Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat nach eigenen Angaben einen Riesenberg an Überstunden ausgemacht, den die Beschäftigten in der Hotellerie und der Gastronomie geleistet hätten – oft ohne Bezahlung. Das sei Ergebnis einer Studie. Der Hotel-und Gaststättenverband Dehoga kontert auf Nachfrage der NRWZ: „Die von der NGG genannten Zahlen sind für uns nicht nachvollziehbar, zudem erscheint ihre Repräsentativität fraglich.“ Im Kern geht es NGG und Dehoga um die Verteilung der Arbeitszeit und neue Pläne der Bundesregierung: die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags, den Euinsatz einer Höchstarbeitszeit pro Woche.
Der Kreis Rottweil schiebt laut einer Mitteilung der NGG vom Mittwoch ordentlich Überstunden: Rund 2,2 Millionen Stunden hätten Beschäftigte im vergangenen Jahr im Landkreis Rottweil zusätzlich gearbeitet. Davon seien rund 1,2 Millionen Überstunden zum Nulltarif geleistet worden – also ohne Bezahlung. Das gehe aus dem „Arbeitszeit-Monitor“ hervor, den das Pestel-Institut im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten gemacht hat.
Studie: Mehr als die Hälfte an Überstunden unbezahlt
Allein in Hotels und Gaststätten im Landkreis Rottweil leisteten Köche, Kellnerinnen, Barkeeper & Co. demnach im vergangenen Jahr rund 25.000 Überstunden. „Das hat das Pestel-Institut auf Basis einer Auswertung der Bundesagentur für Arbeit ermittelt“, schreibt die NGG. Die Wissenschaftler hätten dabei für den Kreis Rottweil bundesweite Durchschnittswerte von Arbeitszeiten in der Gastronomie herangezogen. Demnach waren 53 Prozent aller im Landkreis Rottweil geleisteten Überstunden in Hotels, Restaurants, Gaststätten und Biergärten unbezahlt.
Diese drastischen Zahlen sorgten entsprechend für Schlagzeilen. „2024 wurden in Stuttgart rund 15,8 Millionen Überstunden gemacht„, titelte der SWR. „Berliner machen mehr als 30 Millionen Überstunden zum Nulltarif!“ die BZ. Und „Gewerkschaft NGG Heilbronn schlägt Alarm: 1,4 Millionen Überstunden unbezahlt“ die Tagesschau. Doch stimmt das so? „Die von der NGG genannten Zahlen sind für uns nicht nachvollziehbar“, antwortete eine Sprecherin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Baden Württemberg. „Zudem erscheint ihre Repräsentativität fraglich“, ergänzt sie.
Dehoga: Wir sind die Guten
So zeichne die amtliche Statistik ein anderes Bild: Laut aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes leisteten lediglich sechs Prozent der Beschäftigten im Gastgewerbe Überstunden. Tatsächlich haben die behördlichen Statistiker deutliche Unterschiede mit Blick auf einzelne Wirtschaftsbereiche ausgebracht. Am weitesten verbreitet war Mehrarbeit demnach in den Bereichen Finanz- und Versicherungsleistungen und Energieversorgung, wo 17 Prozent beziehungsweise 16 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Überstunden geschoben hätten. Am niedrigsten sei der Anteil mit 6 Prozent im Gastgewerbe, urteilte das Bundesamt und bestätigt die Dehoga-Zahl.
Die Dehoga-Sprecherin ergänzt: „Wer am Markt bestehen, Arbeitsplätze sichern und Mitarbeitende fair bezahlen will, bietet Leistungen dann an, wenn sie nachgefragt werden.“ Es gehe also um eine bestmögliche Verteilung der Arbeitszeit auf die Spitzenzeiten – im Sinne der Beschäftigten, der Unternehmerinnen und der Unternehmer sowie der Gäste. Den allermeisten der mehr als zwei Millionen Beschäftigten in der Hotellerie und Gastronomie sei dieser Zusammenhang sehr wohl bewusst. „Unstrittig ist: Überstunden müssen grundsätzlich in Geld oder Zeit ausgeglichen werden – dafür bestehen klare gesetzliche und tarifliche Regelungen wie zum Beispiel Arbeitszeitkonten“, so die Dehoga-Sprecherin.
Streit um tägliche beziehungsweise wöchentliche Höchstarbeitszeit
Die Gesamtarbeitszeit solle dabei gleich bleiben – und die gesetzlichen Ruhezeiten unberührt. „Deshalb ist es so wichtig, dass die von der Bundesregierung geplante Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit, so wie es auch die EU-Arbeitszeitrichtlinie vorsieht, jetzt schnell auf den Weg gebracht wird“, sagt die Dehoga.
