Die kalten Schultern von Rottweil

Ein satirischer Gastbeitrag von Thomas C. Breuer

Autor / Quelle: Gastbeitrag
Lesezeit 11 Min.
Foto: Peter Arnegger

Der Landkreis Rottweil tut sich schwer mit der Begrüßung, als wenn er gar nicht existieren würde. Freudenstadt hat Hinkelsteine an die Kreisgrenzen gewuchtet, Balingen grüßt als Kreis der Hohenzollern, fragt aber zum Glück nicht trumpartig  nach hohen Zöllen. Tuttlingen vermarktet sich als „Weltzentrum der Lebensqualität“, was ein wenig übertrieben scheint. Rottweil aber stößt schon an den Kreisgrenzen an seine Grenzen: bei der Einfahrt ins Hoheitsgebiet auf der B27 prangt eine große Tafel: „So nicht!“ Damit ist der Ton gesetzt, der Kreis lässt seine Besucher eher abblitzen. In den Sechzigern nannte man das „Theorie der Abschreckung“.

Bleiben wir auf der B27: Das Queren des baulich wenig erbaulichen Schömberg im Outback des Zollernalbkreises ist schon keine Offenbarung, weil sie dort nahezu sämtliche Spuren der Vergangenheit rigoros getilgt haben. Hier ein Tipp für die Vermarktung: „Schömberg. Ein Albtraum!“ Die Stadt in epischer Länge zu durchmessen, ist schwer fürs Gemüt. Es folgt als erste Ansiedlung im Landkreis der Rottweiler Ortsteil Neukirch mit seinen trostlosen Wohnzimmern, leider gut einsehbar bei der Durchfahrt, die ebenso wenig Trost spenden. Den Bewohnern und vor allem den Vorbeireisenden wären Vorhänge zu gönnen. Nach einer der bundesweit schönsten Anfahrten auf ein Gemeinwesen – auf einem echten Viadukt – holt einen gleich der heruntergekommene „Löwen“ in Rottweil auf den Boden der Tatsachen. Und dann ist man da, als Gast. Was nun? Gut, niemand wird den ausgerollten roten Teppich erwarten, unter Teppich versteht man hier eh etwas völlig anderes. Was Teppiche anbelangt, bleiben die Einheimischen ohnehin gerne auf selbigem.

Zu Gast in Rottweil. Vor über dreißig Jahren ist mir in Neuengland ein Autoaufkleber aufgefallen: „Welcome to Vermont. Now go home!“ Wie ist es hier – bieten sie Gästezimmer an oder Fremdenzimmer? Bald rundet die neue JVA das Angebot ab, fürsorglich weist eine Tafel darauf hin: „Hier baut das Land Baden-Württemberg für Sie …“ Ganz arg vielen Dank! Kleines Rätsel: wo genau ist in „Gastronomie“ das Wort Gast versteckt? Besucher wollen verpflegt werden, auch da erinnert mich die Stadt an Amerika: Little Rock, Arkansas, in den frühen Neunzigern, von fünf Restaurants haben drei dauerhaft geschlossen und die beiden anderen irgendwie auch nicht auf, schrieb ich damals in mein Notizbuch.

In den letzten Jahren hat sich in Rottweil zwar mancherlei zum Positiven gewandelt, dennoch ist viel Luft nach oben. (Von Little Rock weiß ich’s nicht, ist mir mittlerweile auch wurscht.) Luft ist immerhin etwas, womit Rottweil punkten kann: die ist hier einfach besser als in Stuttgart. Häufig jedoch sieht man Scharen verschreckter Touristen durch die Stadt irren auf der Suche nach Futtertrögen, ausgesetzt von unbarmherzigen Busfahrern. Busse und Buße, ist diese Verwandtschaft Zufall? Hektisches Hämmern auf dem Smart­phone: Wohin, lautet die verzweifelte Frage. Ich fühle mit ihnen. Gut, es gibt Angebote sonder Zahl, aber die Öffnungszeiten sind oftmals kurios. Montags sollte man die Stadt meiden. Gastronomen verweisen dabei gerne auf den Personalmangel – kann es nicht sein, dass die Stellen mitunter nicht so richtig attraktiv sind, was Bezahlung und Arbeitszeiten angeht?

