Kunst-Symposium in Rottweil: Krise und Kampfgeist

Foto: Andreas Linsenmann

Ein star­kes Gefühl von Krise, aber auch Kampfgeist präg­ten ein hoch­ka­rä­tig besetz­tes Symposium auf der Rottweiler Hauser-Saline zum Thema „Die poli­ti­sche Dimension der Kunst – Bedingungen, Grenzen und Perspektiven“, das am Wochenende statt­fand.

Quirlig und betrieb­sam wie sel­ten ging es am Freitag und Samstag in und um die ehe­ma­li­ge Werkstatthalle Erich Hausers auf der Saline zu: Über 200 teils weit ange­reis­te Wissenschaftler, Studenten, Museumsleute, Sammler und Kunstfreunde folg­ten einem dicht gewo­be­nen Programm aus Vorträgen, Diskussionen und Performances.

Den roten Faden der vom Netzwerk „Reden über Kunst“, einer Kooperation der Kunststiftung Erich Hauser, der St. Georgener Sammlung Grässlin, der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen sowie dem Projekt Fürstenberg Zeitgenössisch orga­ni­sier­ten Tagung, bil­de­te die Frage, wie poli­tisch Kunst heu­te sein kann und soll.

Dieser Fragekomplex, der sich rasch auch als sen­si­ble Bestandsaufnahme aktu­el­ler gesell­schaft­li­cher Entwicklungen erwies, wur­de in pro­duk­ti­ver Weise aus ver­schie­de­nen Perspektiven in den Blick genom­men: mit kunst­theo­re­ti­schem Analyse-Instrumentarium, sozio­lo­gisch, aber auch pra­xis­ori­en­tiert anhand der Erfahrung von Ausstellungsmachern. Mit krea­ti­ven Impulsen wur­de auch die Kunstproduktion ein­ge­bun­den – am Freitagabend etwa anhand einer Performance rund um die Hauser-Kolosse im Skulpturenpark.

Eine beson­ders über­zeu­gen­de Verschränkung von Gegenwartsanalyse und krea­ti­ver Reaktion prä­sen­tier­te der Künstler Marc Lee. Er skiz­zier­te zunächst die Logiken und Ausmaße der digi­ta­len Produktion von Inhalten. Und zeig­te dann anhand einer von ihm pro­gram­mier­ten Plattform, mit der sich von jeder­mann im Netz Kampagnen star­ten las­sen, wel­cher Tsunami an Informations- und Reizpartikeln per­ma­nent über die Nutzer hin­weg bran­det, wenn die digi­ta­len Schleusen geöff­net sind. Der Erkenntnis-Mehrwert lag nicht zuletzt dar­in, dass Lee neben dem schie­ren Umfang der Inhalte mani­pu­la­ti­ve Potenziale des Internets sinn­lich erfahr­bar mach­te.

Einen Schwerpunkt des Symposiums bil­de­te die Frage, wie Kunst öffent­lich wahr­ge­nom­men und gesell­schaft­lich ver­han­delt wird.  Experten und ein auf­merk­sam lau­schen­des Auditorium waren sich einig, dass sich der­zeit eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Polarisierung voll­zieht. Der libe­ra­le Konsens der Nachkriegs- Jahrzehnte wer­de von rechts­na­tio­na­len Kräften offen­siv atta­ckiert, kon­sta­tier­te etwa die Künstlerin Alice Kreischer. Letztlich gehe es um den Geltungsanspruch von Deutungsmustern: Kann die offe­ne Gesellschaft ihre Akzeptanz bewah­ren oder wird sie zuneh­mend als Dekadenzmodell dif­fa­miert und unter­höhlt?

Die Kunst wur­de als ein wich­ti­ger Kampfplatz die­ser Auseinandersetzung iden­ti­fi­ziert – erkenn­bar etwa am Versuch von AfD-Akteuren, auf Theater-Spielpläne Einfluss zu neh­men. Wiederholt wur­de in die­sem Zusammenhang zur kämp­fe­ri­schen Gegenwehr auf­ge­ru­fen, etwa von Holger Kube Ventura, dem Leiter der Sammlung für kon­kre­te Kunst am Kunstmuseum Reutlingen.

Mögliche Entwicklungslinien zeig­ten Referenten aus Österreich auf. Der in Wien leh­ren­de Helmuth Draxler etwa ver­wies auf seit Jahren schlech­ter wer­den­de Bedingungen für Künstler in sei­nem Land. Eine erhel­len­de Vergleichsfolie bot indes der Blick nach Ungarn, das, wie der Künstler Georg Winter beton­te, auf­grund eines repres­si­ven Klimas in den ver­gan­ge­nen zehn Jahren bereits mehr krea­ti­ve Köpfe ver­las­sen haben, als nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956.

Deutlich wur­de, dass der Legitimationsdruck für Kunst allent­hal­ben wächst, etwa durch die Koppelung von Finanzierungen an Besucher-Zahlen. Eine sol­che Ökonomisierung und Unterordnung unter ein Effizienzdenken gefähr­de die Autonomie der Kunst – so eine weit­ge­hend geteil­te Einschätzung. Erschreckend popu­lis­ti­sche Argumentationsmuster selbst von Vertretern lan­ge eta­blier­ter Parteien kon­sta­tier­te etwa Annette Kuhlenkampff, die Geschäftsführerin der umstrit­te­nen docu­men­ta 14.

Deutlich wur­de aber auch, dass, wie der Kulturjournalist Stefan Koldehoff fest­stell­te, beträcht­li­che Teile der Kunstproduktion gar kei­nen poli­ti­schen Anspruch ver­folg­ten, son­dern ledig­lich auf Gefälligkeit und Markterfolg ziel­ten. Auch dies stel­le die gesell­schaft­li­che Relevanz von Kunst in letz­ter Konsequenz infra­ge.

Trotz einer aus­ge­präg­ten Krisenwahrnehmung schloss das Symposium durch­aus opti­mis­tisch. Es gel­te, dem Rechtsruck aller­or­ten mit künst­le­ri­scher Klugheit ent­ge­gen­zu­tre­ten und ver­meint­li­cher Eindeutigkeit die Vieldeutigkeit von Kunst ent­ge­gen zu set­zen, die der Welt ungleich mehr ent­spre­che, als der Tunnelblick von Ideologien.

Neben den Inhalten gab es noch einen wich­ti­gen wei­te­ren Ertrag: Die Gäste waren erkenn­bar beein­druckt. Immer wie­der hör­te man: Ein sol­ches Symposium mit Teilnehmern aus ganz Deutschland, Belgien, Frankreich, Österreich und der Schweiz hät­te man eher in einer grö­ße­ren Stadt oder in Anbindung an eine Akademie oder Universität erwar­tet. Dass es nun in Rottweil als Ertrag des Netzwerks „Reden über Kunst“ statt­fand, hat der Region natio­na­le und inter­na­tio­na­le Aufmerksamkeit gebracht – und ihr Renommee gestei­gert.

Für die Organisatoren Hannah Eckstein, Nila Weisser, Wendelin Renn und Dr. Heiderose Langer gab es abschlie­ßen daher viel Applaus. Ihnen ist mit die­sem Symposium ein gro­ßer Wurf gelun­gen. Vielfach wur­de denn auch bereits nach einer Fortsetzung gefragt.