„Aufmalung umgesetzt“ – mehr nicht

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„Muss denn erst etwas Schlimmes passieren, bis die Behörden reagieren?“ Diese Frage haben sich viele schon gestellt, in ganz unterschiedlichen, individuellen Situationen. In Villingendorf auch, dort etwa in einem Wohngebiet am Ortsende Richtung Bösingen. Dort ist dann tatsächlich etwas Schlimmes passiert, ein Unfall mit Ansage, vor dem Anwohner immer gewarnt haben. Der Bürgermeister versprach, zu reagieren. Das hat er auch, etwa mit einer Verkehrsschau vor Ort und vier beteiligten Behörden. Die kommen allesamt zu dem Schluss: Mehr als eine „Aufmalung“ braucht es nicht. Auch an anderen Stellen im Wohngebiet tut sich so gut wie nichts. In Rottweil hat die Stadtverwaltung nach Monaten immerhin eine Steckdose auf einen E-Parkplatz gepinselt (obwohl sie das zunächst nicht für nötig gehalten hatte).

Schwerer Unfall in Villingendorf – an einer Stelle, an der Anwohner ihn geradezu erwartet haben. Foto: privat

Wir können hier eigentlich nur wiederholen, was wir schon im vergangenen September geschrieben haben: Seit Jahren gibt es Unmut in Villingendorf. Anwohner eines Neubaugebiets rund um die Neckarstraße sehen diese als Rennstrecke missbraucht. Und sie befürchten, „dass es mal kracht“, wie man so schön sagt. Das ist dann, Mitte September, an einem späten Samstagvormittag, passiert. Heftig: Ein Rollerfahrer wurde schwer verletzt, als ein Kastenwagen ihm die Vorfahrt nahm und ihn mit hoher Geschwindigkeit rammte. Für manche ein Unfall mit Ansage. Und die Gemeinde, sie tue nichts. Diesen Vorwurf wies Bürgermeister Marcus Türk allerdings damals schon von sich.

Und tatsächlich: Laut einer kleinen Meldung im aktuellen Mitteilungsblatt ist seit dem schweren Unfall viel geschehen, so jedenfalls aus Verwaltungssicht. Eine Verkehrsschau hat stattgefunden. „Im Nachgang zu einem tragischen Unfallereignis in der Neckarstraße“, steht im Amtsblatt der Gemeinde, „wurde bei der Verkehrsschau auch die Einmündungssituation Neckarstraße/Bachstraße mit der zuständigen Straßenverkehrsbehörde besichtigt.“ Vertreter des Villingendorfer Rathauses und des Landratsamts waren dort also vor Ort unterwegs. Auch der fachliche Rat der Polizei ist eingeholt worden.

Ergebnis: keine sogenannten Haifischzähne als eine Bremslinie vor der von rechts unübersichtlich einmündenden Bachstraße. Sogar das Regierungspräsidium „sollten derartige Aufmalungen als zusätzlicher Hinweis auf eine Rechts-vor-Links-Regelung nur dort angebracht werden, wo dies aufgrund der besonderen Umstände zwingend erforderlich ist“, schreibt die Gemeinde in ihrem Amtsblatt. Und: „Eine solche Situation wird an der genannten Stelle bisher nicht gesehen.“

Etwas provokativ gefragt: Ein schwer verletzter Rollerfahrer, der Gott sei Dank inzwischen wieder auf den Beinen ist, sein heftiger Vorfahrtsunfall stellt keine „solche Situation“ dar? Offenbar. Da hatte auch der Gemeinderat nichts auszusetzen, das Gremium habe „von der Information Kenntnis“ genommen, steht abschließend im Amtsblatt.

Wobei – so ganz untätig war die Gemeinde, waren Bürgermeister Türk und sein Team ja nicht. So ist inzwischen eine sogenannten „Tempo-30-Aufmalung“ aufgebracht worden. Ein Anwohner wendet allerdings ein, dass es diese an selber Stelle früher schon gegeben habe, dass sie nach Asphaltarbeiten bloß nicht erneuert worden sei. Und direkt vor der Kreuzung hängt eine Geschwindigkeitsanzeige (die auch schon vor dem Unfall dort gehangen hatten, deren Akkus damals aber schon lange leer gewesen sind).

Umgesetzte Aufmalung, angebrachtes Schild, beides gab’s schon vor dem Unfall.
Geschwindigkeitsanzeige an der der Unfallstelle – die damals, zum Unfallzeitpunkt, auch schon vorhanden gewesen ist, aber nicht funktionierte. Fotos: gg

Aufmalungen umgesetzt, also, mehr nicht. Für einen der Anwohner ist das „gelebte Bürgernähe“ – was er sarkastisch meint, ist es also gerade nicht. „Ich sehe hier keinen Lösungsansatz oder gar eine Verbesserung der Situation“, schreibt er. Das lange schon, auch vor dem Unfall bestehende Tempo-30-Schild „hilft leider nicht“, ergänzt er.

Fahrspuren von Lieferwagen auf einem reinen Fußgängerweg in Villingendorf. Poller oder eine Stange will die Gemeinde nicht anbringen lassen – aktuell, um dem Winterdienst die Arbeit zu ermöglichen. Der findet aber offenkundig auch nicht statt. Foto: privat

Für die Gemeinde Villingendorf ist die Sache aber „bisher“, wie sie schreibt, erledigt. Auch an anderer Stelle, nur ein paar Meter von dieser Einmündung weg. Dort werden Fuß- und Radverbindungen zwischen den Anwohnerstraßen als Abkürzungen missbraucht. Bis zu sechsmal die Woche braust dort ein Paketdienst entlang, beobachtet ein weiterer Anwohner. Seine Frau habe kürzlich samt Kinderwagen wegen einem dieser Lieferanten in den Dreck ausweichen müssen. Der Weg ist gerade mal so breit wie ein Sprinter. Er sei deshalb immer wieder bei der Gemeinde vorstellig geworden. Eine Stange, ein Poller? Kommt beides nicht. Der Bürgermeister soll ein größeres Schild versprochen haben. Bisher hängt dort ein „Nur für Fußgänger“-Schild. Bald soll ein neues, dieses runde, blaue kommen: Sonderweg für Fußgänger/Radfahrer. Ob das die Sprinter-Fahrer von ihren Abkürzungen abhält?

In Rottweil hat das Ordnungsamt nach bald rund eindreiviertel Jahren die ursprüngliche Haltung korrigiert. So war man davon ausgegangen, dass ein Parkschild mit dem Zusatz „Elektrofahrzeuge während des Ladevorgangs“ ausreiche, um Fahrer von Verbrennern davon abzuhalten, ihr Auto dort abzustellen. Ein Rechtsanwalt gab, von der NRWZ befragt, dieser Sicht recht. Die Stadt zeigte sich dem zusätzlichen Aufbringen eines Piktogramms aber nicht abgeneigt. Et voilà – nun ist es da.

E-Ladesäule in Rottweil – inzwischen ist dort ein Piktogramm angebracht und der Fahrer dieses Wagens konnte ihn daher zum Laden abstellen. Foto: gg
Peter Arnegger (gg)
Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.

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