Kern-Liebers Druck und Gegendruck

Überzogene Forderungen oder schlechtes Management – was ist Schuld an den Problemen?

Kern-Liebers am Standort Sulgen. Foto: him

SCHRAMBERG  (him) –  Har­te Vor­wür­fe gehen hin und her: von Unter­stel­lun­gen ist die Rede, von Erpres­sung. Betriebs­rat und die Gewerk­schaft IG-Metall auf der einen und die Geschäfts­lei­tung von Kern-Lie­bers auf der ande­ren Sei­te sind auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs. Am Don­ners­tag  fand eine Betriebs­ver­samm­lung statt. Am Diens­tag ver­teil­te die IG-Metall dazu einen offe­nen Brief an die Geschäfts­lei­tung

Worum geht es?

Am Stand­ort Schram­berg lau­fen die Geschäf­te nicht so, wie sie soll­ten. Dafür macht die Gewerk­schaft dem Manage­ment Vor­wür­fe: Die Feh­ler­quo­te ver­schlin­ge Mil­lio­nen, die Per­so­nal­po­li­tik sei ver­fehlt, „aus Sicht des Betriebs­rats ist kei­ne Stra­te­gie erkenn­bar“.

Auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs: Doro­thee Diehm von der IG Metall.…. Archiv-Foto: him

Der Vor­sit­zen­de der Geschäfts­lei­tung Dr. Udo Schnell ent­geg­net im Gespräch mit der NRWZ, das Haupt­pro­blem sei eine Zusatz­ver­ein­ba­rung im Tarif­ver­trag, wonach die Mit­ar­bei­ter ent­we­der acht zusätz­li­che Urlaubs­ta­ge neh­men kön­nen oder ent­spre­chend mehr Geld ver­die­nen. Die­ses Tarif­li­che Zusatz­geld kurz „T-ZUG“ kön­ne er aus meh­re­ren Grün­den nicht zah­len. Da die meis­ten Kon­kur­ren­ten nicht tarif­ge­bun­den sei­en, sei Kern-Lie­bers bei höhe­ren Löh­nen im Nach­teil und nicht kon­kur­renz­fä­hig. Die acht Urlaubs­ta­ge umzu­set­zen sei in der Pro­duk­ti­on „extrem schwer“.

Verhandlungen gescheitert

Schnell hat­te vor den Som­mer­fe­ri­en die IG-Metall und den Betriebs­rat zu einem Gespräch ein­ge­la­den, das dann Mit­te Sep­tem­ber auch statt­fand. In einem Aus­hang hat­te Schnell anschlie­ßend die Beleg­schaft infor­miert. In die­sem Aus­hang, so die IG-Metall, habe er „Stand­ort­ver­klei­ne­rungs­plä­ne“ ange­kün­digt. Am 25. Sep­tem­ber habe die Geschäfts­füh­rung die Betriebs­rats­mit­glie­der Ste­fan Stein­brück­ner, Josef Fude­rer und Gün­ter Remen­sper­ger dar­über infor­miert, „dass die Geschäfts­füh­rung ver­schie­de­ne Ver­la­ge­rungs­sze­na­ri­en … aus­ar­bei­ten lässt.“

Außer­dem habe Schnell eine Ver­klei­ne­rung der Aus­bil­dung und einen Stel­len­ab­bau im indi­rek­ten Bereich ange­kün­digt, „sofern die Beschäf­tig­ten nicht bereit sei­en, auf das Tarif­er­geb­nis 19/20 im Volu­men von jähr­lich zwei Mil­lio­nen Euro zu ver­zich­ten.“ Schnell bestä­tigt, dass er „Ver­la­ge­rungs­sze­na­ri­en“ in Auf­trag gege­ben habe, es gebe aber kei­ne fer­ti­gen Papie­re oder Plä­ne. “Es ist noch nichts ent­schie­den.“

Schnell begrün­det dies mit der Wei­ge­rung der Gewerk­schaft, über das The­ma „T-ZUG“ über­haupt zu reden. Die Kon­se­quenz sei, dass der Stand­ort Schram­berg im Lau­fe der Jah­re sich ver­klei­nern wer­de.

