Ein Autofahrer hat sich bei der NRWZ über eine Geschwindigkeitskontrolle im Auslauf der A81-Baustelle zwischen Singen und Stuttgart beschwert – kurz vor der Raststätte Neckarburg. Rechtlich sei die Messung wohl in Ordnung, sagt er, moralisch halte er sie für fragwürdig: Viele würden dort bereits beschleunigen, weil das Ende der Baustelle „gefühlt“ erreicht sei. Die Diskussion berührt einen Klassiker im Straßenverkehr: Was gilt rechtlich – und was empfinden Fahrer als fair?
„Man beschleunigt, weil es sich schon frei anfühlt“
Der Leser schildert, dass sich der Verkehr im Baustellen-Auslauf oft bereits löse: breitere Fahrstreifen, weniger Baustellenoptik, das Ende der Einschränkungen „liegt in der Luft“. Genau dort stehe aber die Messung – und wer zu früh das Tempo anziehe, werde erwischt. Sein Vorwurf: Das wirke weniger wie eine Sicherheitsmaßnahme, sondern wie eine Falle.
„Ich weiß, dass das Tempo-60-Schild bis zur Aufhebung gilt. Aber an dieser Stelle fühlt es sich so an, als wäre die Baustelle vorbei – und genau darauf wird gesetzt“, so der Tenor seiner Kritik. Die NRWZ hat den Selbstversuch gemacht: Die Fahrerin beschleunigt – wie alle dort – am Ende der Baustelle und wird vom Blitzer überrascht, obwohl sie weiß, dass er kommt. Die Situation wirkt unübersichtlich. Hektisch.

Was rechtlich gilt: Tempo bis zum Aufhebungs-Schild
Juristisch ist die Sache grundsätzlich klar: Ein Tempolimit gilt, bis es durch ein entsprechendes Schild aufgehoben wird – etwa durch „Ende 60“ beziehungsweise 80 oder „Ende aller Streckenverbote“. Steht der Blitzer vor diesem Aufhebungs-Schild, wird formal noch im geltenden Bereich gemessen.
Dass eine Messstelle „kurz vor Ende“ liegt, macht sie allein nicht rechtswidrig. Viele Kontrollen setzen genau dort an, wo erfahrungsgemäß häufig beschleunigt wird.
Moralische Debatte: Sicherheit oder Abkassieren?
Die moralische Bewertung fällt unterschiedlich aus – auch unter Autofahrern. Die einen argumentieren: Gerade im Baustellen-Auslauf passieren Fehler, weil Tempo und Aufmerksamkeit sprunghaft wechseln. Wer dort zu früh beschleunigt, erhöht das Risiko – etwa durch Restmarkierungen, Fahrbahnversätze, Einfädelverkehr oder Baustellenfahrzeuge.
Die anderen empfinden die Situation als „gefühlt beendet“ und sehen in Kontrollen an solchen Stellen vor allem eine Methode, um Einnahmen zu erzielen – zumal die Temposchilder oft weit über den sichtbaren Baustellenbereich hinaus gelten.
Warum viele dort in Versuchung geraten
Verkehrspsychologisch ist der Punkt heikel: Sobald die Umgebung „offen“ wirkt, passt sich das subjektive Tempogefühl an – selbst wenn das Schild noch etwas anderes sagt. Der Übergang von Baustellenmodus zu Normalbetrieb ist genau der Moment, in dem Fahrer ihre Geschwindigkeit häufig anziehen.
Was Betroffene tun können – und was nicht
Wer an dieser Stelle geblitzt wurde, hat nur dann realistische Ansatzpunkte gegen ein Ticket, wenn konkrete Dinge nicht stimmen – etwa eine unklare oder widersprüchliche Beschilderung, verdeckte Schilder oder mess- bzw. dokumentationsbezogene Fehler. Der Umstand „kurz vor dem Ende“ reicht in der Regel nicht.