Weit verbreitet ist zudem eine gastritisbegünstigende Verköstigung mit Zwiebelrostbraten und Co., die bei konsequenter Nutzung zur Gastroskopie führen kann. Das ist nicht als Angriff auf die örtlichen WirtInnen zu verstehen, schließlich will ich auch noch auswärts essen gehen können, aber eine Ausweitung des Angebots möchte schon sein. Gute Ansätze gibt es – Markthalle, Küchenschelle, Felicitá usw. – ein paar mehr können nicht schaden. Was Leerstände angeht: das Problem zeigt sich ja weltweit. Es gibt aber tatsächlich Städte, die weitgehend ohne auskommen. Dem sollte man nachspüren. Zum Glück hat man hier bisher darauf verzichtet, sog. „Gemälde“ von Hobbymalern in die Fenster zu stellen oder „Antiquitäten“, ein Euphemismus für Gerümpel, was immer etwas Verzweifeltes hat. Die Innenstadtmanagerin ist nicht zu beneiden, zumal manche Hausbesitzer nicht immer das sind, was man zugänglich oder flexibel nennt. Erfreulicherweise steckt beim „Gewerbe- und Handelsverein“ das Verb „handeln“ irgendwie mit drin, und vielleicht lässt sich in der Stadtverwaltung eine adäquate Vokabel ausfindig machen.

Kulturell ist in Rottweil zwar einiges geboten, neuerdings – wie anderswo auch – dominieren Streichkonzerte den Kalender. Andere sog. „Eventle“ haben sich in vorauseilendem Gehorsam gleich selbst verzwergt: der Ferienzauber ist zumindest am Wasserturm zu einem Biergarten verkommen, wozu braucht es dafür eigentlich Fördergelder? Dazu passt die letztjährige Programmankündigung eines örtlichen Comedians wie die Faust aufs Auge: „Es ist das Größte, Menschen zum Lachen zu bringen und ihre Sorgen für einen Moment zu vergessen!“ Wohl wahr.

Schon sind wir beim dominanten Stadtthema: der Narrensprung ist narrensicher – was für die Stadt den propagierten „Ausnahmezustand“ bedeutet, beschert der Gastronomie einen sicheren „Einnahmezustand.“ In Sachen „Fasnet“ funktioniert alles bestens, und vielleicht gehen hier schon wertvolle Energien verloren. Die Frage ist doch: wie kann man die Rottweiler auch für andere Themen begeistern? Würde es helfen, die „Abstauber“ regelmäßig durch die Straßen zu schicken und deren Kompetenzen zu erweitern?

Natürlich bewegt sich einiges. die „großzügige Freitreppe“ am Münsterplatz, die das Zeug hat, der „Spanischen“ in Rom den Rang abzulaufen, der Test-Turm, die Landesgartenschau, selbst die Hängebrücke (aka „Neckarline“), die keine Hängepartie mehr ist, dazu der eine oder andere Weinberg, ja, zur Not sogar die JVA, das Potenzial ist da, nur: kann es sein, dass sich die Rottweiler – eine seltsame Mischung aus Verzagtheit und Selbstgenügsamkeit – zu schnell zufriedengeben? Mut und Visionen sucht man oft vergebens, Schönheit als Fluch. Den Verkehrsversuch hat man beherzt an die Wand gefahren, jetzt dümpelt ein Parkhaus wie ein havariertes Kreuzfahrtschiff in Innenstadtnähe, von Gott und allen guten Geistern verlassen. Leerstellenmangel herrscht hier nicht, die weitgehend freien Parkplätze erzählen auch etwas über die Attraktivität einer Stadt. Der Kassenautomat befindet sich im Freien, unbedacht – schön für den, der im Regen, womöglich mit Einkäufen beladen, seine Nummer eingeben muss. Auch das ist: unbedacht. Generell dünnen die Parkgebühren das Publikum – Schwaben halt – aus und treiben unerschrockene Besucher auf der Suche nach den letzten freilebenden Parkplätzen in die umliegenden Wohngebiete, sehr zur Freude der Anwohner. Oder sie bleiben gleich ganz weg.

