Auf den ersten Blick könnte man Rottweil für eine Stadt halten, die vorwiegend von ihrer Geschichte lebt. Der zweite Blick aber verrät: Hier ist mehr im Gange. Viel mehr. Die älteste Stadt Baden-Württembergs erfindet sich neu, ohne ihre Wurzeln zu kappen. Sie verbindet 2000 Jahre Geschichte mit einer bemerkenswerten Wirtschaftsdynamik, die junge Menschen anzieht und Unternehmen Perspektiven bietet.
Römisches Fundament
Die Geschichte Rottweils beginnt um 73 nach Christus, als römische Legionen an strategisch günstiger Lage am Neckar ein Militärlager errichteten. Aus diesem Kastell entwickelte sich das Municipium Arae Flaviae – die „Altäre der Flavier“, benannt nach der damals herrschenden Kaiserdynastie. Bereits 186 nach Christus erhielt die Siedlung das römische Stadtrecht und wurde damit zur einzigen römischen Stadt auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg.
Die Bedeutung dieser Epoche lässt sich bis heute im Dominikanermuseum nachvollziehen, das mit Exponaten wie dem Orpheus-Mosaik eindrucksvoll dokumentiert, welche Rolle Arae Flaviae in der römischen Provinzialverwaltung spielte. Nach dem Abzug der Römer um 260 nach Christus übernahmen die Alemannen die Kontrolle, und die Siedlung verlagerte sich an die Stelle der heutigen Altstadt.
Freie Reichsstadt und Rechtszentrum
Im Mittelalter entwickelte sich Rottweil zu einem der bedeutendsten Gerichtsorte des Heiligen Römischen Reiches. Das kaiserliche Hofgericht tagte hier regelmäßig – eine Stellung, die der Stadt enormen politischen und wirtschaftlichen Einfluss verschaffte. Die Aufnahme als Freie Reichsstadt bedeutete direkte Unterstellung unter den Kaiser und weitgehende Selbstverwaltung.
Diese Blütezeit spiegelt sich in der gut erhaltenen Altstadt wider. Prächtige Bürgerhäuser mit charakteristischen Erkern säumen die Hauptstraße, das Schwarze Tor aus dem 13. Jahrhundert bewacht noch heute den Zugang zur Kernstadt. Das Heilig-Kreuz-Münster mit seinem gotischen Turm prägt das Stadtbild und beherbergt bedeutende Kunstschätze, darunter die Rottweiler Madonna.
Besonders war auch die Verbindung zur Schweizer Eidgenossenschaft. Seit dem 15. Jahrhundert pflegte Rottweil enge Beziehungen zu den Schweizer Kantonen. Ab 1519 wurde die Stadt offiziell als „zugewandter Ort“ anerkannt. Diese Allianz bot militärischen Schutz und sicherte die Unabhängigkeit – ein diplomatischer Erfolg, der bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 Bestand hatte.
Tradition als Identität
Die schwäbisch-alemannische Fastnacht ist in Rottweil mehr als ein Brauchtumsfest. Sie ist kulturelle DNA. Die Rottweiler Fasnet mit ihren Ursprüngen im 15. Jahrhundert gipfelt im berühmten Narrensprung, bei dem Hunderte Narren in handgeschnitzten Holzmasken und traditionellen Gewändern durch das Schwarze Tor in die Altstadt ziehen. Das laute „Gschell“ der Narren hallt durch die engen Gassen – ein Spektakel, das jährlich Tausende Besucher anzieht.
2014 würdigte die UNESCO diese lebendige Tradition durch Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Die Fasnet ist kein folkloristisches Relikt, sondern gelebte Gegenwart, die Generationen verbindet und lokale Identität stiftet.
Demografischer Gegenentwurf
Während viele ländliche Regionen mit Bevölkerungsrückgang kämpfen, entwickelt sich der Landkreis Rottweil anders. Ende 2024 lebten hier 140.237 Menschen – Tendenz steigend. Besonders bemerkenswert: Der Landkreis zieht überdurchschnittlich viele junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren an. Der Wanderungssaldo in dieser Altersgruppe liegt bei über 36,5 pro 1.000 Einwohner – ein Spitzenwert, der die Attraktivität der Region für die junge Generation unterstreicht.
Diese Entwicklung hat System. Ein positiver Wanderungssaldo verbindet sich mit einer stabilen Geburtenrate. Das Ergebnis ist ein demografischer Kreislauf, der die Region langfristig stabilisiert: Mehr Menschen stärken die Wirtschaft, was wiederum Arbeitsplätze schafft und die Infrastruktur verbessert. Davon profitieren sowohl Zuzügler als auch die hier aufgewachsene Generation, die zunehmend Perspektiven in der Heimatregion findet.
