bereich war die Erkenntnis, dass Taubblindheit nicht etwa die Addition aus Taubheit und Blindheit ist. Sondern eine Beeinträchtigung eigener Art. Seit rund einem Vierteljahrhundert wird daher ein spezifischer Ansatz für betroffene Menschen verfolgt. Was zu deutlich verbesserten Möglichkeiten geführt hat, in Kontakt mit diesen Menschen zu treten, sie zu fördern und sogar Bildung und Teilhabe zu ermöglichen. Etwa durch die Förderung kognitiver Fähigkeiten, von Orientierung und Mobilität.
Unter dem Dach der Stiftung St. Franziskus werden heute vor allem am Hauptstandort Heiligenbronn zahlreiche Angebote und Einrichtungen bereitgestellt, die die diversen Lebensspannen umfassen: Beratungsangebote in den Bereichen Frühförderung und Schulbildung sowie Beratung für Erwachsene mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung, Maßnahmen zur Förderung und Betreuung von Erwachsenen, Arbeitsbegleitung und Arbeitsmaßnahmen, etwa in den dort ansässigen Werkstätten der Stiftung, sowie Einrichtungen zum Wohnen, Lernen und für die Freizeit. Und das stets auf dem neuesten Stand der Wissenschaft, Diagnostik und Pädagogik.
Mit dem ganzen Körper hören und sehen Die Stiftung St. Franziskus ist eines der größten sozialwirtschaftlichen Unternehmen in Baden-Württemberg mit Einrichtungen und Diensten für Kinder, Jugendliche und deren Familien, Menschen mit Behinderungen sowie für alte und pflegebedürftige Personen. Knapp 2.700 Mitarbeitende unterstützen rund 6.300 Klienten.
In Planung befindet sich aktuell ein neues, zukunftsweisendes Schul- und Taubblinden-Zentrum am Standort. Es soll Bildung, Förderung und Teilhabe auf Basis innovativer pädagogischer Konzepte in einem Gebäude vereinen. Diese spezialisierten Fachangebote mit zusätzlichen Plätzen für Kinder und Jugendliche mit Sinnes- und Mehrfachbehinderungen werden durch großzügige Spenden, wie die der Hermle-Stiftung, ermöglicht.

Hintergrund: Wie Heiligenbronn zu einem Zentrum der Taubblindenarbeit wurde
Dass sich in Schramberg-Heiligenbronn heute eine bundesweit beachtete Expertise im Bereich Taubblindheit entwickelt hat, ist das Ergebnis eines langen Weges – fachlich, institutionell und historisch. Die Grundlagen dafür reichen weit zurück.
Historische Wurzeln im 19. Jahrhundert
Mitten im Schwarzwald entstand im 19. Jahrhundert zunächst ein Kloster mit angeschlossener Einrichtung für Kinder ohne familiäre Unterstützung. Bereits ab 1860 wurden dort Kinder mit Gehörlosigkeit unterrichtet, später auch Kinder mit Blindheit. Damit entwickelte sich am Standort früh eine Spezialisierung auf Sinnesbehinderungen – lange bevor der Begriff „Taubblindheit“ als eigenständige Behinderung fachlich definiert war.
Aus diesen Anfängen ging über viele Jahrzehnte hinweg eine differenzierte Bildungs- und Unterstützungsstruktur hervor. In den 1990er Jahren entstand daraus die heutige Stiftung St. Franziskus mit ihren sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren für Hören und Sehen – und in deren Umfeld wuchs schließlich auch die spezialisierte Taubblindenarbeit.
Vom Einzelfall zur strukturierten Facharbeit
Ein entscheidender Impuls kam Ende der 1960er Jahre: Ein stark hörsehbehindertes Kind wurde erstmals gezielt gefördert, nachdem erkannt worden war, dass keine geistige Behinderung vorlag, sondern eine bislang nicht richtig eingeordnete Sinnesbeeinträchtigung. Diese Neubewertung veränderte den Blick grundlegend – und machte deutlich, wie existenziell eine präzise Diagnostik für die Entwicklungschancen betroffener Kinder ist.