Konträr anders sieht es die Gewerkschaft NGG, womit der Streitpunkt in dem Thema offensichtlich wird: „Der Überstundenberg im Kreis Rottweil dürfte demnächst noch größer werden“, warnt die Gewerkschaft. Grund seien Pläne der Bundesregierung, die Arbeitszeit neu zu regeln: „Schwarz-Rot will eine wöchentliche Höchstarbeitszeit und den Acht-Stunden-Tag abschaffen. Betriebe könnten von ihren Beschäftigten dann verlangen, auch zehn, elf oder in der Spitze sogar 12 Stunden und 15 Minuten pro Tag zu arbeiten“, sagt Burkhard Siebert von der NGG Schwarzwald-Hochrhein.
Die Dehoga hält dagegen: „Die derzeitige Grenze von acht, maximal zehn Stunden pro Tag passt nicht mehr zur Arbeitsrealität – nicht nur in unserer Branche.“ Ob bei großen Veranstaltungen, bei Minijobbern oder in saison- und wetterabhängigen Betrieben – es gebe „zahlreiche Situationen, in denen selbst mit bester Personalplanung die starre Tagesgrenze nicht praktikabel ist“. Auch viele Beschäftigte wünschten sich, ihre Arbeitszeit auf zwei, drei oder vier längere Arbeitstage zu konzentrieren. „Eine Mutter oder ein Vater hat beispielsweise für sich berechnet, mit zwei Zwölf-Stunden-Arbeitstagen pro Woche nicht nur finanziell am besten zu fahren, sondern auch die Kinderbetreuung gezielt nur an diesen beiden Tagen nutzen zu müssen“, erklärt die Dehoga-Sprecherin die Haltung ihres Verbands. Dieses Modell ermögliche eine optimale Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Andere Beschäftigte wiederum bevorzugen der Dehoga zufolge statt einer Fünf- eine Vier-Tage-Woche. Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Mitarbeitende müssten die Möglichkeit haben, die Arbeitszeit sachgerechter und flexibler auf die Wochentage zu verteilen.
Die NGG Schwarzwald-Hochrhein aber will dies verhindern und argumentiert: Schon jetzt betrage die maximale Arbeitszeit 48 Stunden pro Woche. In der Spitze seien sogar 60-Stunden-Wochen möglich. „Das sind Extrem-Arbeitswochen. Selbst wenn so ‚Hammer-Wochen‘ innerhalb eines Vierteljahres ausgeglichen werden müssen.“ Doch noch schlimmer werde es, wenn die Bundesregierung jetzt tatsächlich ans Arbeitszeitgesetz Hand anlegt und den Acht-Stunden-Tag kippt. Dann würde laut der NGG nur noch das europäische Recht ein Wochen-Limit für die Arbeitszeit setzen. „Und das wäre brutal: Arbeitgeber könnten ihre Beschäftigten dann sogar zu 73,5-Stunden-Wochen verdonnern – nämlich zu sechs Tagen à 12 Stunden und 15 Minuten im Job. Das wäre fast das doppelte Wochen-Pensum von heute – und damit Arbeitszeit-Stretching pur“, so Siebert.
Wache Zeit komplett mit der Arbeit belegt
Der Geschäftsführer der NGG Schwarzwald-Hochrhein wettert wörtlich: „Viele Arbeitgeber im Kreis Rottweil würden das hemmungslos ausnutzen. Es drohen dann völlig überladene Arbeitswochen, bei denen man die Stunden, in denen man nicht schläft, fast komplett im Job oder auf dem Weg zur Arbeit verbringt. Das macht Menschen dann aber fix und fertig. Außerdem würde dabei ein Riesenberg an Überstunden auflaufen. Und ans Abfeiern der Überstunden ist sowieso nicht zu denken – bei dem Fachkräftemangel, der eigentlich überall herrscht.“ Und er ergänzt: „Nach acht Stunden Arbeitszeit steigt die Gefahr von Arbeitsunfällen rasant an. XXL-Arbeitstage bedeuten auf Dauer eine Belastung für den Körper und für die Psyche: von Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen bis zum Burnout“, so Siebert.
Außerdem würden laut der NGG aktuell 73 Prozent aller Teilzeit-Jobs im Landkreis Rottweil von Frauen gemacht. Die Gewerkschaft beruft sich dabei auf Angaben der Arbeitsagentur. Gewerkschafter Siebert appelliert daher an die Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis Rottweil und der Region, dem „Herumschrauben am Arbeitszeitgesetz in Berlin einen Riegel vorzuschieben“. Außerdem ersetzten 10- oder 12-Stunden-Tage keine fehlenden Fachkräfte. „Gute Arbeitsbedingungen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, systematische Qualifizierung und mehr Ausbildung. Das sind die richtigen Hebel für mehr Fachkräfte. Verschiebereien bei der Arbeitszeit sind nichts anderes als das Löcherstopfen bei einer zu dünnen Personaldecke“, so Siebert.