OneCoin-Doku: „Die Kryptoqueen“ auf ARTE und in der ARD

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Auf den Tag genau, heute vor fünf Jahren verschwand Ruja Ignatova spurlos. Die in Schramberg aufgewachsene Deutsch-Bulgarin wird seit dem Sommer nicht nur von Interpol sondern auch vom FBI gejagt. Die selbsternannte „Kryptoqueen“ hat vermutlich drei Millionen Menschen weltweit um ihre Ersparnisse gebracht. Am Samstag hatte ein Dokumentarfilm von Johan von Mirbach über Ignatova auf dem Filmfest in Köln Premiere.

Die Schätzungen schwanken von drei Milliarden bis 15 oder gar 20 Milliarden Dollar, die Ruja und ihr OneCoin-Netzwerk kassiert haben. Amtlich sind 3,4 Milliarden Dollar, die OneCoin zwischen Ende 2014 bis Mitte 2016 einkassiert haben, wie aus dem US-Haftbefehl für Konstantin Ignatov, dem Bruder und Nachfolger von Ruja Ignatova, hervorgeht. Doch 2016 startete OneCoin erst so richtig durch.

Pyramidensystem und Bildungspakete

Ins Leben gerufen hatte Ruja Ignatova das Netzwerk gemeinsam mit Sebastian Greenwood. Der Schwede ist ein Verkaufstalent, der mit „Multilevel Marketing“ schon Erfahrung hatte. In einem Pyramidensystem verkauften die beiden völlig überteuerte „Bildungspakete“, die sogenannte Token enthielten.

OneCoin versprach den Käufern, dass mit Hilfe dieser Token die Krypto-OneCoin gemined werden können. Wie beim Bitcoin werde es enorme Kursgewinne geben. Gleichzeitig sollten die Käufer hohe Provisionen kassieren, wenn sie selbst weitere Käufer für OneCoin werben.

Werbung für OneCoin.

Ruja verschwindet

Das Geschäft lief blendend – doch ab 2016 wurden die Behörden zunehmend misstrauisch. Im Sommer 2017 erfuhr Ignatova, dass das FBI hinter ihr her war. Am 25. Oktober 2017 bestieg sie ein Flugzeug von Ryan Air nach Athen. Dort sei sie von zwei russisch sprechenden Männern abgeholt worden und verschwunden, erzählt ihr Bruder Konstantin.

Dokumentarfilm zeigt auch die Schramberger Wurzeln

Diese dramatische Geschichte, die ihren Anfang in Schramberg genommen hat, hat der Dokumentarfilmer Johan von Mirbach mit der Kölner Produktionsfirma „A&O-Büro“ in zwei Projekten für ARTE und den WDR filmisch nacherzählt. Ein anderthalbstündiger Film zeigt mehr die wirtschaftliche Seite des Betrugs und eine bisher vierteilige Serie von 30-Minuten-Filmen stellt die Person Rujas in den Mittelpunkt.

Johan von Mirbach: Fast mythische Dimension

Die NRWZ sprach mit Regisseur Johan von Mirbach:

Johan von Mirbach nach der Filmpremiere in Köln. Foto: wdr

NRWZ: Herr von Mirbach, wie sind Sie auf die Krypto-Queen und OneCoin gekommen?
Johan von Mirbach: Ich habe einfach Zeitung gelesen. Und da habe ich von Philipp Bovermann einen sehr langen Artikel in der Süddeutschen gelesen und war sofort angefixt. Was mich besonders angefixt hat, ist, dass diese Frau fast gleich alt ist wie ich und direkt um die Ecke aufgewachsen ist. Ich bin in Villingen-Schwenningen groß geworden, gar nicht weit von Schramberg, und dachte mir: Das kann nicht wahr sein, dass so eine Frau direkt bei mir um die Ecke aufgewachsen ist.
Und ihr Bruder Konstantin ist in Königsfeld zwischen Schramberg und Villingen auf die Zinzendorfschule gegangen…
Ja genau, er ist jünger als ich, aber ich kenne Leute, die mit ihm zusammen auf der Schule waren. Also das ist schon sehr nahe gewesen.
Die Welt ist klein…
Stimmt, dass dieser weltweit größte Kleinanleger-Betrug im Schwarzwald seinen Ausgang genommen hat, schon verrückt.
Was hat Sie an der Person Ruja Ignatova fasziniert?
Es ist eine Frau, die vielleicht einfach nicht genug kriegen kann. Sie ist vielleicht an sich selbst oder an dem, was sie ausgelöst hat, gescheitert. Aber noch mehr hat mich fasziniert, wie sie überhöht wurde. Diese mythische Person, die wie eine Jungfrau Maria um die Ecke kommt und verspricht, alle werden reich. Einige der OneCoin-Verkäufer sind auch wirklich reich geworden und leben heute unbehelligt von der Justiz. Für andere ist aber genau das Gegenteil eingetreten. Einige Leute, mit denen sie zu tun hatte, sind festgenommen oder sind unter Hausarrest oder mussten flüchten.

