Seine Uhr ist stehengeblieben: Ralph-Peter Mannke verstorben

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Ralph-Peter Mannke, als Inhaber der Uhrenteile-Manufaktur ein geschickter Handwerker alter Schule, ist verstorben. Er hat sich in seinem Leben nicht nur Uhren aller Art mit großer Leidenschaft gewidmet, sondern auch der Kinderkrebshilfe.

Waldmössingen – Seine Uhr ist stehengeblieben: Ralph-Peter Mannke verstarb, wie jetzt bekannt wurde, vor wenigen Tagen im Alter von 66 Jahren. Uhren am Laufen, in Funktion zu halten oder erst zu versetzen, war einer seiner Lebensinhalte.

Betrat man den Laden in der Winzelner Straße in Waldmössingen, schlug einem die Zeit in all ihrer fassbaren Form entgegen. Als Armband- wie als Taschenuhr, als Küchen- und als Wanduhr. Es tickte tausendfach. Und zur vollen Stunde lärmten manche der Uhren los, wie es ihre Aufgabe ist. Zwischen diesem Sammelsurium aus mechanischen und Quartz-Uhren und Werkzeugen und Aufbewahrungsboxen und Maschinen und Schmiermittel à la WD 40: Ralph-Peter Mannke. Zugewandt, freundlich, hilfsbereit. Mit Strichlisten zählte er etwa die bereits gestanzten Zeiger. Dazu trug er oft sein blaues Polo-Shirt, auf dem stand: „Wir bieten alles rund um die Uhr.“ Das stimmte. Ob Omega Speedmaster Moonwatch oder historische Comtoise-Uhr – Mannke brachte sie zum Laufen.

Er galt weit über Waldmössingen hinaus als der richtige Ansprechpartner für Sonderwünsche vor allem etwa in Sachen Zeiger. So war er dem Vernehmen nach der letzte Zeigermacher in Deutschland mit seiner Stanze namens „Berta“ aus dem Jahr 1933, wie ein Fan berichtet, der ihn besuchte. Wer – und solche Freaks gibt es, nicht mal wenige – die Standard-Zeiger seiner Armbanduhr durch „schönere“ ersetzen will, der war bei Mannke in Waldmössingen richtig. Uhrenfreaks empfahlen ihn weiter. Zumal er beileibe keiner war, der die Hand für seine Services aufhielt, wie in der Branche längst üblich.

Mannke reparierte auch und das immer günstig und im Sinne des Kunden. Manchmal dauerte es Monate, bis man das gute Stück zurückerhielt, aber es lief wieder einwandfrei. Und war auf die kostengünstigste Methode repariert worden, die Mannke einfiel. Bis hin zu einem Tropfen Sekundenkleber.

Mannke fertigte auch Uhren für namhafte deutsche Hersteller. Übernahm sozusagen alles, was seinen kleinen Laden samt gut gefüllter Werkstatt in Waldmössingen am Laufen hielt. Diesen wollte er im Herbst 2023 an einen Nachfolger abgeben. Was daraus wurde, ist unklar. Seine Fans wünschten ihm Glück bei der Nachfolgersuche, eine Einrichtung wie die „Uhrenteile-Manufaktur“ sei einzigartig und müsse erhalten bleiben, wie es hieß.

1991 hatte Mannke die Firma „August Erhard“ übernommen, einen Produzenten von Zeigern für Armbanduhren und Wecker. Er fusionierte mit einem Mitstreiter, es kamen die Geschäftsbereiche Drehteile und Werkzeugbau hinzu. 2004 – Mannke und Co. hatten die Uhrenteile-Manufaktur zwischenzeitlich abgegeben, er leitete den Betriebsteil in Festanstellung – startete das Unternehmen neu. „Das gesamte Fertigungsspektrum im Bereich Uhrentechnologie wurde … übernommen und bereits zum Neustart erweitert auf die Herstellung beziehungsweise Veredelung aller Uhrenbestandteile, sowie die Vertretung exklusiver Uhrenmarken“, so die Unternehmensgeschichte.

Seine Zeiger fertigte Mannke zuletzt noch auch in ganz geringen Stückzahlen. Kleinere Uhrenhersteller und Großhändler in Deutschland bestellten mal hundert oder dreihundert Stück. Aber er fertigt auch Unikate: „Juweliere und Goldschmiede fragen, ob ich nicht für ältere Kunden mit Leuchtmasse belegte Zeiger machen kann, damit die das auch nachts sehen können“, berichtete Mannke mal der NRWZ.

