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Gäubahn – ein Abgesang

Ein satirischer Gastbeitrag von Thomas C. Breuer.

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Lesezeit 9 Min.

„Gäubahn – Gäste brauchen Geduld.“ So titelte eine in der Region durchaus bekannte Tageszeitung Mitte Oktober 2024: Wer diese Geduld bis dahin nicht entwickelt hatte, dem war schon damals nicht zu helfen. Gäubahn – allein der Name, da denken die in Berlin doch: Gäubahn – WTF? Muss irgendeine alberne Nebenstrecke sein, wahrscheinlich im Süden, können wir grad knicken. 

Porca miseria! Diese Route verband auf der direttissima Stuttgart mit Milano Centrale. Wer hätte je gedacht, dass der Cisalpino mal vermisst wird? Eine „Conducteurin“ der SBB beliebte sich seinerzeit so auszudrücken: Am Anfang habe man ja gedacht, das seien alles Kinderkrankheiten, diese seien aber gleich in die Altersschwäche übergegangen. Im März 1998 hatte man den Cisalpino mit einigem Pomp am Hauptbahnhof Zürich vorgestellt und geprahlt, man könne damit 17 Minuten eher in Stutt­gart sein. In Stutt­gart? 17 Minuten eher? Yes! Nur: Wozu? Nach elf Jahren war Schluss, finito, ausrangiert.

Auftritt Stuttgart 21. Moment: 2021 liegt jetzt fünf Jahre zurück … Stuttgart 26 also. Oder 28. Whatever. 32? Vom Kopfbahnhof zum Sackbahnhof, eine unterirdische Geschichte. Bereits 1994 wurde das Projekt Stuttgart 21 der verblüfften Weltöffentlichkeit vorgestellt, was für den Bahnhof den „Unter“gang bedeutete. Stuttgart wird tiefer gelegt, basta, die Landeshaupt­stadt erhält endlich mehr Tiefgang. Es soll sogar geheime Pläne gegeben haben, ganz Stuttgart unter die Erde zu legen, um dann oben eine komplett neue Stadt zu bauen, z. B. Pforzheim II. Offiziell soll der neue Stadtteil Rosensteinquartier heißen. Ob überhaupt etwas daraus wird, stand lange in den Sternen, denn eigentlich dürfen keine Schienen wegen einer Bebauung rausgerissen werden. Die Gemengelage gestaltet sich schwierig. 

Es ist nicht so, dass die Deutschen keine Wunderlichkeiten zum Streckenverlauf der Gäubahn beigetragen hätten, die häufige Eingleisigkeit beispiels­weise, die zwar den Franzosen geschuldet ist, die das zweite Gleis nach dem Krieg als Wiedergutmachung rausgerupft haben, um damit das Eisenbahnnetz von Madagaskar zu optimieren, aber das hatten wir uns selbst zuzuschreiben. Die zweitausend Kilometer zwischen Ulan-Ude und Peking kommen auch mit einem Gleis aus. Wo hat man das schon, dass Züge vom Kaliber IC auf Gegenzüge warten müssen? 

Ich bin regelmäßiger Kunde seit gefühlt 1796. Es ist jedes Jahr ein bisschen schlimmer geworden. Okay, nicht weinerlich werden. Schließlich habe ich mich bewusst für die Bahn entschieden, im Wissen darüber, dass in Deutschland die Transformation zum Nichtöffentlichen Verkehrsmittel noch nicht ganz abgeschlossen ist. Schon mal den Namen Wagenknecht gehört? Mit etwas Pech – ja. Eigentlich passt der gut auf unseren aktuellen Bundesverkehrsminister, und sämtliche davor – alles Wagenknechte. Wahre Meister der Auto-Sug­ges­tion. Wenn es in „The Länd“ einen Grund gibt, die Grünen nicht zu wählen, ist das für mich Verkehrtminister Winfried Hermann, wenn er denn noch einmal antreten würde. Die Entwicklungsverhinderung der Südmarginalen kann doch nicht im Interesse einer grünen Verkehrspolitik liegen, es sei denn, sie wird von Mercedes und Porsche gesponsert. Für viele ist Bahnfahren seit langem eh nichts anderes als eine permanente bahntraumatische Belastungsstörung. Sogar zu Fuß: Wer jemals im Stuttgarter Hauptbahnhof den „Fernwanderweg“ von den Gleisen bis zur Königstraße durchmessen musste, wird das gerne bestätigen.

Am 10. Februar 2026 hat die Deutsche Bahn ohne Zeremonie – wie es in der Presse heißt – mit den vorbereitenden Arbeiten für den Pfaffensteigtunnel begonnen. Ein geschickter Termin, der in der allgemeinen Fasnetsglückseligkeit leicht übersehen wurde. Was hätte das auch für eine Zeremonie werden sollen? Einzig ein Trauergottesdienst wäre angebracht gewesen. Für Bahnreisende wird es jedenfalls allmählich ernst. die Deutsche Bahn hebt also an (oder ab?) zur „next level performance“.  