Ruja Ignatova Anfang 2017 auf Facebook. Screenshot: him

Sie hat so etwas wie verbrannte Erde hinterlassen.
Es gibt die Orte, an denen sie war, die verrotten, vergammeln. So wie ihre Villa im Sozopol am Schwarzen Meer, die sie gebaut hat. Da hat sie dann zwei Sommer verbracht und jetzt wächst das Gras zwischen den Platten durch und alles ist heruntergekommen. Sie hat eine Welle der Zerstörung hinterlassen und ist eigentlich eine Art Todesengel. Das ist vielleicht zu viel gesagt, aber sie ist gar nicht so die Heilige. Dieser Fall hat schon fast eine mythische Dimension.
Sie haben ja auch in Schramberg gefilmt, wo Ruja und ihr Bruder Konstantin in eher schlichten Verhältnissen aufgewachsen sind. Und dann Dubai, wo Ruja gelebt hat oder vielleicht auch noch lebt. Der Gegensatz ist schon krass.
Viel mehr geht gar nicht. Das sind wirklich Planeten. Das ist eine Reise, die ist fast unmöglich. Aber Ruja hat sie gemacht.

Johan von Mirbach und Kameramann Martin Gasch auf der Hohenschramberg. Foto: him

Aber wahrscheinlich mit einem bitteren Ende. Das Ende ist ja unbekannt, wir wissen es nicht. Bei den Filmarbeiten, gab es Probleme, an Gesprächspartner heranzukommen?
Das war nicht einfach. Es gab ein paar Leute, die direkt gesagt haben: ‚Ja, ich mach‘ mit.‘ Wir haben aber dann mehr und mehr gemerkt, dass der Film nur funktioniert, wenn wir mit möglichst vielen Leuten sprechen, die ganz nah an ihr dran waren. Und das heißt, wir brauchten Leute, die sie wirklich gut kennen, die sie erlebt haben, weil nur so kann man einen Film machen mit einer Hauptperson, mit der man selber gar nicht drehen kann.
Welche anderen Hindernisse gab es?
Wir hatten auch ein paar interessante Leute, die für sie gearbeitet haben, Programmierer beispielsweise. Die wollten aber alle Geld. Die sind nicht im Film gelandet, weil wir Leute nicht dafür bezahlen, dass sie bei uns mitmachen. Wir können Unkosten erstatten, aber da wurden teilweise Beträge aufgerufen, das können und wollen wir nicht bezahlen.

Ruja Ignatova und Asdis Ran auf einer FB-Seite. Screenshot: him

Mit Asdis Ran, diesem isländischen Top Model und Rujas bester Freundin in Bulgarien, war das anders?
Das war wirklich ein Glücksfall. Wir haben lange gesprochen und irgendwie konnte ich sie überzeugen. Ihr war wichtig, dass es ein großes Projekt ist, auch international. Ihr war wichtig, da vor der Kamera zu sein. Und ja, ich glaube, das Versprechen konnte ich einhalten.
Im Film tritt auch Rujas ehemaliger Deutschlehrer aus Schramberg auf. Harald Frommer hat Ruja ein Gutachten geschrieben. Welche Bedeutung hatte dieses Gutachten eigentlich für ihren Lebenslauf?

Ja, das ist nicht zu unterschätzen. Sie war ja eine Top-Schülerin. Der Lehrer hat ihr auch ein sehr positives Gutachten geschrieben. Dieses Gutachten hat ihr Wege geöffnet. Dieses Gutachten hat ihr erst mal den Eintritt in die Konrad-Adenauer-Stiftung verschafft.

Dreh mit Harald Frommer (links) im Gymnasium. Foto: him

Ruja bekam ein Stipendium von der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Das muss man sich mal vorstellen, dass sie Stipendiatin der CDU-Stiftung war. (Lacht). Sie wurde definitiv sehr gut ausgebildet in Schramberg, hat eine richtig gute Schulbildung bekommen. Ihre große Intelligenz kommt noch hinzu. Trotzdem, sie ist ja mit zehn nach Deutschland gekommen. Sie konnte kein Wort Deutsch. Da hat das gute Bildungssystem und die gute Schule in Schramberg ihr auf jeden Fall weitergeholfen, zu dem zu werden, was sie dann wurde.
Warum ist sie dann auf diese schiefe Bahn geraten? Nach dem Studium war sie bei McKinsey Beraterin. Irgendwann landet man von da im Vorstand eines DAX Konzerns. Warum hat sie einen völlig anderen Weg gesucht?
Das ist schwierig zu sagen oder den Moment zuerkennen, wo sie auf die andere Seite gewechselt ist. Das war ein gradueller Prozess. Wenn man auch Jura studiert und bei McKinsey ist, dann lernt man, dass Moral auch keine Rolle spielt. Also Gerechtigkeit ist das, was Recht ist. Im Finanzwesen geht es ja auch manchmal darum, möglichst nah an oder in Grauzonen zu arbeiten. Sie wusste also schon, wie man viel Geld international bewegen kann, wie man Firmen aufbauen kann, um Steuern zu sparen.
Aber das ist ja alles legal.
Aber trotzdem ist es etwas, was von großen Teilen der Bevölkerung moralisch abgelehnt wird.
Sie ist, glaube ich, von McKinsey nach Bulgarien geschickt worden. Was war da los?
Das war dann noch mal eine speziellere Situation. Das Land war ja 2010 der EU beigetreten. Sie war genau zu dem Zeitpunkt auch da. Da kam wahnsinnig viel Geld. Ruja hat die Elite des Landes kennengelernt. Und, das hat sie ja auch schon in der Abi-Zeitung geschrieben, sie war eine Frau, die wirklich nicht genug kriegen konnte.
Inwiefern?
Sie wollte reich sein und zwar sehr, sehr reich. Und da hat ja auch ihr bestimmt gutes McKinsey Einkommen nicht gereicht. Dann trifft sie Sebastian Greenwood und dann kommt eins zum anderen.