Balingen mag gewiss nicht mit seiner Anmut glänzen, aber es gibt weniger Leerstände, vielleicht sind dort die Kreditkarten ergiebiger, und die Stadt lädt ein zum shop­pen und verweilen. Solange den Rottweilern der Mut zur Umwidmung der Hoch­brücktorstraße zur Fußgängerzone abgeht, so lange wird der Friedrichsplatz seine Unbehaustheit behalten. Dabei heißt es doch Flaniermeile und nicht: Blamiermeile.

Die schöne Graphik mit der Silhouette der Stadt mit ihren Türmen sieht von weitem aus wie ein Belastungs-EKG. Merkwürdig allerdings der obsessive Brauch, diese Türme möglichst lange mit Gerüsten zu versehen. (Fachausdruck: Christo-Komplex.) Wie dem auch sei: diese Stadt hat kein Problem mit „Overtourism“, könnte allerdings bald eines bekommen mit „Undertourism“, Gartenschau hin, Gartenschau her. Die LGS als letzte Chance, in vielen Städten hat sie sich als leicht grüngewaschener Wiederbelebungsversuch erwiesen. Man darf ihr allerdings nicht alle Probleme der Stadt aufhalsen. Als Auswärtiger darf man sich bislang eher als „persona non grata“ fühlen. Wie heißt es noch zur Begrüßung auf der B27? „So nicht!“ Wobei – auf die Idee sind sie nicht mal allein gekommen, wenn man genauer hinschaut, findet man den Landkreis Tuttlingen in der Unterzeile. Was einem das Schild sagen soll? Blende nicht auf? Fahr nicht so dicht ran? Überholvorgänge sind überholt? Mach langsam, in Rottweil hat eh alles zu? Fahr keinen Audi!? (Nur Audifahrer verhalten sich oftmals bescheuert auf der Straße, und vielleicht noch BMW.)

Vor zwanzig Jahren habe ich reichlich naiv die Umbenennung der sog. „Gewinnerregion“ (Schwarzwald-Baar-Heuberg) in „Vorsicht-Dachlawinen-Region“ vorgeschlagen, was von offizieller Seite zum Glück nie aufgegriffen wurde, denn mittlerweile ist Schnee eher zum raren Gut geworden. Der Schwarzwald-Baar-Kreis präsentiert sich sprudelnd als „Quellenland“ – welcher Namen würde also für den Kreis Rottweil taugen? Interimsmäßig könnte man es vielleicht mit „Irgendwas mit Fasnet“-Kreis versuchen. Langfristig drängt sich freilich auf: „Landkreis Rottweil. Kimmich!“

Derzeit gilt (noch): Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es überhaupt nichts zu sehen! Werden die rat- bis hilflosen Besucher noch einmal wiederkommen? Nö. Merke: What happens in Rottwhile, doesn’t necessarily stay in Rottwhile. Der Kreis will investieren in Straßen und Brücken, heißt es Ende November. Das ist löblich, aber meine Güte, für den Anfang würde es erst einmal ein einfaches Schild tun, d.h. besser ein paar von ihnen, selbst an den weltabgewandten Seiten des Kreises, die können doch nicht die Welt kosten (jedenfalls weniger als ein neues Landratsamt), und so viel Aufwand wäre es auch nicht. Ich frage ja nicht nach einem professionellen Grüßaugust, aber als allererstes, und dies geht an die Adresse des neuen Landrats, gehören einladende Begrüßungstafeln an die relevanten Straßen, wenigstens als eine annähernd erste Bekundung guten Willens. Willkommen!

Thomas C. Breuer

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