Pfaffensteigtunnel. Allein der Name – ich kann mir nicht helfen, aber ich finde, den Begriffen „Pfaffen“ und „steig“ in einem Wort wohnt irgendetwas Anzügliches inne. Im Klartext: Ciao Panoramastrecke, die einem stets eine großartige Aussicht bescherte verbunden mit der Einsicht, dass es uns einfachen Bürgern vom Land vergönnt war, zumindest für ein paar Minuten auf die Landeshauptstadt herabzuschauen, mit dem tröstlichen Gedanken, dass einem das Rattenrennen am Hauptbahnhof eine kleine Weile erspart bleibt – Rattenrennen durchaus im wörtlichen Sinn. Ab 2032 werden wir getunnelt. Ein Thema mit einem hohen Zugewinn – an Fassungslosigkeit, Schwäb‘sche Eisebahne at ist worst.

S21 ist gezeichnet von gewaltigen Kostenexplosionen, gegen die sich Silvesterknallereien ausnehmen wie Flatulenzen im Wind. Natürlich hat sich wegen der Streckenverkürzung Protest geregt, aber das tapfere Scherflein Provinzbürgermeister scheint in Stuttgart niemand ernst zu nehmen. Und die Gäubahn-Initiative? Redlich, aber letztlich bieder. Ich habe an mal an einer Kappungssitzung teilgenommen und war mit meinen damals 72 Jahren nicht einmal der Älteste. Digga, wo sind die launigen Clips auf TikTok oder Insta, wo ist die angesagte Bahnfluencerin, die den Kids erklärt, wie cringe es in Zukunft sein wird, in Stuttgart zur Uni, zum Ausbildungsplatz oder zur Schule zu kommen? Also das Gegenteil von posh. Eine Möglichkeit: die Londoner U-Bahn macht jedes Jahr im Januar mit der „No Trousers Tube Ride“ auf sich aufmerksam.

Wir erleben eine weitere Degradierung einer an Höhepunkten gewiss nicht armen Strecke: Der Bahnhof Singen als Gesamtkunstwerk, um Besucher aus dem Ausland abzuschrecken. Die geschmeidigen Zugkreuzungen bei Spaichingen. Der Bahnhofsbäcker von Rottweil. Rheinmetall! Die Wühlmäusewiesen entlang des Neckars.

Ätztechnik Herz – allein der Name, der schon Kollegen wie Wiglaf Droste ins Schwärmen geraten ließ. Die Dieseldüfte in der Horber Unterführung, geschuldet der Regionalbahn 74 von bzw. nach Tübingen. Nächster Halt: Gäufelden – wow! Endlich Vaihingen Grand Central – von da wird man in Zukunft bei unmittelbarem Körperkontakt mit möglichst viel Gepäck per Öffis in die Stadt gekarrt: die Route wird täglich neu berechnet. In jedem Fall empfiehlt sich hier vor Inbetriebnahme eine Probebegehung. Stuttgart: Ein Hauch von Metropole, Subway, Tube, Métro, you name it. Wir sollten dankbar sein, auf diese Weise tagtäglich zur Selbstaufwertung der Megacity am Neckar beitragen zu können. Ab 2032 – also vielleicht – steuert die Bahn dann den Flughafen Fernbahnhof an. Ich möchte den Stuttgartern keinesfalls zunahe treten, aber allein dieser Name rückt diese Haltestelle nicht auf eine Stufe mit dem Pendant am Frankfurter Flughafen, und tatsächlich sagt der Name „Fernbahnhof“ alles: den meisten Gäubahnnutzern liegt dieses Ziel fern.

Es gäbe freilich einen Trick, wie man sich sein Bahnleben in Deutschland verschönern kann: Einfach mal länger mit der amerikanischen Bahn­gesellschaft Amtrak reisen – hinterher erscheint einem Deutschland als bahn­technisches Turbo-High­tech-Wun­der­land. Aber wer heute noch nach Amerika? Was uns hier erwartet: lebenslänglich Schienenersatzverkehr – auf der Schiene! Richten wir lieber den Blick auf das Positive: Die Bahn bemüht sich redlich und kommt ihren Kunden in vielen Bereichen entgegen: Ein Beispiel aus dem August 2025: Die Fahrkarte von Rottweil nach Freiburg kostet 15.85 Euro. Stornieren kann ich sie bis einen Tag vor der Reise kostenfrei. Danach, also am Abreisetag, ist eine Stornierung gegen Entgelt von 17.50 Euro möglich. Das nenne ich ein attraktives Angebot. Wer für die Strecke Rottweil-Oberndorf – Fahrtzeit zehn Minuten – den Flexpreis in der ersten Klasse bucht, hat freien Zugang zur DB-Lounge. Spielt es da eine Rolle, dass es auf dem Abschnitt eher keine Lounge gibt?

© Thomas C. Breuer Rottweil 16.02.2026 a

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