IG-Metall: Schon genug verzichtet

Laut Gewerk­schaft hat die Beleg­schaft mit den zwei Stun­den unbe­zahl­ter Mehr­ar­beit in den letz­ten bei­den Jah­ren auf jeweils drei Mil­lio­nen Euro ver­zich­tet. Die For­de­rung, auf wei­te­re vier Mil­lio­nen ver­zich­ten zu sol­len, sto­ße „auf Unver­ständ­nis und Ableh­nung“. Schnells (angeb­li­che) Ankün­di­gung,  wenn die Beleg­schaft nicht bereit sei, auf wei­te­re vier Mil­lio­nen zu ver­zich­ten, wer­de der Stand­ort ver­klei­nert, kom­me einer Erpres­sung gleich.

Für IG-Metall sind vie­le der Pro­ble­me bei Kern-Lie­bers haus­ge­macht. Die Feh­ler­kos­ten lägen schon seit min­des­tens fünf Jah­ren „auf einem völ­lig inak­zep­ta­blen hohen Niveau“, heißt es in dem Brief. Die­ses schlech­te Niveau kos­te den Betrieb jähr­lich bis zu sechs Mil­lio­nen Euro.

.…und der Vor­sit­zen­de der Geschäfts­füh­rung von Kern-Lie­bers, Dr. Udo Schnell. Foto: him

Schnell wider­spricht. Man habe zwar das Ziel, die Qua­li­tät zu ver­bes­sern, nicht erreicht, sei aber auf einem guten Weg. Die hohen Feh­ler­kos­ten lägen zum einen dar­an, dass in Schram­berg sehr anspruchs­vol­le Pro­duk­te an- und hoch­lie­fen. „Ein lan­ger Zeit­raum, bis das läuft, ist da ganz nor­mal.“ Außer­dem sei die Hälf­te der Feh­ler­kos­ten auf „geplan­te Feh­ler“ zurück­zu­füh­ren, bei­spiels­wei­se Abfall, der beim Stan­zen ent­ste­he.

In der Per­so­nal­po­li­tik for­dern die Gewerk­schaf­ter unter ande­rem, Mit­ar­bei­ter müss­ten bes­ser moti­viert  wer­den. In der Pro­duk­ti­on gäbe es vie­le Stö­run­gen und Pro­duk­ti­ons­aus­fäl­le, weil Fach­per­so­nal feh­le oder die Qua­li­tät der Halb­fa­bri­ka­te aus dem Aus­land nicht stim­me.

Schnell: Kritik überzogen und oft schlicht falsch

Wei­ter bemän­geln die Betriebs­rä­te, es feh­le an kla­ren Ver­ant­wort­lich­kei­ten: „Nie­mand will ent­schei­den, Pro­ble­me wer­den nur wei­ter­ge­scho­ben und nicht gelöst.“ Die­se Schil­de­run­gen sei­en wie vie­les in dem offe­nen Brief „über­zo­gen oder schlicht falsch“, ent­geg­net Schnell.

Im offe­nen Brief äußert die IG Metall die Ver­mu­tung,  der Stand­ort Schram­berg „soll bewusst nur ein nied­ri­ges oder nega­ti­ves EBIT (Brut­to­ge­winn, Anm. d. Red.) erwirt­schaf­ten, um von der Beleg­schaft immer neue Opfer ein­for­dern zu kön­nen“.

Das will Schnell nicht auf sich sit­zen las­sen und spricht von einer Unter­stel­lung. Auch der Vor­wurf der IG-Metall, die Geschäfts­lei­tung von Kern-Lie­bers ver­su­che „einen wei­te­ren Griff in die Taschen der Beleg­schaft“, sei „unan­ge­mes­sen“. Er ver­ste­he nicht, wes­halb die IG-Metall das The­ma T-ZUG ins­ge­samt so hoch­sti­li­sie­re.

Zum Ver­lauf der Betriebs­ver­samm­lung bei Schram­bergs größ­tem Arbeit­ge­ber berich­ten wir an ande­rer Stel­le auf NRWZ.de