Über Augenhöhe, Selbstwirksamkeit und wichtige Freiräume

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Auf diese drei Begriffe lässt sich die Debatte über kreative Bildung und lebendige Jugendkultur konzentrieren, die die Jugendkunstschule KREISEL am Donnerstag im Stadtmuseum ausrichtete. Anlass war das 20-jährige Bestehen der Jugendkunstschule Kreisel. Über die Gesprächsrunde berichtet die Leiterin der Jugendkunstschule Verena Boos in einem Gastbeitrag für die NRWZ:

Unter dem Motto „Räume (er)finden zwischen Enge und Weite – Kreative Bildung und lebendige Jugendkultur in ländlichen Räumen“ diskutierte Dorothee Eisenlohr mit den Kreativen Anne Hess und Ira Hugger, Rob Hak und Thomas Kuhner sowie Menja Stevenson vom Landesverband der Jugendkunstschulen. In Vertretung des erkrankten Bernhard Rüth moderierte Jugendkunstschulleiterin Verena Boos die Veranstaltung.

Augenhöhe

Nötig ist demnach Augenhöhe zwischen den Generationen, damit Jugendliche Selbstwirksamkeit erfahren können. Die Räume dafür können sehr unterschiedlich sein, haben aber alle eines gemeinsam: Sie müssen politisch gewollt sein.

Dass Schramberg diese Räume für Jugendkultur und Kreativität will, bekräftigte Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr mehrfach. Für Anliegen und Vorschläge in Sachen Jugend stünden ihre Türen offen, signalisierte die OB und wies außerdem darauf hin, dass die angemessene Beteiligung von Jugendlichen bei für diese relevanten Themen keinesfalls eine Kann-Leistung sei, sondern vielmehr von der Gemeindeordnung verpflichtend vorgesehen.

Die Schramberger Praxis, dass der Gemeinderat zu den Jugendlichen geht, zum Beispiel an die Schulen, griff die Rottweiler Stadträtin und KREISEL-Dozentin Ira Hugger als Inspiration für die dortige Gemeinderatsarbeit auf.

„Wir brauchen Schönheit“

Insgesamt sei die heutige Jugendkultur von großer Ausdifferenzierung geprägt, beobachtet Hugger und merkte an, dass Jugendliche die ländlichen Räume oftmals just in ihrer aktivsten Zeit für Ausbildung oder Studium verlassen. Für die Zukunft wünscht Hugger, dass in Sachen Jugend und Kunst „nicht der Pragmatismus siegt und nicht der Haushalt alles bestimmt. Wir brauchen Schönheit.“

Darin, dass auch in Zeiten knapper Kassen nicht bei den Kindern gespart werden dürfe, waren sich die Diskutanten einig. Unverzichtbar sei die Wertschätzung für die Kinder, aber auch für diejenigen, die mit den Kindern arbeiten.

Freie Entfaltung

Die Waldmössinger Künstlerin Anne Hess lehrt ebenfalls an der Jugendkunstschule in Oberndorf und Schramberg: „Bei uns liegt der Fokus auf dem Prozess und nicht so sehr auf dem Ergebnis. Hier erleben die Kinder freie Entfaltung, sie können experimentieren und selbst zu Lösungen finden.“

Die künstlerische Bildung gebe den Kindern eine Lösungskompetenz für alle Lebensbereiche an die Hand, nämlich Kreativität im besten und allumfassenden Sinn – niemals wichtiger als heute. Hess beklagte, dass es in Schramberg sowohl an Ausstellungsmöglichkeiten wie auch an Werkräumen mit adäquater Aufenthaltsqualität mangele.

Jugendkunstschulen als „Dritte Orte“ bieten notwendigen Freiraum

Menja Stevenson erläuterte, wie sich an Jugendkunstschulen Bildung im Zusammenspiel von sozialem Erleben, dem Erlernen von Techniken und künstlerischem Ausdruck abspielt. Als außerschulische Lernorte sind Kunstschulen weder Elternhaus noch Schule, sondern als „dritte Orte“ etwas ganz anderes und in vielen Aspekten nah an der Jugendarbeit.

In ihrer Willkommenskultur, ihrer niederschwelligen Preisstruktur und auch über Kooperationen mit den allgemeinbildenden Schulen stehen sie jedem Kind offen, erreichen jedoch längst noch nicht alle. In Zeiten von Krieg und Pandemie, Klimakrise und finanzieller Not leisten die künstlerischen Angebote der Jugendkunstschulen einen wichtigen Beitrag für die persönliche Stabilität und Resilienz der Kinder.

Blues

Thomas Kuhner verglich das richtige Verhältnis zwischen Struktur und Freiheit für Jugendliche mit dem Blues-Schema: „Es gibt kaum eine festere Form, aber darüber entwickelt sich die absolut freie Improvisation“, erklärte der Musiklehrer am Schramberger Gymnasium seine musikalische Metapher für die Räume, in denen sich Kreativität und Jugendkultur entfalten können.

In der “Fishbowl”: Dorothee Eisenlohr, Thomas Kuhner, Verena Boos und Rob Hak. Foto: privat

Kuhner berichtete von spannenden Projekten aus dem schulischen Kreativ-Alltag zwischen Lehrplan und außer-unterrichtlichen Aktivitäten: von der Tontechnik-AG, über Podcast-Projekte bis zum neuen SWR „Classic reloaded“-Format, das Jugendlichen Klassik auf coole Art näherbringt und demnächst nach Schramberg kommt. Bestes Beispiel für Kreativität und Kunstfertigkeit gab denn auch Kuhners frühere Schülerin Sophie Kussberger ab, die den Abend gesanglich virtuos einrahmte.

„Darf der Rob zum Skaten kommen?“

Der Rottweiler Multi-Künstler Rob Hak definierte Jugendkultur darüber, dass sie weitgehend selbstgemacht sei und aus sich selbst heraus und auf der Straße entstehe. Hak forderte eindringlich, dass die Erwachsenen Kindern keinen formellen Rahmen überstülpen, sondern auf sie zugehen und ihnen ernsthaft zuhören sollten. In der aktiven Zuwendung entstünden wichtige Entwicklungsräume.

Erwachsene müssten den Kindern mit Zeit und Engagement zur Seite stehen, denn sie haben mehr Kraft als Kinder, um Interessen über eine längere Zeit hinweg durchzukämpfen. Hak bleibt als erfolgreicher Künstler und Mediendesigner Teil der Skater-Szene und konnte mit der Erfahrung des Erwachsenen den Rottweiler Skate-Park mit ermöglichen, beispielsweise über eine Vereinsgründung, Fundraising und Fördergelder. Er berichtete über das Älterwerden in der Jugendkultur: „Bei uns klingeln halt heute Dreizehnjährige und fragen meine Frau, ob der Rob zum Skaten kommen darf.“

Im Anschluss an die Diskussionsveranstaltung wurde die Ausstellung mit Werken aus unterschiedlichen KREISEL-Kursen eröffnet. Sie ist im Schloss noch bis Ende Oktober zu den regulären Öffnungszeiten zu sehen. Weitere Infos auf www.kunstkreisel.de.

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