Der Gemeinderat von Rottweil soll über die Benennung eines Fußwegs an der Synagoge entscheiden. Vorgeschlagen ist der Name „Moises-Kaz-Weg“. Grundlage ist ein Beschluss nach Gemeindeordnung und Hauptsatzung, den die Stadtverwaltung ausdrücklich befürwortet.
Auslöser ist ein Antrag des Vereins Ehemalige Synagoge, der eine jüdische Persönlichkeit im öffentlichen Raum würdigen möchte. Mit der Wegebenennung soll an die jüdische Geschichte Rottweils angeknüpft werden, die bereits durch eine Stele, ein Baumfeld und digitale Informationsangebote sichtbar gemacht wurde. Auch die israelitische Kultusgemeinde unterstützt den Vorschlag.
Moises Kaz
Moises Kaz, auch bekannt als Moshe Kaz oder Moritz Katz, war ein jüdischer Händler und Bankier aus Mühringen, dem heutigen Ortsteil von Horb am Neckar. Er spielte eine zentrale Rolle in der Stadtgeschichte Rottweils. Besonders hervorzuheben ist sein Einsatz im Jahr 1799, als napoleonische Truppen in die Stadt einmarschierten und hohe Geld- und Sachleistungen forderten. Da die Stadtkassen leer waren und die Zerstörung der Stadt drohte, verkaufte Rottweil städtisches und kirchliches Silber an Kaz. Dieser nahm dabei ein erhebliches finanzielles Risiko in Kauf – und trug so maßgeblich zur Rettung der Stadt bei.
Bereits zuvor hatte sich Kaz Verdienste erworben: Er war als reisender Händler regelmäßig in Rottweil tätig, lehnte 1787 den Ankauf von Waren aus einem Raubmord ab und zeigte die Täter an, was ihm Anerkennung des Stadtrats einbrachte. Zudem unterstützte er die Stadt und kirchliche Einrichtungen wiederholt mit Krediten und Lieferungen, auch in Zeiten eigener wirtschaftlicher Unsicherheit. In seinem Haus richtete er zudem einen jüdischen Gebetsraum ein und begründete später eine neue jüdische Gemeinde in Rottweil.
Trotz eines späteren Bankrotts in den wirtschaftlich schwierigen 1820er Jahren blieb Moises Kaz aufgrund seiner Verdienste hoch angesehen.
Die geplante Benennung eines Weges in unmittelbarer Nähe der Synagoge soll nun an diese außergewöhnliche historische Persönlichkeit erinnern und ein sichtbares Zeichen der Anerkennung setzen. Die Verwaltung befürwortet eine Wegebenennung nach Moises Kaz und schlägt den Fußweg vor. „Die israelitische Kultusgemeinde ist informiert und hat ihrerseits die Benennung befürwortet“, erklärt die Verwaltung. Auf ihrer Website verweist sie in einem Überblick der jüdischen Geschichte in Rottweil zudem selbst auf Moises Kaz als Bewahrer der Stadt vor der Zerstörung durch napoleonische Truppen.
Wichtigste historische Eckpunkte der jüdischen Gemeinde in Rottweil:
Mittelalter:
- Im Spätmittelalter existierte in Rottweil eine erste jüdische Gemeinde
- An Weihnachten 1348 wurde sie während der Pestzeit durch ein Pogrom vernichtet
- Die Mitglieder lebten am heutigen Lorenzort in der Lorenzgasse (über Jahrhunderte als „Judenort/Judengasse“ bezeichnet)
Neuzeit ab 1806:
- Erst ab 1806 durften sich Juden wieder dauerhaft in Rottweil niederlassen
- Moises Kaz, ein Lieferant und Bankier aus Mühringen, hatte 1799 Rottweil vor der Zerstörung durch napoleonische Truppen bewahrt
- Er richtete in seinem Privathaus einen Betsaal ein
- 1824 wurde die Israelitische Gemeinde Rottweil als Filialgemeinde des Bezirkrabbinats Mühringen gegründet
- 1861 entstand ein größerer Betraum in der Kameralamtsgasse
- 1850 wurde ein eigener jüdischer Friedhof am Südrand der Stadt angelegt
- 1924 wurde die Gemeinde selbstständig
NS-Zeit:
- 1933 lebten etwa 88 jüdische Bürger in Rottweil
- Bis 1938 wurden alle jüdischen Firmen liquidiert
- Am 9. November 1938 (Pogromnacht) zerstörten SA-Angehörige die Inneneinrichtung des Betsaals
- 8 Gemeinde-Mitglieder wurden in Konzentrationslagern ermordet
Neugründung:
- Ab 1996 erfolgte Zuzug jüdischer Familien aus den ehemaligen GUS-Staaten
- Ende 2002 wurde die Israelitische Kultusgemeinde Rottweil neu gegründet
- 2007 verlieh die IRG Baden ihr die Körperschaft des öffentlichen Rechts
- Am 19. Februar 2017 wurde die neue Synagoge am Nägelesgraben feierlich eingeweiht