Den Massenmarkt bedient „Weltfabrik“ aus Fernost. Aber auch in der Blütezeit der Uhrenindustrie war die Konkurrenz überschaubar: „Zu guten Zeiten gab es in Deutschland um die zehn Hersteller, es wurden im Laufe der Zeit immer weniger und ich bin jetzt der letzte der Mohikaner“, so Mannke mal über sich selbst.  Den Weltmarkt beherrschen inzwischen Hersteller aus China: „Die können zu  Preisen verkaufen, zu denen ich das Material einkaufe.“

Mit seiner kleinen Uhrzeigerfabrikation allein konnte sich Mannke nicht über Wasser halten. So fertigte er auch Zifferblätter für Werbegeschenke und Ersatzteile für besondere Uhren. In seinem Geschäft in der Winzelner Straßen Waldmössingen reparierten zwei Uhrmacherinnen defekte Uhren und verkaufte Mannke auch neue Armbanduhren.

Einen eher sentimentalen Grund hatte Mannke, um am Herstellen der Winzlinge festzuhalten. Seine Frau Doris war früher bei Junghans in Schramberg beschäftigt. Ralph-Peter Mannke arbeitete damals in einer Pforzheimer Firma und war für die Uhrzeiger verantwortlich. Doris Mannke erinnert sich in einem Gespräch mit der NRWZ: „Ich war im Einkauf  bei Junghans damals und hab´ bei der Firma meines Mannes  die Uhrzeiger eingekauft und so haben wir uns kennengelernt.“

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Mannke aber kümmerte sich nicht nur mit Herzblut um Uhren. Ihm lag – und das macht den Handwerker und Unternehmer wirklich einzigartig – die Kinderkrebshilfe sehr am Herzen. So hat er eine Kuckucksuhr auf Weltreise geschickt – mit der nostalgischen Uhr reisten noch ein Begleitbuch und ein Spendenkässle in einer Transportkiste mit. Das auf diese Weise gesammelte Geld ging an die Deutsche Kinderkrebsstiftung. Eine einzigartige Methode, auf eine Spendensammlung aufmerksam zu machen.

Los ging das im Kindergarten St. Joseph in Waldmössingen. Knapp 30 Stationen lagen auf der Reise der Kuckucksuhr auf ihrer knapp einjährigen Tour. Dem Vernehmen nach Mannke hat das uralte Original zur Reparatur geschenkt bekommen. Und zwar mit der Maßgabe: Mach‘ etwas sinnvolles damit.

Die Deutsche Kinderkrebsstiftung schrieb darüber:

Mit „Kuckuck on Tour“ will Uhrmacher Mannke nicht nur Kinder und Jugendliche begeistern. Der jüngeren Generation soll auch ein Stück Schwarzwälder Tradition vermittelt und auf das drohende Aussterben des Uhrmacherberufs aufmerksam gemacht werden. Nächste Station ist Ellzee bei Ulm. Die Uhr wird immer von einem deutschsprachigen Uhrmacher abgeholt, der sie dann gemäß dem feststehenden Fahrplan an die nächste Station verschickt, wo wieder ein Fachmann die Uhr in einer Einrichtung aufgehängt und vorgestellt. Von Deutschland führt die Reise über Norwegen bis hin nach Mexiko.

kinderkrebsstiftung.de

Die Weltreise, an der zahlreiche Uhrmacher-Kollegen Mannkes beteiligt waren – ein großes Netzwerk, das ihn unterstützte – , dauerte am Ende von Februar 2019 bis September 2020. Mannke hat das dokumentiert: mit handschriftlichen Notizen versehen auf Din-A-4-Ausdrucken. So war die Kuckucksuhr nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in Italien, der Schweiz, Brasilien und am Ende in Mexiko.

Dieser Lebenstraum ging für Mannke in Erfüllung. Der mutmaßliche Traum, an einen ebenfalls hochengagierten Uhrenliebhaber und Handwerker übergeben zu können und den Lebensabend ohne Zeitdruck zu erleben, leider nicht. Die Trauerfeier ist am 10. Mai.

Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.