In den folgenden Jahrzehnten entstanden schrittweise neue Angebote:
- individuelle Hausbeschulung,
- erste arbeitsbegleitende Maßnahmen für Erwachsene,
- gezielte Frühförderung im Wohnumfeld der Familien,
- spezialisierte Internatsgruppen für Kinder und Jugendliche,
- eigene Wohnangebote für Erwachsene mit Taubblindheit.
So entwickelte sich aus einzelnen Initiativen eine systematische Unterstützungsstruktur über alle Lebensphasen hinweg.
Professionalisierung und wissenschaftliche Vernetzung
Parallel dazu wuchs die fachliche Fundierung. Heiligenbronn beteiligte sich an europäischen Projekten, baute Qualifizierungsangebote für Taubblindenassistenz auf und intensivierte die internationale Zusammenarbeit. Ein internationaler Fachkongress am Standort machte deutlich, welche Rolle die Einrichtung inzwischen im europäischen Netzwerk spielte.
Ein wichtiger Entwicklungsschritt war zudem die enge Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Gemeinsam wurde unter anderem ein Screeningverfahren entwickelt, das hilft, Taubblindheit beziehungsweise Hörsehbehinderung früher zu erkennen. Frühzeitige Identifikation gilt heute als Schlüsselfaktor für Entwicklungs- und Teilhabechancen.
Pädagogische Audiologie als Meilenstein
Ein besonderes Profilmerkmal bildet die Pädagogische Audiologie, die seit 2010 aufgebaut wurde. Hier wird Resthörvermögen unter pädagogischen Bedingungen differenziert erfasst. Anders als in rein medizinischen Settings steht dabei das individuelle Wahrnehmungsverhalten im Alltag im Mittelpunkt.
In Zusammenarbeit mit externen Akustikspezialisten und medizinischen Partnern können Hilfsmittel direkt erprobt und angepasst werden. Das Angebot richtet sich inzwischen nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern auch an Erwachsene.
Lebensräume für Kinder, Jugendliche und Erwachsene
Neben Diagnostik und Bildung spielt die Gestaltung stabiler Lebensumfelder eine zentrale Rolle. Auf dem Gelände in Heiligenbronn bestehen heute unterschiedliche Wohnformen für Erwachsene mit Taubblindheit sowie Übergangsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene, die sich zwischen Schulzeit und eigenständigem Leben befinden.
Gerade diese Übergangsphasen gelten als sensibel. Spezifische Wohnkonzepte ermöglichen es, Selbstständigkeit schrittweise zu entwickeln – mit verlässlichen Bezugspersonen und einer Umgebung, die auf besondere Wahrnehmungsbedarfe abgestimmt ist.
Ausblick: Bündelung unter einem Dach
Derzeit wird ein Neubau vorbereitet, der schulische, diagnostische und pädagogische Angebote räumlich zusammenführen soll. Ziel ist eine bauliche Infrastruktur, die moderne Technik, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und spezialisierte Förderung stärker verzahnt.
Fazit
Die heutige Rolle Heiligenbronns als Kompetenzzentrum ist nicht das Ergebnis eines einzelnen Projekts, sondern einer über Jahrzehnte gewachsenen Spezialisierung. Historische Erfahrung, wissenschaftliche Kooperation, internationale Vernetzung und kontinuierliche Angebotsentwicklung haben dazu beigetragen, dass sich am Standort eine eigenständige Fachkultur für Menschen mit Taubblindheit/Hörsehbehinderung etablieren konnte.
Während der Hauptartikel die fachliche Bedeutung der vergangenen 25 Jahre beschreibt, zeigt dieser Hintergrund, wie sich diese Entwicklung strukturell und historisch entfaltet hat – und warum der Standort heute bundesweit eine besondere Stellung einnimmt.


