Rottweil: Verkehrsversuch soll in die Verlängerung gehen – aber in einer neuen Variante

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Der Rottweiler Verkehrsversuch – im Kern ein Einbahnstraßenring um die Innenstadt samt Vorteilen für Fahrradfahrer – soll am 15. Oktober auslaufen. Eigentlich. Da er aber in Teilen positive Effekte gezeigt habe, soll er verlängert werden. Auf eine Weise, in der seine negativen Effekte ausgemerzt sind. Mit diesem Vorschlag geht die Verwaltung morgen in den Gemeinderatsausschuss und hofft auf Zustimmung. Update: Sie liefert auch eine Begründung für ihren für manche überraschenden, für andere erwartbaren Vorstoß.

(Rottweil). Der Verkehrsversuch gilt nicht als völlig gescheitert. Bei aller Kritik im Rahmen einer Petition, über Leserbriefe, online etwa auf Facebook und in Kommentarspalten (allein dieser Beitrag hat aktuell 46 Kommentare) sowie persönlich auf dem Wochenmarkt. Er hat auch positive Aspekte zutage gefördert – etwa die Verkehrsberuhigung am Friedrichsplatz und in der Hochbrücktorstraße.

Er gilt aber auch nicht als völlig gelungen. So ist der Widerstand etwa in der Marxstraße inzwischen hoch, dort beschweren sich Anwohner vehement über die Zunahme des Verkehrs. Und im Waldtorort, oberhalb des Schwarzen Tores, gehen Geschäftsleute, allen voran der dort ansässige Bäcker, gegen die einseitige Sperrung vor, die ihn nach wie vor Umsatz koste.

Die Stadt will reagieren. Und ruft einen Verkehrsversuch 2.0, eine geänderte Variante zur Laufenden aus. Morgen im Umwelt- und Verkehrsausschuss soll diese vorgestellt werden. Die Beschlussvorlage lautet: Der aktuell laufende Verkehrsversuch wird am 15.10.2023 beendet. Aber: Einige Änderungen sollen noch für einen weiteren Zeitraum getestet beziehungsweise angepasst werden, um Anregungen aus der Bevölkerung und Erkenntnisse aus dem Versuch Rechnung zu tragen:

  1. Die Marxstraße soll wieder wie vor dem Verkehrsversuch mit einer Links- und einer Rechtsabbiegespur für Pkw in die Königstraße überleiten. Der Fahrradstreifen bergauf von der Königsstraße in Richtung Schramberger Straße entfällt. Bergab soll jedoch eine Radinfrastruktur enthalten sein.
  2. In der Waldtorstraße/Neutorstraße wird wie vor dem Verkehrsversuch wieder Gegenverkehr zugelassen.
  3. Kapuziner-Parkplatz:
      1. Die Zufahrt zum Kapuziner-Parkplatz erfolgt wieder wie vor dem Verkehrsversuch aus der Waldtorstraße und der Schramberger Straße/Neutorstraße.
      2. Dagegen soll die Ausfahrt künftig nur noch nach oben in Richtung Waldtorstraße und Schramberger Straße/Neutorstraße möglich sein.
      3. In Richtung Stadtgraben werden unterhalb der Zufahrt zum Kapuziner-Parkplatz Poller gesetzt, um einen Abkürzungsverkehr zu verhindern.
      4. Der Einbahnverkehr auf dem Friedrichsplatz soll bis 31. März 2024 weiter getestet werden.
      5. Der Gemeinderat ist im Februar 2024 über die Ergebnisse der weiteren Versuchsreihe zu informieren, um zu entscheiden, wie es nach dem 31. März 2024 weitergehen soll (Variante 0*, Variante 1 oder Variante 2)

So kündigt es die Stadtverwaltung in ihrer Sitzungsvorlage für die morgige Ausschusssitzung an. Die Stadträtinnen und Stadträte sollen diesem Plan dann zustimmen.

Die Begründung

Update, Dienstag, 17.35 Uhr: Die Stadtverwaltung, allen voran Oberbürgermeister Dr. Christian Ruf, liefert auch eine Begründung mit. 

So habe der Gemeinderat zunächst vorgegeben, das in Rottweil herrschende hohe Verkehrsaufkommen von bis zu 14.000 Fahrzeugen pro Tag und die damit verbundene mangelnde Aufenthaltsqualität der historischen Innenstadt anzugehen. „Einstimmig hat der Gemeinderat am 16. November 2016 daher die Verwaltung damit beauftragt, Möglichkeiten für die Verkehrsberuhigung der historischen Innenstadt zu entwickeln“, so die Begründung der Verwaltung, die der Mobilitätsbeauftragte Horst Bisinger dem Gemeinderat gegenüber morgen angeben wird.

Als Vorschlag habe die Stadtverwaltung in einer Bürgerinformation am 7. März 2023 einen Ringverkehr vorgestellt. Das mündete, nach Beschluss des Gemeinderats, in den laufenden Verkehrsversuch. Dieser begann am 1. Juli 2023 und war für rund dreieinhalb Monate, bis einschließlich 15.Oktober 2023, angesetzt.

Der Rücklauf an Stellungnahmen war offenbar enorm: „Die Verwaltung hat – um ein grobes Bild zu vermitteln – rund 1700 Rückmeldungen erhalten“, schreibt Bisinger in seiner Gemeinderatsvorlage. Darunter seien rund 700 Rückmeldungen via Feedback-Formular, E-Mail oder Telefon gewesen. „Diese wurden entsprechend beantwortet“, so die Verwaltung. Die Bearbeitungszeiten hätten abhängig vom Aufkommen der Eingaben geschwankt. Nunmehr aber würden nur noch 25 Antworten ausstehen – eine Zahl, die von Kitikern bereits jetzt nicht geglaubt wird. Weitere rund 1000 Rückmeldungen hätten sich aus der zweiten, im September 2023 gestarteten Umfrage ergeben. Die Antworten hier seien aber standardisiert gewesen und würden keine Rückmeldung erwarten.

Häufigster Kritikpunkt sei ganz allgemein gewesen, dass nun längere Fahrwege durch den Ringverkehr entstanden sind. Positiv sei dagegen zu vermerken, dass der Verkehr am Hauptstraßenkreuz, am Friedrichsplatz, deutlich abgenommen habe und neue Freiräume mit Aufenthaltsqualität entstanden seien. „Die erhoffte Entlastung ist eingetreten“, vermerkt die Verwaltung. Zugleich sei es durch das Programm „Sommer in Rottweil“ gelungen, die neuen Freiflächen zu bespielen und die Innenstadt insgesamt attraktiver zu machen.

Mit dem vorgelegten Beschlussvorschlag sollen nunmehr die vielfach an die Verwaltung herangetragenen Punkte berücksichtigt und dem Gemeinderat eine nochmals geänderte Verkehrsführung zur Probe vorgeschlagen werden.

*Variante 0: der Zustand vor dem Verkehrsversuch. Variante 1: der laufende Verkehrsversuch. Variante 2: der abgeänderte Versuch.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.

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