Wirtschaft zwischen Weltmarkt und Handwerk
Die wirtschaftliche Basis des Landkreises ruht auf einem robusten Mittelstand. Viele Unternehmen sind in ihren Nischen Weltmarktführer – sogenannte Hidden Champions, die hochspezialisierte Komponenten für Automobilindustrie, Medizintechnik oder Maschinenbau fertigen. Diese Firmen verbinden Qualitätsanspruch mit Innovationskraft und engem Bezug zur Region.
Die direkte Anbindung an die Autobahn A81 erleichtert den Zugang zu den Wirtschaftsmetropolen Stuttgart und Zürich. Als Teil der Technologieregion Schwarzwald-Baar-Heuberg profitiert Rottweil zudem von einem dichten Netzwerk, das Wissenstransfer und Fachkräfteentwicklung fördert.
Das sichtbare Zeichen für die Innovationskraft der Region ist der TK-Elevator-Testturm. Mit 246 Metern Höhe überragt das futuristische Bauwerk die historische Altstadt und beherbergt auf 232 Metern Deutschlands höchste öffentliche Aussichtsplattform. Der Turm ist mehr als ein Wahrzeichen – er ist Forschungszentrum und Symbol für den Mut, Tradition und Moderne zu verbinden.
Infrastruktur des Alltags
Die Verkehrsanbindung ist ein zentraler Standortfaktor. Die A81 führt direkt an der Stadt vorbei, der Bahnhof Rottweil bietet regelmäßige Verbindungen im regionalen Schienennetz. Innerhalb der Stadt sorgt ein Busnetz für Mobilität, das durch innovative Angebote wie kostenlose Samstagsfahrten kontinuierlich weiterentwickelt wird.
Das Bildungsangebot deckt alle Schulformen ab, von Grundschulen über Gymnasien bis zu Berufsschulen. Die Helios Klinik Rottweil bildet das Zentrum der medizinischen Versorgung für Stadt und Region, ergänzt durch ein dichtes Netz an Haus- und Fachärzten.
Kulturelles Angebot mit Tiefe
Die Museumslandschaft reicht vom Dominikanermuseum mit seinen römischen Exponaten über das Stadtmuseum zur Regionalgeschichte bis zum Forum Kunst Rottweil, das seit 1970 bedeutende Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zeigt. Regelmäßige Veranstaltungen wie der Rottweiler Ferienzauber im Sommer oder der Weihnachtsmarkt in der Adventszeit beleben die historische Kulisse.
Weniger bekannt ist Rottweils Bedeutung für die Glaskunst. Die Stadt war einst ein wichtiges Zentrum dieser Kunstform, deren Erbe bis heute gepflegt wird.
Eine Stadt der Kontraste
Rottweil ist eine Stadt der produktiven Widersprüche. Römische Vergangenheit trifft auf Hightech-Gegenwart, jahrhundertealte Fastnacht auf moderne Kunstszene, handwerkliche Tradition auf globale Wirtschaft. Diese Gegensätze ergänzen sich zu einem Ganzen, das der Stadt ihre besondere Identität verleiht.
Der Name selbst verweist auf diese Kontinuität. „Rottweil“ leitet sich vom althochdeutschen „rot vilari“ ab – die rote Villa, wahrscheinlich ein römischer Gutshof mit roten Ziegeln, der nach Abzug der Legionen als Landmarke erhalten blieb. Geschichte als tägliche Erinnerung, sichtbar im Straßenbild und lebendig in der Gegenwart.
Rottweil auf einen Blick
- Gründung: um 73 n. Chr. als römisches Arae Flaviae
- Stadtrecht: 186 n. Chr. (römisch), 1867 (mittelalterlich)
- Landkreis Rottweil Einwohner: 140.237 (Ende 2024)
- Besonderheit: älteste Stadt Baden-Württembergs
- Wahrzeichen: TK-Elevator-Testturm (246 m), Schwarzes Tor, Heilig-Kreuz-Münster
- Kulturerbe: schwäbisch-alemannische Fastnacht (UNESCO-Verzeichnis)
- Verkehr: A81, regionaler Bahnhof, lokales Busnetz
- Wirtschaft: Mittelständische Weltmarktführer, Technologieregion Schwarzwald-Baar-Heuberg