Sebastian Greenwood und Ruja im April 2017. Screenshot: him

Wie kommt man auf so eine Idee: Ich erfinde eine Kryptowährung und nehme die Leute aus?
Es gibt ja auch viele Leute, die sagen, das war so ein Zufallsbetrug, so nach dem Motto: Ich mache das mal auf und dann gucke ich, was dabei rauskommt. Das glaube ich aber auf gar keinen Fall. Also was da aufgezogen wurde, war von Anfang an so geplant, dass das Geld bei ihr hängenbleibt.
Was war mit der Blockchain, der Voraussetzung für eine Kryptowährung?
Vielleicht stimmt es, dass sie später versucht hat, OneCoin wirklich mit einer Blockchain auszustatten. Vielleicht, als sie gemerkt hatte, das Ding ist jetzt so groß, wenn das zusammenbricht, komme ich nicht mehr unbeschadet raus. Dass sie da versucht hat, noch irgendwie eine Blockchain einführen. Aber da war es dann schon zu spät.

Filmproduktion in Köln: Nico Schlegel und Johan von Mirbach im Schneideraum. Foto: him

Aus dem Projekt sind nun zwei Filme geworden, einmal eine Serie von vier kürzeren Filmen für den WDR und dann ein Film mit 90 Minuten Länge für Arte. Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Filmen?
Die Serie ist eine klassische Tru-Crime-Serie. Sie beschäftigt sich mit der Person Ruja Ignatova. Da geht es auch um ihre Liebschaften, die auch wichtig sind für den Betrug. Es geht auch um ihr Baby. Wofür hat sie ihr Geld ausgegeben? Welche Autos sie gefahren hat. Wenn man aber die Anatomie des ganzen Betrugs begreifen will, wenn man wissen möchte, wie genau die Gelder hin und hergeschoben wurden, dann schaut man sich besser den ARTE-Film an. Das ist eher eine klassische Investigativ-Doku. Da beschreiben wir ziemlich genau, von wo nach wo und wie Gelder der Opfer verschoben wurden, wie die Firmengeflechte aufgebaut waren. Da kann man ein bisschen tiefer in die Materie eintauchen. Wenn man sich aber mehr unterhalten lassen möchte von dem ganzen Skandal, der einen ein bisschen ratlos zurücklässt, sollte man die Serie gucken.

Die Serie ist wahrscheinlich noch nicht zu Ende, denn Ruja ist nach wie vor verschwunden?
Wir planen jetzt bereits eine Fortsetzung und wir sind jetzt schon in der Planung für Teil fünf und sechs und ich hoffe, dass wir das im März, April, Mai ergänzen können und dann noch mehr liefern können. Da ist noch einiges, was zu erzählen ist.
Und das Ende ist offen. Wir wissen nicht, wo Ruja ist, ob sie noch lebt, ob sie irgendwo auf dem Mittelmeer rum schippert. Was erfährt man darüber in den Filmen?
Ein großer Teil von dem, was wir wissen, ist da drin. Man erfährt auch, was möglicherweise nach ihrer Landung in Athen passiert ist. Ich hoffe, dass wir irgendwann erfahren werden, wie ihr Schicksal gelaufen ist.

Das Gespräch führte Martin Himmelheber

(Transparenz-Hinweis: Martin Himmelheber war an den Filmprojekte als Rechercheur beteiligt und tritt auch als Gesprächspartner auf.)

Info:

Die Serie hatte am 22. Oktober Premiere beim Filmfestival Cologne in der Reihe „Top Ten TV“
Auf ARTE ist der Film am 1. November um 22.40 Uhr zu sehen. Ab dem 30. Oktober ist er in der ARTE-Mediathek verfügbar.  Und hier über youtube.
Die ARD zeigt den Film am 28. November um 23.20 Uhr. Die vier Kryptoqueen-Episoden sind ab 5. November in der ARD-Mediathek abrufbar. Ein Trailer findet sich hier

Die vier Folgen sind hier abrufbar.

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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.