Karfreitag und das Grauen des Krieges

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Tod und Leiden sind Themen, mit denen uns der Krieg in der Ukraine derzeit besonders konfrontiert. In der christlichen Symbolwelt sind sie auf das engste mit dem Karfreitag verbunden. Die Kunst hat die biblische Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu vielfach aufgegriffen. Eine dennoch seltene Darstellung findet sich in der „Schächerkapelle“ bei Irslingen – und sie erzählt nicht nur von der Kreuzigung, sondern auch von Krieg.

Die Enge im kleinen, keine vier Quadratmeter messenden Raum macht die Atmosphäre noch beklemmender. Man muss den Kopf recken, um in die Gesichter sehen zu können, muss aufblicken zu dieser grausamen Hinrichtungsszene, die einem hier bestürzenden nahe gerückt wird. Ins Auge sticht dabei vor allem der Delinquent, der von Jesus aus gesehen links hängt: Er blickt aus aufgerissenen Augen, hat verbissene Gesichtszüge, die Arme zerren an den Fesseln, die ihn erbarmungslos am Balken halten.

Vor allem: Der Mann stiert verbissen weg vom scheinbar friedlich am Kreuz hängenden Gottessohn. Ganz anders der zweite Schächer – ein altes Wort für Räuber oder Verbrecher: Dieser ist Jesus zugewandt, zeigt kaum Spuren von Schmerz und wirkt nicht aufgewühlt.

Der unbekannte Schnitzer hat so kenntlich gemacht, was das Lukas-Evangelium in Kapitel 23, Vers 39 bis 44, über die beiden Männer berichtet, die der Überlieferung zufolge auf zusammen mit Jesus gekreuzigt wurden: Der eine, der Legende nach namens Dismas, zeigt in seiner Todesstunde Reue und Einsicht. Er und der andere Übeltäter würden diese Strafe verdienen, befindet er – ganz im Gegensatz zu Jesus: „Dieser aber hat nichts Unrechtes getan,“ stellt Dismas fest.

Sinnbild für die zwei Wege nach christlichem Verständnis: Dismas (im Bild rechts) wendet sich von Jesus ab, der andere Schächer, Gestas wendet sich Jesus zu – und damit auch dessen Heils- und Erlösungsversprechen. Foto: al

Er wendet sich Lukas zufolge sogar direkt an Jesus: „Denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!,“ fleht er. Dieser wiederum ist bereits ganz der Heilsbringer und verspricht Erlösung: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

In Gegensatz zu diesem, alles Irdische hinter sich lassender Akt der Versöhnung, steht das Verhalten des anderen Schächers. Jener, der Überlieferung zufolge mit Namen Gestas, verharrt selbst angesichts des nahen Endes in Zorn: „Bist du nicht der Christus?“, fragt er laut Lukas höhnisch. Voll bitterem Spott fordert er Jesus, seine Göttlichkeit doch hier und jetzt zu beweisen: „So hilf dir selbst und uns!“

Die beiden Schächer stehen somit nach christlichem Verständnis auch sinnbildlich für den Menschen an sich. Und für dessen Wahl zwischen zwei Wegen: zwischen Gottvertrauen und Verlorenheit, für oder gegen den christlichen Glauben.

Ein kleines Gebäude mit dichter Symbolik: Die Schächerkapelle am Saum des Neckartals über Epfendorf. Foto: al

„Der Schächerkult war im späten 17. Jahrhundert verbreitet“, weiß der frühere Rottweiler Stadtarchivar Dr. Winfried Hecht, der sich mit dem Thema intensiv beschäftigt hat. Gleichwohl kennt er im Raum Rottweil nur noch eine weitere Schächer-Kapelle. Sie liegt zwischen Bösingen und Beffendorf, wie die Irslinger Betstätte nahe einer alten Markungsgrenze – in diesem Falle der zum Herderer Hof. Der Doppelsinn, das das Schächermotiv bei früheren Hinrichtungs-Stätten zu finden ist, wo es Delinquenten auf göttliche Gnade verwies, fehlt allerdings bei beiden Kapellen.

Gleichwohl dokumentieren die Schächer-Kapellen auch, dass Grausamkeit für die Menschen des 17. Jahrhunderts kein biblisch fernes Geschehen darstellte. Der Dreißigjährigen Krieg lag noch nicht lange zurück, als die Kapelle am Saum des Neckartals erbaut wurde. Eine Inschrift verweist auf den Bezug zum Krieg. Über die Hälfte der Bevölkerung am Oberen Neckar hatte diese lange nachwirkende Schreckenszeit nicht überlebt.

Errichtet wurde die Kapelle noch unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Foto: al

Vor allem das evangelische Schweden, verbündet mit Württemberg, war in der Region Rottweil damals noch in schlimmer Erinnerung. Im Jahr 1634 hatten die Truppen des schwedischen Generals Horn die Gegend heimgesucht. Wohl auch deshalb meint der Volksmund, beim Typus des unbekehrbaren Schächers von Irslingen handle es sich um einen Schweden. Der breite Schnurr- und spitze Kinnbart, noch dazu in einem hellbraun-rötlichen Farbton gehalten, gelten als Belege für diese Lesart.

Winfried Hecht allerdings widerspricht: Die Figur zeige eine im 17. Jahrhundert gängige Haartracht. Landsmannschaftlich lasse sich der Irslinger Gestas also nicht festlegen. Und auch die üble Nachrede, sie seien besonders brutale Soldaten gewesen, will der Historiker auf den Schweden nicht sitzen lassen: „Die waren nicht besser, aber auch nicht schlechter als die anderen.“

„Schächer-Käpelle“ wird der Andachtsort in Irslingen genannt. Foto: al